(David Berger) Die Corona-Jahre waren für Millionen Deutsche nicht nur eine Zeit politischer Bevormundung, sondern auch der Erfahrung bedrückender Ohnmacht. Felix Perrefort beschreibt nun einen Stimmungswechsel: Die Ohnmacht weicht, die Gegenöffentlichkeit wächst – und die einst so selbstsicheren Hüter der politischen und medialen Deutungshoheit geraten unter Druck.
„Ich spüre die Ohnmacht nicht mehr, die ich während der letzten Jahre, insbesondere der Corona-Jahre, so dermaßen spürte.“ Mit diesem Satz beginnt Felix Perrefort einen Text auf X, der weit über eine persönliche Befindlichkeit hinausweist. Denn diese Ohnmacht war eine der prägendsten Erfahrungen der Corona-Jahre. Man konnte demonstrieren, schreiben, argumentieren, auf Widersprüche hinweisen – und hatte dennoch den Eindruck, gegen eine nahezu geschlossene totalitär agierende Front aus Politik, Behörden und großen Medien anzureden. Wer Maßnahmen kritisierte, die Verhältnismäßigkeit staatlicher Eingriffe bezweifelte oder Fragen zur Impfpolitik stellte, musste damit rechnen, nicht widerlegt, sondern moralisch und dann auch wirtschaftlich bzw. überlebenstechnisch aussortiert zu werden.
Perrefort beschreibt treffend das Selbstverständnis jener Jahre: „Sie konnten einen einst übergehen, durchherrschen und sich anschließend in ihre Glashäuser der Macht zurückziehen, die sie selbst für Burgen der Vernunft hielten.“ Die „Glashäuser der Macht“ sind ein starkes Bild. Denn inzwischen wird hineingeschaut. Alte Gewissheiten zerbrechen, Akten werden veröffentlicht, Aussagen von damals mit dem heutigen Kenntnisstand verglichen, Widersprüche dokumentiert. Was früher durch Verschweigen erledigt werden konnte, wird heute von einer großen Gegenöffentlichkeit aufgegriffen und verbreitet. Das sich Merkel nun zum Opfer dieser Zeit stilisiert, ist nicht nur schäbig, es signalisiert auch einen Epochenwechsel.
Panik bei Merz & Co fordert immer mehr Zensur
Das alles gilt aber längst nicht mehr nur für Corona. Die alte Bundesrepublik der überschaubaren Meinungskorridore funktioniert nicht mehr. Alternative Medien, Podcasts, X, YouTube und unabhängige Journalisten haben das Informationsmonopol der großen Medienhäuser aufgebrochen. Eine Nachricht, die morgens ignoriert wird, kann abends hunderttausendfach verbreitet sein. Ein Dokument, das nicht in die gewünschte Erzählung passt, verschwindet nicht mehr zwangsläufig in einer Schublade. Genau darin liegt die Veränderung, die Perrefort beschreibt: „Die Mächtigen und ihre Unterstützer haben keine kleine Minderheit mehr vor sich, die sie verspotten können, sondern eine Gegenöffentlichkeit, die ihre Deutungshoheit gebrochen hat und die Beteiligung der Ausgegrenzten unvermeidlich macht.“
Das ist der entscheidende Punkt. Es geht nicht darum, eine alte Orthodoxie durch eine neue zu ersetzen. Auch alternative Medien können irren, übertreiben oder schlecht recherchieren. Aber die Zeiten, in denen wenige Redaktionen darüber entschieden, was eine seriöse Meinung und was angeblich unsagbar war, sind vorbei. Und deshalb wächst sich die Nervosität zur Panik aus, besonders deutlich sichtbar in dem derzeitigen halbstark-hilflosen Rumgezacke von Noch-Bundeskanzler Merz.
Kaum ein politisches Thema kommt noch ohne Warnungen vor „Desinformation“, „Fake News“, „Hass und Hetze“ und Forderungen nach stärkerer Regulierung der sozialen Netzwerke aus. Natürlich gibt es Lügen und Verleumdungen im Internet. Aber die entscheidende Frage lautet: Wer bekommt die Macht, Wahrheit und „Desinformation“ verbindlich voneinander zu scheiden? Eine freie Öffentlichkeit braucht keine Wahrheitswächter. Sie braucht Widerspruch, Recherche und die Möglichkeit, den Mächtigen ihre eigenen Aussagen von gestern vorzuhalten. Perrefort beschreibt die Veränderung mit einem zweiten starken Bild: „Ja, sogar nach Jahren merkelanischer Einöde sprießen wieder Pflanzen aus dem Boden der Bundesrepublik.“
„Die Verhältnisse haben zu tanzen begonnen“
Diese Pflanzen sind nicht aus Parteizentralen gewachsen. Sie wachsen dort, wo Menschen aufgehört haben, auf die Erlaubnis der alten Autoritäten zu warten: in neuen Medien, Bürgerinitiativen, sozialen Netzwerken und nicht zuletzt an der Wahlurne. Der Bürger, der sich jahrelang als Objekt politischer Erziehung behandeln lassen sollte, entdeckt wieder, dass Demokratie etwas anderes bedeutet: Die Regierenden haben sich vor den Regierten zu rechtfertigen – nicht umgekehrt. Darin steckt die eigentliche Sprengkraft des Textes. Denn politische Macht kann mit Protest umgehen. Sie kann Demonstrationen absperren, Kritik ignorieren und Opposition moralisch diskreditieren. Gefährlicher für jede erstarrte Machtstruktur wird es, wenn Menschen ihre Angst verlieren. Perrefort formuliert es so: „Der Politikwechsel drückt so sehr von unten, dass er nicht mehr zu unterdrücken ist. Die Verhältnisse haben zu tanzen begonnen.“
Ob und in welche Richtung sich dieser Politikwechsel vollzieht, entscheiden am Ende die Bürger. Doch eines hat sich bereits verändert: Die Deutungshoheit ist umkämpft. Die Ausgegrenzten reden wieder mit. Die Verspotteten antworten. Und die Übersehenen haben gelernt, sich ihre eigene Öffentlichkeit zu schaffen. Geht es noch demokratischer? Das allein ist ein Grund, den Kopf wieder zu heben. Nicht weil der Kampf um Freiheit und offene Debatte gewonnen wäre. Sondern weil die bleierne Ohnmacht jener Jahre Risse bekommen hat. Kopf hoch. Die Glashäuser stehen noch. Aber sie sind durchsichtig geworden. Und fast hätte ich geschrieben, dass auch die Steine bereit liegen, aber das könnte dann auch von ebenso hysterisch-panisch agierenden Institutionen missverstanden werden.
Zur Person
Felix Perrefort, Jahrgang 1989, studierte Filmwissenschaft und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Freien Universität Berlin sowie Kulturwissenschaft im Masterstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben journalistischen Arbeiten veröffentlichte er auch wissenschaftlich, unter anderem 2018 einen Aufsatz über „Islamischen Antirassismus“ und die Verteidigung des Universalismus. Mehrere Jahre arbeitete Perrefort für die Achse des Guten, zunächst auch im Bereich Social Media, später als Redaktionsmitglied. Im November 2023 wechselte er als Redakteur zu NIUS. Inhaltlich beschäftigt er sich vor allem mit deutscher Innenpolitik, Medien, Islam, Corona-Aufarbeitung und der Verteidigung bürgerlicher Freiheitsrechte.
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