Zum 21. September: Platon Aivazidis – der Märtyrer von Patmos

(David Berger) Wer mit der Fähre Patmos erreicht, in Skala von Bord geht und den Hafenort der Insel betritt, begegnet schon bald der dunklen Gestalt eines orthodoxen Geistlichen. Die rechte Hand ist zum Segen erhoben. Auf dem Sockel steht ein Name, der in Deutschland kaum jemandem etwas sagen dürfte: Platon Aivazidis. Am heutigen 21. September gedenkt die orthodoxe Kirche des aus Patmos stammenden heiligen Priesters, der 1921 in Amaseia im Pontos am Galgen starb.

Patmos ist für Christen untrennbar mit dem heiligen Johannes und seiner Apokalypse verbunden. Hoch über Skala erhebt sich das Johanneskloster; auf halbem Weg hinauf zur Chora liegt die Höhle, in der nach der Überlieferung Johannes die Offenbarung empfing. Doch die kleine Ägäisinsel hat noch andere Heilige hervorgebracht. Einer von ihnen ist Platon Aivazidis, dessen Lebensweg von der Klosterwelt seiner Heimat bis zum Galgen im kleinasiatischen Amaseia führte. Seine erst 2026 in Skala aufgestellte Statue wirkt deshalb wie eine Begrüßung und zugleich wie eine Mahnung. Noch bevor der Besucher hinauf zum Johanneskloster gelangt, begegnet ihm ein Märtyrer des 20. Jahrhunderts.

Von Patmos in den Pontos

Platon Aivazidis wurde 1852 auf Patmos geboren. Mit 15 Jahren trat er als Novize in das berühmte Kloster des heiligen Johannes des Theologen ein und besuchte die traditionsreiche Patmiada-Schule. Später führte ihn sein Weg nach Konstantinopel. 1892 wurde er Diakon des Metropoliten von Lemnos. Eine entscheidende Gestalt seines Lebens wurde Metropolit Germanos Karavangelis, eine der markantesten Persönlichkeiten der griechischen Kirche jener Zeit. Platon wurde sein Mitarbeiter und folgte ihm schließlich nach Amaseia im Pontos. Dort wirkte er als Protosynkellos – eine Stellung, die sich annähernd mit der eines Generalvikars vergleichen lässt. Damit geriet der Mönch von Patmos mitten in eine der blutigsten Epochen der Geschichte der kleinasiatischen Christen.

In den letzten Jahren des Osmanischen Reiches und während des türkischen Unabhängigkeitskrieges wurden die griechisch-orthodoxen Gemeinden des Schwarzmeerraumes Opfer von Deportationen, Vertreibungen, Gewalt und Hinrichtungen. Griechenland erkennt diese Ereignisse als Genozid an den Pontos-Griechen an; die internationale staatliche Anerkennung dieser Einordnung ist bis heute nicht einheitlich. 1921 wurden in Amaseia vor den sogenannten Unabhängigkeitsgerichten zahlreiche führende Persönlichkeiten der griechischen Bevölkerung des Pontos angeklagt. Unter ihnen befanden sich Geistliche, Politiker, Kaufleute, Lehrer und Journalisten. Auch Archimandrit Platon Aivazidis geriet in die Hände der türkischen Nationalbewegung. Ihm wurde vorgeworfen, einen Aufstand der Griechen unterstützt zu haben.

Am 21. September 1921 wurde Platon Aivazidis in Amaseia durch den Strang hingerichtet. Er war etwa 69 Jahre alt. Sein Todestag wurde zu seinem kirchlichen Gedenktag; die orthodoxe Kirche verehrt ihn als Hieromärtyrer. Sein Tod stand nicht für sich allein. Die Prozesse von Amaseia trafen einen erheblichen Teil der politischen, geistlichen und kulturellen Führungsschicht der pontischen Griechen. Für die griechische Erinnerung gehören die Galgen von Amaseia deshalb bis heute zu den Symbolen der Verfolgung des Pontos-Griechentums.

