Skandal vor Synagoge in Halle: AfD-Landtagsvizepräsident vom Gedenken ausgeschlossen

(David Berger) Ein demokratisch gewählter Landtagsvizepräsident will der Opfer des antisemitischen Terroranschlags von Halle gedenken – doch Aktivisten verwehren ihm den Zugang zur Synagoge. Der Vorfall wirft Fragen nach dem Verhältnis von Gedenken und parteipolitischem Aktivismus auf. Bereits Ende August hatte Philosophia Perennis der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) sieben kritische Fragen zu ihrer Anti-AfD-Kampagne gestellt. Antworten stehen bis heute aus.

Am 9. Oktober 2019 versuchte ein Attentäter, am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur in die Synagoge von Halle einzudringen, um die dort versammelten Gläubigen zu ermorden. Nur die gesicherte Eingangstür verhinderte ein noch größeres Blutbad. Der Täter erschoss anschließend zwei Menschen, Jana L. und Kevin S., beides keine Juden, und verletzte weitere Personen.  Sieben Jahre später wurde der Jahrestag erneut zum Schauplatz einer politischen Auseinandersetzung. Hans-Thomas Tillschneider (AfD), Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt, wollte nach eigenen Angaben in Vertretung des Landtagspräsidenten Tobias Rausch an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Doch einige rüde auftretende „Aktivisten“ versperrten ihm den Zugang zur Synagoge.

Tillschneider schilderte den Vorfall auf X folgendermaßen: „Das Bild gibt die Situation gut wieder. In Vertretung von Tobias Rausch sollte und wollte ich an dem Gedenken an den schrecklichen Amoklauf von Halle teilnehmen. Eine Gruppe fanatisierter Studenten beschimpfte mich als Nazi und verwehrte mir den Zutritt zur Synagoge.“ Aus dem Kreis der Protestierenden soll zudem der Satz gefallen sein: „Wir werden Neofaschisten nie wieder in unsere Synagogen lassen.“

Wenn politische Aktivisten darüber entscheiden wollen, wer trauern darf

Man muss weder Mitglied noch Anhänger der AfD sein, um den Vorgang als Skandal zu empfinden. Ein gewählter Repräsentant des Landes Sachsen-Anhalt will nach eigener Darstellung in offizieller Vertretung der Opfer eines antisemitischen Verbrechens gedenken und wird daran gehindert. Dabei werden mit der Beschimpfung eines demokratischen Politikers als Nazi auch noch der nationale Sozialismus und dessen Verbrechen bagatellisiert. Ausgerechnet an einem Ort, an dem sieben Jahre zuvor ein mörderischer Anschlag auf jüdische Gläubige verübt werden sollte, wird die Erinnerung zum Gegenstand demonstrativer politischer Konfrontation. Selbstverständlich besitzt jede jüdische Gemeinde das Recht, über den Zugang zu ihrer Synagoge selbst zu bestimmen. Aber gerade diese hat dieses Recht nicht verweigert: Der Gemeindevorsitzende Max Privorozki betonte gegenüber der Jüdischen Allgemeinen, dass gegenüber Hans-Thomas Tillschneider kein Hausverbot ausgesprochen worden sei.

Gerade deshalb ist die Frage von erheblicher Bedeutung, wer den Ausschluss Tillschneiders veranlasste und mit welcher Begründung. Denn die bloße Zugehörigkeit zu einer zugelassenen, von einer Mehrheit der Bürger Sachsen-Anhalts gewählten Partei kann nicht ohne Weiteres als Beweis dafür gelten, dass jemand das Gedenken an die Opfer instrumentalisieren möchte. Dass Tillschneider als Politiker kontrovers beurteilt wird, steht außer Frage. Aber auch die Kritik an seinen Positionen entbindet die Protestierenden nicht von der Verpflichtung, ihr eigenes Vorgehen zu rechtfertigen, zumal es sich nicht um irgendeinen Politiker sondern den Vizepräsidenten des Landtags und so einen offiziellen Vertreter jenes Landes handelt, dass diese Synagoge mitfinanziert hat.

Besonders bemerkenswert ist die Rolle der Jüdischen Studierendenunion Deutschland. Ihr Präsident Ron Dekel hatte bereits im September öffentlich erklärt, dass seine Organisation gegen eine politische Vereinnahmung des Gedenkens durch rechte Politiker vorgehen wolle. Die Ereignisse vom 9. Oktober stehen damit im Zusammenhang einer länger vorbereiteten politischen Auseinandersetzung.

Bereits Ende August stellte PP sieben unbequeme Fragen

Diese Auseinandersetzung hat eine Vorgeschichte, die den Lesern von Philosophia Perennis nicht vorenthalten werden soll. Bereits Ende August 2026 richteten wir an die JSUD eine ausführliche journalistische Anfrage. Anlass war die Kampagne „Demokratiefeinde Anhalten“, mit der die Organisation im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gegen die AfD mobilisierte. In ihrer Pressemitteilung begründete die JSUD ihre Kritik unter anderem mit den Positionen der AfD zur deutschen Erinnerungskultur und möglichen finanziellen Folgen einer Kündigung von Staatsverträgen für jüdische Gemeinden. Wie immer ging und geht es also auch hier um die Fleischtöpfe, wofür man dann gern

Auffällig erschien uns, dass der islamistische und muslimisch geprägte Antisemitismus sowie mögliche Auswirkungen der Zuwanderung aus Gesellschaften mit verbreiteten antisemitischen Einstellungen in dieser Begründung keine vergleichbare Rolle spielten. Deshalb stellten wir sieben Fragen. Wir wollten wissen, was für die JSUD im Vordergrund steht: der konkrete Schutz jüdischen Lebens oder die Sicherung staatlicher Finanzierung und bestehender institutioneller Strukturen? Weshalb nimmt die Frage der Finanzierung in ihrer Kampagne einen derart prominenten Platz ein?

