(David Berger) Drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 zeichnet der jüdische Gastronom Jorai Feinberg in einem Interview mit dem Kontrafunk ein erschütterndes Bild vom Leben der Juden in Berlin. Antisemitische Anfeindungen, Morddrohungen und die Angst, öffentlich Hebräisch zu sprechen, gehören für ihn inzwischen zum Alltag. Währenddessen könnte ausgerechnet die Linkspartei, deren Verhältnis zu radikalen muslimischen Israelgegnern heftige Kontroversen auslöst, künftig die Regierende Bürgermeisterin stellen.
Seit 2013 betreibt Jorai Feinberg sein israelisches Restaurant in Berlin-Schöneberg. Eigentlich sollte es ein Ort der Gastfreundschaft sein, ein kleines Stück Israel mitten in der deutschen Hauptstadt. Doch längst ist das Restaurant auch zum Schauplatz jener Judenfeindschaft geworden, von der deutsche Politiker regelmäßig versichern, dass sie in unserem Land keinen Platz habe. Bereits 2017 ging ein Video um die Welt, das zeigte, wie Feinberg auf offener Straße antisemitisch beschimpft wurde. Heute, so schildert er in einem Interview zum dritten Jahrestag des Hamas-Massakers, habe sich die Situation dramatisch verschlechtert.
Am 7. Oktober 2023 befand sich Feinberg selbst in Tel Aviv. Eine Rakete schlug nach seinen Angaben weniger als hundert Meter von ihm entfernt ein. Er entkam nur knapp dem Tod. Der Terrorangriff der Hamas markierte für ihn eine persönliche Zäsur. Doch auch die Reaktionen in Deutschland erschütterten ihn. Bereits unmittelbar nach dem Massaker fanden Demonstrationen gegen Israel statt, noch bevor die israelische Bodenoffensive im Gazastreifen begonnen hatte. Seine bittere Erfahrung: Die westliche Welt liebe die Juden offenbar vor allem dann, wenn sie ermordet würden und verlören.
3.000 Hasskommentare wegen eines Kartoffelpuffers
Wie alltäglich die Anfeindungen geworden sind, zeigt eine Episode, die Feinberg im Interview schildert. Sein Restaurant hatte in den sozialen Medien ein Foto von Kartoffelpuffern mit Apfelmus veröffentlicht. Daneben steckte eine kleine israelische Flagge. Eine harmlose kulinarische Reminiszenz, sollte man meinen. Doch nach Feinbergs Angaben erhielt der Beitrag innerhalb von weniger als zwei Tagen über 3.000 Kommentare, darunter antisemitische Hassbotschaften, Morddrohungen, Holocaust-Leugnung und sogar Wünsche nach einem neuen Holocaust.
Ein Kartoffelpuffer mit israelischer Flagge genügt offenbar, um einen digitalen Hassausbruch auszulösen. Feinberg berichtet außerdem, dass es inzwischen gefährlich sein könne, in bestimmten Gegenden Berlins öffentlich Hebräisch zu sprechen. Das ist das Berlin des Jahres 2026: eine Stadt, die sich als weltoffen, tolerant und vielfältig präsentiert, während jüdische Einrichtungen Polizeischutz benötigen und jüdische Bürger ihre Herkunft aus Angst verbergen.
Der neue Antisemitismus trägt das Gewand der Israelkritik
Feinberg sieht eine gefährliche gesellschaftliche Entwicklung. 2017 sei es noch weitgehend geächtet gewesen, sich offen antisemitisch zu äußern. Inzwischen habe sich dies in bestimmten Milieus geradezu umgekehrt. Dort drohe mittlerweile derjenige zum Außenseiter zu werden, der antisemitische Verschwörungstheorien nicht mittrage. Legitime Kritik an der israelischen Regierung ist das eine. Wo jedoch historische Ritualmordlegenden in modernisierter Form wiederkehren, Juden kollektiv für politische Entscheidungen verantwortlich gemacht oder Terroranschläge relativiert werden, beginnt die antisemitische Hetze.
Feinberg wirft auch Teilen der deutschen Medien vor, durch einseitige Berichterstattung entsprechende Feindbilder verbreitet zu haben. Er berichtet von Interviews, die so geschnitten worden seien, dass seine Aussagen einen anderen Sinn erhielten. Seine Schilderungen zeigen, wie tief das Vertrauen dieses jüdischen Berliners in die Institutionen seiner Wahlheimat erschüttert ist.
