(David Berger) Hans-Georg Lindenau ist 67 Jahre alt, sitzt im Rollstuhl, betreibt einen Szeneladen in Berlin-Kreuzberg und gehört selbst zum linken Milieu. Weil er sich öffentlich gegen Judenhass stellt, wurde er wiederholt zum Ziel von Angriffen aus der islamistischen Pali-Hamas-Szene. Der Tagesspiegel berichtet über seine Angst, die Übergriffe und eine für das linke Milieu Berlins typische Reaktion: Während Nachbarn dem bedrohten Mann Solidarität zeigen, herrscht in Teilen der linksradikalen Szene auffälliges Schweigen. Ausgerechnet dort also, wo man sonst besonders lautstark den Kampf gegen Faschismus und Antisemitismus für sich reklamiert.
Man stelle sich nur vor, Lindenau wäre nachweislich von Rechtsextremisten angegriffen worden. Vermutlich wären längst Demonstrationen organisiert, Solidaritätserklärungen veröffentlicht und politische Konsequenzen gefordert worden. Doch wenn der Judenhass nicht ins gewohnte Täterbild passt, scheint die Empörung plötzlich an ihre Grenzen zu stoßen. Offenbar ist für manche nicht allein entscheidend, was einem Opfer angetan wird, sondern auch, wer als Täter infrage kommt.
Besonders unangenehm ist dieser Fall für die sogenannte Antifa, deren gewaltbereite linksextremistisch-terroristische Strukturen. Wer politische Gegner einschüchtert, körperliche Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung einsetzt und sich dabei zum moralischen Richter über die Gesellschaft aufschwingt, muss sich an seinen eigenen Ansprüchen messen lassen. Das gilt erst recht für jene Gruppen, die unter dem Banner des Antifaschismus auftreten, während sie selbst demokratische Grundregeln missachten. Denn Judenhass kommt praktisch nicht mehr mit Springerstiefeln und Hakenkreuz daher. Er zeigt sich heutzutage hinter vermeintlich antikolonialen Befreiungsparolen, tritt unter einer Palästinaflagge auf oder gibt sich in softerer Form als angeblich legitime Kritik an Israel aus.
Der verlogene Kampf gegen den „Rassismus“
Der Fall Lindenau legt damit einen Widerspruch offen. Das viel beschworene „Nie wieder ist jetzt“ verliert endgültig die letzten Reste seiner moralischen Glaubwürdigkeit, sobald es nur noch dort mit Nachdruck vertreten und so perfide instrumentalisiert wird, wo sich damit zugleich politische Gegner bekämpfen lassen. Der Schutz jüdischen Lebens darf aber keine Frage parteipolitischer Opportunität sein.
Dabei ist die Sache denkbar einfach: Wer einen Menschen bedroht oder zusammenschlägt, weil er gegen Judenhass Stellung bezieht, verdient unmissverständliche Verurteilung – unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Gesinnung. Und wer angesichts solcher Übergriffe schweigt, obwohl er sich sonst als besonders entschiedener Kämpfer gegen Antisemitismus präsentiert, kann schon lange keinerlei Glaubwürdigkeit mehr für seinen lukrativen „Kampf gegen rechts“ mehr beanspruchen. Die eigentliche Bewährungsprobe des sog. Antifaschismus beginnt nicht beim Protest gegen den ohnehin verhassten politischen Gegner. Sie beginnt dort, wo man bereit sein muss, Antisemitismus auch im eigenen politischen Umfeld zu erkennen und ihm entgegenzutreten. Der Fall Lindenau zeigt, wie dringend notwendig diese Unterscheidung ist. Und er wirft die Frage auf, ob manche selbsternannten Hüter der Moral eigentlich Böcke sind, die man zu Gärtnern gemacht hat und die nicht erst seit heute den Garten der demokratischen Zivilisation verwüsten.
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