Wir fragten nach ihrer Einschätzung der Gefährdung jüdischen Lebens durch islamistischen Antisemitismus, nach den Konsequenzen der Migration aus entsprechend geprägten Gesellschaften und nach der Bedeutung dieser Entwicklungen seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023.

Weiter wollten wir erfahren, weshalb die JSUD jene Forderungen der AfD, die sich gegen Islamismus und antisemitische Aktivitäten aus islamistischen Milieus richten, nicht wenigstens einer sachlichen Prüfung unterzieht. Eine solche Prüfung bedeutet selbstverständlich keine politische Unterstützung der Partei. Sie wäre aber Ausdruck der Bereitschaft, einzelne sicherheitspolitische Positionen unabhängig von parteipolitischen Vorbehalten zu bewerten.

Schließlich baten wir um belastbare Untersuchungen zur ideologischen Herkunft antisemitischer Bedrohungen und Gewalttaten sowie um Auskunft über die Finanzierung der JSUD und ihrer Kampagne: Wie hoch ist deren Budget, und welche öffentlichen beziehungsweise privaten Mittel werden eingesetzt?

Auf keine dieser sieben Fragen haben wir bislang eine Antwort erhalten.

Wo sind die Aktivisten, wenn Islamisten und Linksextremisten Juden bedrohen?

Die Ereignisse von Halle verleihen unseren damaligen Fragen zusätzliche Aktualität. Denn während Aktivisten einen AfD-Politiker am Zugang zur Synagoge hinderten, stellt sich weiterhin die Frage, mit welcher Entschlossenheit sie gegen jene Formen des Antisemitismus auftreten, die aus islamistischen, antiisraelisch-extremistischen und bestimmten linksradikalen Milieus hervorgehen. Warum stehen diese Studenten nicht vor der Zentral der Linken, Grünen und der SPD in Berlin? Dort, wo das Problem nach Ansicht ihrer jüdischen Mitbrüder besonders arg ist:

Rot-Rot-Grün in Berlin: Juden denken wieder ans Auswandern

Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wurden bei Demonstrationen antisemitische Parolen, die Verherrlichung terroristischer Gewalt und die Einschüchterung jüdischer Menschen dokumentiert. Die Grenzen zwischen militantem Antizionismus, islamistischer Ideologie und Teilen der radikalen Linken erwiesen sich dabei vielfach als durchlässig. Wie ernst die Bedrohung ist, zeigen auch die Zahlen des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS). Für das Jahr 2025 registrierte RIAS bundesweit 8.725 antisemitische Vorfälle, darunter 178 Angriffe und vier Fälle extremer Gewalt. Zu Letzteren gehörte der islamistisch motivierte Messerangriff auf einen Touristen am Berliner Holocaust-Mahnmal.

Eine Ende September 2026 vorgestellte Untersuchung zu Antisemitismus in islamischen und islamistischen Kontexten beschäftigt sich ausdrücklich mit dieser Erscheinungsform des Judenhasses. Die Untersuchung unterstreicht, dass die ideologischen Hintergründe antisemitischer Vorfälle differenziert betrachtet werden müssen und dass islamistische Motive eine eigenständige sicherheitspolitische Herausforderung darstellen. Hinzu kommen Erkenntnisse über die Zusammenarbeit unterschiedlicher extremistischer Akteure in antiisraelischen Protestmilieus. Untersuchungen des Berliner Vereins democ haben entsprechende Verbindungen zwischen islamistischen beziehungsweise militanten palästinensischen Gruppierungen und Teilen der radikalen Linken beschrieben.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage an die JSUD keineswegs abwegig: Wo finden sich vergleichbar sichtbare Kampagnen gegen islamistische Judenfeindschaft, gegen die Verherrlichung der Hamas und gegen linksextremistische Netzwerke, in denen antisemitische Positionen verbreitet werden? Welche konkreten Aktionen hat die Organisation gegen solche Strukturen unternommen? Welche Konsequenzen fordert sie aus den dokumentierten antisemitischen Übergriffen? Und weshalb standen diese Fragen in der von uns kritisierten Kampagnenbegründung nicht ebenso deutlich im Vordergrund wie die Auseinandersetzung mit der AfD, bei der man Antisemitismus und Hass auf Israel vergeblich suchen wird?

Der Terroranschlag von Halle ist ein erschütternder Beweis dafür, welche mörderischen Folgen antisemitischer Fanatismus haben kann. Wer dieses Verbrechen relativiert oder wie die JSUD perfide für ganz andere Ziele instrumentalisiert, verkennt seine historische und moralische Bedeutung.  Wer zum islamistischen Terror der Hamas, antisemitischer Gewalt auf deutschen Straßen und die Verbindungen zwischen extremistischen antiisraelischen Bewegungen und den Linken schweigt und stattdessen versucht das Gedenken an die Opfer dieser Gewalt aus lauter linker Verblendung zu verhindern, hat jede Glaubwürdigkeit verloren.

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(c) Pixabay überarb.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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