„Vergesst niemals meinen Strick und meinen Galgen“

Gerade deshalb lohnt es sich, vor der Statue in Skala nicht nur auf die Gestalt des Heiligen, sondern auch auf ihren Sockel zu schauen. Die obere Inschrift nennt ihn den heiligen „Ethno-Hieromärtyrer“ Platon Aivazidis von Patmos, Protosynkellos von Amaseia im Pontos, und erinnert an seine Hinrichtung am 21. September 1921. Der griechische Ausdruck „Ethno-Hieromärtyrer“ lässt sich nur unvollkommen ins Deutsche übertragen. Er verbindet das Priestermartyrium mit dem Schicksal des eigenen Volkes. Platon starb in einer historischen Situation, in der sich Glaube, Kirche und die Zugehörigkeit zum bedrängten griechischen Volk nicht voneinander trennen ließen.

Noch eindringlicher ist die zweite Inschrift am Sockel. Dort werden Aivazidis die Worte zugeschrieben: „Vergesst niemals, o Freunde, Griechen und Landsleute, meinen Strick und meinen Galgen, der von den Ungeheuern auf dem Platz von Amaseia errichtet wurde.“ Das ist eine Sprache, wie sie unserer heutigen, sorgfältig banalisierten Erinnerungskultur fremd geworden ist. Der Galgen wird beim Namen genannt, ebenso diejenigen, die ihn errichteten. Und es wird an die Landsleute appelliert. Das Denkmal will nicht nur an einen frommen Priester erinnern. Es hält die Erinnerung an die Verfolgung wach, der Aivazidis und mit ihm zahlreiche Griechen des Pontos zum Opfer fielen.

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität seiner Gestalt. Christentum war für diesen Mann keine unverbindliche Humanitätslehre und kein religiös dekorierter Kosmopolitismus. Sein Glaube hatte einen konkreten Ort und konkrete Menschen. Er bedeutete Kirche, Liturgie, Heimat und Treue – und schließlich die Bereitschaft, das eigene Leben nicht höher zu achten als das, wofür man Verantwortung übernommen hatte. Das mag einer Gegenwart fremd erscheinen, die Religion gern auf private Befindlichkeit reduziert und Heimatliebe schnell unter Verdacht stellt. Die Märtyrer der Kirche sprechen eine andere Sprache. Sie erinnern daran, dass der christliche Glaube dort seine Ernsthaftigkeit beweist, wo Treue etwas kostet.

Der Märtyrer empfängt die Ankommenden

Vielleicht berührt die Statue von Platon Aivazidis deshalb besonders, wenn man Patmos vom Meer her erreicht. Die Fähre legt in Skala an, Reisende ziehen mit ihren Koffern in den Hafenort, Cafés und Tavernen öffnen sich zum Kai – und unweit davon steht der Priester, der vor 105 Jahren an einem Galgen starb. Die meisten ausländischen Besucher werden seinen Namen nicht kennen. Viele werden an der Statue vorbeigehen, ohne die griechische Inschrift zu verstehen. Wer stehen bleibt, entdeckt jedoch hinter dem Denkmal ein Kapitel christlicher Geschichte, das im Westen weitgehend vergessen ist.

Patmos ist die Insel der Apokalypse. Sie erzählt vom Evangelisten Johannes, von Verfolgung und Treue und vom Widerstreit zwischen den Mächten dieser Welt und dem Bekenntnis zu Christus. Platon Aivazidis gehört auf seine Weise in diese Geschichte. Zwischen Johannes und dem Priester aus dem 20. Jahrhundert liegen fast zwei Jahrtausende. Die Frage aber ist dieselbe geblieben: Was ist der Glaube wert, wenn seine Treue einen Preis verlangt?

Am 21. September erinnert Patmos an einen seiner Söhne, der darauf mit seinem Leben geantwortet hat. Auf der Insel der Apokalypse steht Platon Aivazidis heute mit erhobener Segenshand. Hinter ihm liegt das Johanneskloster seiner Jugend, weit entfernt der Ort seines Todes. 105 Jahre nach seiner Hinrichtung ist der Galgen von Amaseia verschwunden. Die Verfolgung von Christen durch den Islam ist zu einem enormen Problem angewachsen. Der Segen des Märtyrers aber ist geblieben.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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