Kardinal Ranjith fordert Verzicht auf Kirchensteuer – harte Kritik an deutscher Kirchensteuerkirche

(David Berger) Kardinal Malcolm Ranjith spricht sich für die Abschaffung der Kirchensteuer zugunsten freiwilliger Beiträge aus. Der Erzbischof von Colombo verbindet seinen Vorstoß mit einer deutlichen Kritik an der geistlichen Entwicklung der Kirche in Europa.

Die deutsche Kirchensteuer hat einen neuen prominenten Kritiker: Kardinal Malcolm Ranjith empfiehlt den europäischen Kirchen, auf dieses Finanzierungssystem zu verzichten. In einem am 6. November veröffentlichten Interview mit Tribune Chrétienne erklärt der Erzbischof von Colombo, die Erhebung einer Kirchensteuer entspreche nicht der Lehre Christi. Besser seien freiwillige Beiträge. Die Kirche würde dadurch stärker von ihren Gläubigen abhängen, statt sich auf Immobilien und Kapitalanlagen zu stützen. Ranjith rechnet ausdrücklich mit anfänglichen Schwierigkeiten. Dennoch hält er diesen Weg für angemessener, um Christus glaubwürdig zu bezeugen und dem Geist seiner Lehre treu zu bleiben. Zugleich würde eine Abschaffung der Kirchensteuer auch die Gleichschaltung etwa der deutschen Kirchensteuerkirche mit einer weitgehend nihilistisch agierenden politischen „Elite“ beenden.

Damit stellt der Kardinal eine Frage, die gerade die deutsche Kirche treffen muss: Welche Bedeutung hat die freiwillige Unterstützung der Gläubigen für eine Institution, deren Einnahmen durch einen staatlich organisierten Steuereinzug gesichert werden? Freiwillige Beiträge verlangen Vertrauen. Wer Menschen um Unterstützung bittet, muss ihnen vermitteln können, weshalb die eigene Arbeit diese Unterstützung verdient. Für eine Kirche, die von persönlicher Glaubensentscheidung spricht, wäre eine solche Verbindung zwischen Überzeugung und finanzieller Mitverantwortung durchaus folgerichtig.

Die geistliche Krise reicht tiefer

Ranjiths Kritik erschöpft sich allerdings nicht in Finanzfragen. Er sieht auch eine theologische Revolution als Mitursache des europäischen Glaubensverlustes: Sie habe tragende Grundlagen geschwächt. Die westliche Kirche habe geistliches und liturgisches Erbe aufgegeben, weil sie meinte, dem gesellschaftlichen Strom, dem Zeitgeist folgen zu müssen. Kirchliche Verantwortliche müssten ihre theologischen und pastoralen Entscheidungen deshalb überprüfen. Für die deutschen Debatten ist außerdem seine Feststellung bedeutsam, dass weder Bischofskonferenzen noch synodale Versammlungen die Vollmacht besäßen, Christi Lehre nach eigenen Vorstellungen zu verändern. Die westlichen Länder könnten über Fragen von Lehre, Moral und kirchlichen Ämtern nicht allein für die Weltkirche entscheiden. Die Verbindung dieser Aussagen und ihr Bezug zur Deutschen Bischofskonferenz ist brisant. Finanzielle Stärke verleiht einer Ortskirche keine zusätzliche Lehrvollmacht. Auch ein gut ausgestatteter Apparat muss sich daran messen lassen, ob er den empfangenen Glauben weitergibt.

Die Kirchensteuerfrage wird in Deutschland häufig als Verwaltungs- und Finanzierungsproblem behandelt. Wie viele Stellen wären ohne sie zu halten? Welche Einrichtungen müssten schließen? Solche Fragen sind berechtigt. Ranjith lenkt den Blick jedoch auf das Verhältnis zwischen der Kirche und ihren Gläubigen. Ein freiwilliger Beitrag kann Ausdruck von Dankbarkeit, Zugehörigkeit und persönlicher Verantwortung sein. Er macht zugleich sichtbar, ob Menschen die Arbeit ihrer Kirche mittragen. Diese Rückmeldung mag unbequem ausfallen. Gerade darin liegt ihr Wert. Der Kardinal fordert damit einen Schritt, der den deutschen Kirchenbetrieb erheblich verändern würde. Seine Anregung verdient eine ernsthafte Debatte. Denn die entscheidende Frage lautet, wie die Kirche Menschen für Christus gewinnt. Ein Steuerbescheid kann diese Aufgabe nicht übernehmen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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