Merkel will nun Opfer der Corona-Diktatur sein: Plötzlich war Bill Gates schuld

(David Berger) Jahrelang stand Angela Merkel wie kaum eine andere Politikerin für die fatale deutsche Corona-Politik und den totalitär-menschenverachtenden Druck auf Ungeimpfte. Nun erzählt die ehemalige Bundeskanzlerin, Bill Gates habe mit seinem Geld „moralischen Druck“ ausgeübt und dadurch „eine große Macht“ erlangt. Eine erstaunliche nachträgliche Rollenverteilung: Aus der mächtigsten Frau Deutschlands wird im Ruhestand ein Opfer der Macht anderer.

Es gehört zu den rettenden Seiten des politischen Ruhestands, dass Verantwortung allmählich ihre Besitzer wechseln kann. Angela Merkel hat nun Bill Gates entdeckt: Im Handelsblatt-Podcast vom September 2026 berichtete sie, der Microsoft-Milliardär habe „qua Geld moralischen Druck“ ausüben können; Deutschland habe schnell als geizig dagestanden, wenn seine Stiftung mit deutschen Beiträgen für internationale Programme unzufrieden war. Gates habe dadurch „eine große Macht erlangt“.

Nun könnte man beinahe eine Träne verdrücken. Die arme Angela Merkel: sechzehn Jahre Bundeskanzlerin, Regierungschefin der größten Volkswirtschaft Europas, Dauergast bei EU-, G7- und G20-Gipfeln, Politikerin, deren Entscheidungen während der Euro-, Migrations- und Corona-Krise das Leben von Millionen Menschen tiefgreifend veränderten – und dann kam Bill Gates und übte „moralischen Druck“ aus. Wie schrecklich. Nur hat diese Geschichte einen Schönheitsfehler: Merkel war nicht das Opfer der deutschen Corona-Politik. Sie war Bundeskanzlerin und trug politische Verantwortung für einen der schwersten Grundrechtseingriffe in der Geschichte der Bundesrepublik.

Erst freiwillig, dann wurde Freiheit zur Impffrage

Im November 2020 hatte Merkel noch versichert, die Corona-Impfung werde freiwillig sein: „Es wird also keine Verpflichtung geben.“ Im Juli 2021 klang es bereits anders: „Je mehr geimpft sind, desto freier werden wir wieder sein, desto freier können wir wieder leben.“ Bald hieß das „Freimpfen“: Bürger sollten sich durch eine medizinische Entscheidung jene „Privilegien“ zurückverdienen, bei denen es sich vielfach um die Ausübung zuvor eingeschränkter Grundrechte handelte. Im August folgte die Ausweitung der 3G-Regeln; Ungeimpfte mussten Tests vorlegen und diese schließlich selbst bezahlen – keine gesetzliche Impfpflicht, aber ein erheblicher staatlicher und gesellschaftlicher Impfdruck. Der Ungeimpfte wurde zum Bürger zweiter Klasse, ja in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zum Untermenschen. Deutsche Regierungen erließen die Regeln, Bund und Länder unterschieden zwischen Geimpften, Genesenen und Ungeimpften, und Merkel selbst verband Freiheit mit der Impfquote. Nicht nur Merkel, auch weite Teile des politischen und medialen Betriebs genossen ihre neu gewonnene Macht über das Alltagsleben der Bürger geradezu mit sadistischer Befriedigung.

Besonders bitter wirkt rückblickend die moralische Gewissheit, mit der die Impfung politisch beworben wurde. Merkel verkündete im September 2021 im Bundestag: „Impfen wirkt. Man schützt sich und die Liebsten. Impfen bringt uns die Freiheit zurück.“ Später zeigte sich, dass der Schutz vor Infektion und Übertragung praktisch nicht gegebene war;  zugleich wurden ernsthafte Nebenwirkungen zu einer echten Bedrohung der so viel beschworenen „Volksgesundheit“.

Gates konnte finanzieren, lobbyieren und nach Merkels Darstellung moralischen Druck ausüben; Merkel stand dagegen an der Spitze eines Staates mit hoheitlicher Gewalt. Nicht Gates erließ deutsche Verordnungen oder bestimmte Zugangsvoraussetzungen. Und ausgerechnet die Politikerin, unter deren Regierung aus der „selbstverständlich“ freiwilligen Impfung eine Eintrittskarte in immer größere Teile des normalen Lebens wurde, erzählt uns heute von „moralischem Druck“. Man kann das unfreiwillige Komik nennen. Weniger freundlich ließe es sich als nachträgliche toxische Heuchelei bezeichnen.

Von der Täterin zum Opfer

Merkels Aussagen über Gates haben freilich noch eine andere Seite: Wenn ein milliardenschwerer privater Stifter nach Aussage einer ehemaligen Bundeskanzlerin kraft seines Geldes Druck auf Regierungen ausüben und dadurch „große Macht“ gewinnen konnte, muss gefragt werden, welchen Zugang private Stiftungen zu Regierungen und internationalen Gesundheitsorganisationen besaßen, wie gesundheitspolitische Prioritäten entstanden und wo philanthropische Förderung in politischen Einfluss überging. Nur kann Merkel diese Fragen schwerlich stellen, als sei sie aus einem hundertjährigen Dornröschenschlaf erwacht und habe gerade erfahren, dass es zwischen 2005 und 2021 eine Bundesregierung gab. Sie führte diese Bundesregierung. Während Corona warnte Merkel auch nicht vor Gates. Ihre Regierung arbeitete mit drastischen Szenarien und einer Kommunikationspolitik, deren bewusster Einsatz von Angst später heftig kritisiert wurde; Merkel warb massiv für die angeblich nebenwirkungsfreie „Impfung“ und erklärte sie zum Weg zurück in die Freiheit. Heute dagegen erfahren wir, wie mächtig die anderen waren: Gates hatte Geld, Gates hatte Einfluss, Gates übte Druck aus. Merkel verwandelt sich rückblickend zur hilf- und ahnungslosen Protokollantin ihrer eigenen Regierungszeit. Fehlt eigentlich nur noch, dass sie uns erklärt, wer jene Frau mit der Raute war, die damals ständig im Fernsehen erschien.

Wenn Gates tatsächlich jene „große Macht“ besaß, von der Merkel heute spricht, wäre es Aufgabe ihrer Regierung gewesen, diesem Einfluss Grenzen zu setzen und ihn transparent zu machen. Eine Bundeskanzlerin wird nicht dafür gewählt, Jahre später in Podcasts darüber zu plaudern, wer sie unter Druck gesetzt hat, sondern dafür, diesem Druck während ihrer Amtszeit standzuhalten. Im Ruhestand vollzieht sich nun die bequemste aller Merkel-Metamorphosen: Aus der Regierungschefin wird die Zeitzeugin, aus der Handelnden die Beobachterin, aus der Verantwortlichen für eines der größten Verbrechen in der bundesdeutschen Geschichte das Opfer. Die Schuld verdunstet und verteilt sich auf Pandemie, Experten, Sachzwänge, internationale Organisationen und jetzt Bill Gates. Nur eine Person sollte bei dieser wundersamen Verantwortungsverdunstung nicht verloren gehen: Angela Merkel. Bill Gates war niemals deutscher Bundeskanzler. Angela Merkel war es.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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