Rot-Rot-Grün: Berlin vor einer politischen Zeitenwende
Ausgerechnet vor diesem Hintergrund steht Berlin vor einem möglichen Machtwechsel. Linke, Grüne und SPD haben Sondierungsgespräche vereinbart. Mit Elif Eralp könnte die Linkspartei erstmals die Regierende Bürgermeisterin der Hauptstadt stellen. Dabei geht es um mehr als die üblichen Auseinandersetzungen zwischen politischen Parteien. In Berlin wird seit geraumer Zeit darüber gestritten, wie weit die Verbindungen zwischen linksradikalen propalästinensischen Aktivisten, israelfeindlichen Netzwerken und islamistischen Milieus reichen – und welchen Einfluss diese Strömungen innerhalb von Teilen der Linkspartei besitzen.
Gerade Berlin bietet dafür einen besonders konfliktträchtigen Schauplatz. Hier treffen radikale antiisraelische Protestbewegungen, islamisch begründeter Antisemitismus und linker Antizionismus aufeinander. Wo diese Strömungen gemeinsame Feindbilder entwickeln, stellt sich die Frage, wie konsequent demokratische Parteien ihnen gegenüber Grenzen ziehen. Kontroversen um das Umfeld einzelner Politiker und Veranstaltungen der Berliner Linkspartei haben diese Debatte verschärft. Auch die frühere Mitgliedschaft Eralps in der Roten Hilfe, die vom Verfassungsschutz dem linksextremistischen Bereich zugeordnet wird, gehört zu den öffentlich diskutierten Punkten.
Dass diese Sorgen weit über die parteipolitische Opposition hinausreichen, zeigt der Widerstand innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Mehr als 400 jüdische Berliner haben sich in einem offenen Brief gegen eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei ausgesprochen. Auch Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, hat erhebliche Vorbehalte erkennen lassen. Jorai Feinberg geht noch weiter. Auf die Frage nach den Distanzierungen führender Linkenpolitiker vom Antisemitismus reagiert er mit ungewöhnlicher Schärfe. Er hält diese Erklärungen für taktisch und wirft den betreffenden Politikern vor, antisemitische Ressentiments hinter dem Begriff der Israelkritik zu verbergen. Das sind harte Vorwürfe eines Mannes, der seit Jahren selbst antisemitische Anfeindungen erlebt. Hier einer der Höhepunkte des Interviews.
„Der Antisemitismus wurde in Deutschland überwiegend dem Rechtsextremismus zugeschrieben. Inwiefern ist das noch aktuell? Von wem gehen Angriffe aus Ihrer Sicht aus?“ fragt der Kontrafunk. Feinbergs Antwort begann mit den Worten: „Das war nie aktuell. Das war noch mal eine Manipulation und Lügen von den Medien.“ Deutlicher kann man die Vorstellung nicht zurückweisen, Antisemitismus sei vor allem ein Problem des Rechtsextremismus.
„Warum sind die Juden damals nicht einfach gegangen?“
Am bedrückendsten wird das Interview dort, wo Feinberg über seine eigene Zukunft spricht. Bereits 2019 wurde er gefragt, ob er sich vorstellen könne, Deutschland zu verlassen. Damals bejahte er diese Möglichkeit. Heute berichtet er, dass er eine Auswanderung sogar schon versucht habe. Früher habe er sich gefragt, warum die Juden vor dem Zweiten Weltkrieg nicht einfach rechtzeitig ihre Sachen gepackt hätten und gegangen seien. Heute verstehe er besser, wie schwer es sei, eine über viele Jahre aufgebaute Existenz, Freundschaften und die eigene Heimat zurückzulassen.
Wer Wurzeln geschlagen hat, verlässt seine Heimat nicht wie ein Hotelzimmer. Feinberg glaubt, dass die Möglichkeit einer Auswanderung inzwischen nahezu jeden Juden in seinem Bekanntenkreis beschäftigt. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich damit eine für Deutschland, besonders für Berlin, besonders schmerzliche Frage: Wie konnte es geschehen, dass jüdische Bürger in der Hauptstadt wieder darüber nachdenken, ob sie hier noch eine Zukunft haben?
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