Unglaublich: Die Deutschen wollen Merkel zurück – haben sie wirklich alles vergessen?

(David Berger) Ausgerechnet Angela Merkel soll es richten: Fast jeder zweite Befragte traut der früheren Kanzlerin die Lösung der heutigen Probleme eher zu als Friedrich Merz. Dabei tragen viele dieser Probleme die politische Handschrift ihrer 16 Regierungsjahre. Was Sarah Bosetti bei der Caritas-Preisverleihung noch halb scherzhaft als Merkel-Comeback ins Spiel brachte, erscheint plötzlich als Ausdruck einer erstaunlichen politischen Amnesie.

Es klang wie ein ziemlich übler Scherz: Bei der Verleihung des Elisabethpreises der Caritas an Angela Merkel brachte Sarah Bosetti die frühere Bundeskanzlerin sinngemäß wieder als Kanzlerkandidatin ins Spiel. Ausgerechnet Merkel zurück ins Kanzleramt? Jene Angela Merkel, deren 16 Regierungsjahre Deutschland so tiefgreifend verändert haben und deren politische Hinterlassenschaft das Land bis heute beschäftigt?

Nun zeigt sich: Bosettis Pointe lag offenbar näher an der Stimmung im Land, als man glauben wollte. Eine aktuelle YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur kommt zu einem für Friedrich Merz verheerenden Ergebnis: 48 Prozent der Befragten halten Angela Merkel für besser geeignet als den amtierenden Bundeskanzler, die heutigen Probleme Deutschlands zu lösen. 29 Prozent halten beide für ungefähr gleich geeignet oder ungeeignet. Nur acht Prozent meinen, Merkel wäre schlechter als Merz.

Mutter aller Probleme

Ausgerechnet jener Politikerin, in deren 16 Regierungsjahren einige der folgenreichsten Weichenstellungen der jüngeren deutschen Geschichte vorgenommen wurden, wird nun zugetraut, die daraus entstandenen oder verschärften Probleme besser zu lösen. Da ist vor allem die Migrationspolitik des Jahres 2015, deren katastrophale Folgen Deutschland bis heute beschäftigen. Hinzu kommen der überstürzte Atomausstieg, die wachsende Abhängigkeit von russischem Gas und der tiefgreifende Umbau der CDU, das folgenreiche Versagen in der Corona-Zeit, das sie nun Bill Gates anlastet. Merkel verwaltete Deutschland nicht einfach 16 Jahre lang – sie veränderte das Land nachhaltig. Viele der Entscheidungen, deren Folgen heute bei Migration, Energieversorgung, innerer Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt beklagt werden, tragen ihre politische Handschrift. Sie nun ausgerechnet als Retterin vor den Problemen zu verklären, die während ihrer langen Kanzlerschaft entstanden oder verschärft wurden, hat daher etwas geradezu Absurdes. Es ist, als riefe man die Architektin eines Hauses zurück, weil einem plötzlich die Risse in den Mauern auffallen.

Umso erstaunlicher ist die neue Merkel-Nostalgie. Die frühere Kanzlerin erscheint plötzlich als Verkörperung einer verlorenen Stabilität. Offenbar genügt ein schwacher Friedrich Merz, damit die Erinnerung an 16 Jahre Merkel weichgezeichnet wird. Natürlich ist die Umfrage deshalb auch ein verheerendes Signal für den amtierenden Kanzler, noch ein weiteres, möchte man sagen. Wenn fast die Hälfte der Befragten einer seit Jahren aus dem Amt geschiedenen Vorgängerin mehr Problemlösungskompetenz zutraut, sagt das viel über das Vertrauen in die gegenwärtige Regierung.

Kurzzeitgedächtnis

Doch das macht die Sache nur paradoxer: Deutschland blickt auf seine gegenwärtigen Krisen – und ein erheblicher Teil der Bevölkerung entdeckt ausgerechnet eine Politikerin als Problemlöserin wieder, unter deren Regierung zentrale Voraussetzungen dieser Krisen geschaffen oder verstärkt wurden. Sarah Bosettis Scherz war damit womöglich näher an der politischen Stimmung, als man glauben wollte. Merkel muss gar nicht zurückkehren. Es genügt offenbar, dass die Erinnerung an ihre Regierungszeit verblasst. Das politische Gedächtnis der Deutschen scheint mitunter kürzer zu sein als die Halbwertszeit der Probleme, die Politik hinterlässt.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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