SafeVac-Skandal: Plötzlich Tausende neue schwere Fälle – was verschweigt das Paul-Ehrlich-Institut?

65

Die SafeVac-App sollte mögliche Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe schnell sichtbar machen. Doch Jahre nach Ende der Datenerhebung steigt die Zahl der als schwerwiegend gekennzeichneten Fälle plötzlich massiv an. Eine vollständige Auswertung fehlt noch immer. Neue Recherchen des Journalisten Bastian Barucker bringen das Paul-Ehrlich-Institut zunehmend in Erklärungsnot.

Eigentlich müsste diese Geschichte längst abgeschlossen sein. Stattdessen wird sie mit jeder neuen Zahl brisanter. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) entwickelte für die Corona-Impfkampagne eigens die App SafeVac 2.0. Hunderttausende Bürger sollten damit mögliche unerwünschte Ereignisse nach einer Impfung melden. Der Anspruch war hoch: Nebenwirkungen sollten schnell erkannt, Daten systematisch ausgewertet und damit die Sicherheit der neuen Impfstoffe überwacht werden. Rund 740.000 Menschen nahmen teil. Die Datenerhebung endete bereits 2023.Doch im Herbst 2026 wartet die Öffentlichkeit noch immer auf eine vollständige Auswertung.

Und schlimmer noch: Die Zahlen der schwerwiegenden Fälle steigen nachträglich immer weiter. Bereits 2025 wurde bekannt, dass 3.506 Teilnehmer mindestens ein schwerwiegendes Ereignis gemeldet hatten. Zugleich erklärte die Bundesregierung, alle entsprechend als schwerwiegend eingestuften unerwünschten Ereignisse seien innerhalb von 15 Tagen an die europäische Datenbank EudraVigilance übermittelt worden.

Der rätselhafte Sprung von 2.053 auf 5.000 Fälle

Doch genau dazu passen die später veröffentlichten Zahlen nicht. Ende 2021 waren dort lediglich 754 entsprechende SafeVac-Studienfälle erfasst. Bis Juni 2024 stieg die Zahl auf 2.047, Ende August 2025 waren es 2.053. Dann begann der eigentliche Zahlenkrimi. Bis Dezember 2025 stieg die Zahl auf 2.648. Fast 600 zusätzliche schwerwiegende Fälle innerhalb weniger Monate – lange nach Abschluss der eigentlichen Datenerhebung. Doch auch das war offenbar nur ein Zwischenstand. Nach einer aktuellen Presseauskunft des PEI an den Journalisten Bastian Barucker waren bis Ende August 2026 plötzlich rund 5.000 als schwerwiegend gekennzeichnete SafeVac-Studienfälle an EudraVigilance übermittelt worden. 5.000? Ein Jahr zuvor waren es noch 2.053 gewesen. Die Zahl hat sich damit innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt – obwohl die Datenerhebung längst beendet war.

Das verlangt nach einer Erklärung. Wann gingen diese Fälle beim PEI ein? Wann wurden sie geprüft? Wann als schwerwiegend eingestuft? Warum wurden sie erst so spät an EudraVigilance übermittelt? Und wie passt das zu der früheren Erklärung, die entsprechend eingestuften Ereignisse seien innerhalb von 15 Tagen gemeldet worden? Genau diese Fragen sind entscheidend. Denn selbstverständlich bedeuten 5.000 schwerwiegende Ereignisse nach einer Impfung nicht automatisch 5.000 durch die Impfung verursachte schwere Schäden. Ein zeitlicher Zusammenhang ist noch kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang. Aber dieses Argument entlastet das PEI nicht. Im Gegenteil.

Gerade weil geklärt werden muss, welche dieser Ereignisse tatsächlich mit der Impfung zusammenhängen könnten, ist eine vollständige und transparente Auswertung unverzichtbar. Und genau auf sie wartet die Öffentlichkeit seit Jahren. Noch merkwürdiger wird die Angelegenheit durch die Aussagen der Bundesregierung. Im August 2025 hieß es, die Analysen der SafeVac-Daten seien nach Sichtung, Konsistenzprüfung und Validierung „inzwischen abgeschlossen“. Im März 2026 erklärte die Bundesregierung dagegen, SafeVac 2.0 sei ein „noch nicht abgeschlossenes wissenschaftliches Vorhaben“. Die Datenauswertung dauere weiterhin an. Was gilt denn nun? Abgeschlossen oder nicht abgeschlossen?

Transparenz als „Grundpfeiler“ – aber wo bleibt sie?

Und wie können Jahre nach Ende der Erhebung noch Tausende schwerwiegende Fälle hinzukommen, wenn die Daten zuvor bereits validiert und die Analysen angeblich abgeschlossen waren? Ausgerechnet das PEI bezeichnete „Transparenz“ als einen „Grundpfeiler der Arzneimittelsicherheit“. An diesem eigenen Anspruch muss sich die Behörde messen lassen. Doch Transparenz sieht anders aus. Bis heute fehlt eine vollständige wissenschaftliche Veröffentlichung der SafeVac-Ergebnisse. Die Rohdaten stehen der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung. Unterschiedliche Zahlenstände werfen immer neue Fragen auf. Und nun erfahren Journalisten auf Nachfrage, dass die Zahl der an EudraVigilance übermittelten schwerwiegenden Studienfälle innerhalb eines Jahres von gut 2.000 auf rund 5.000 gestiegen ist.

Das Problem ist deshalb längst größer als SafeVac. Es geht um die Glaubwürdigkeit einer staatlichen Institution, die während der größten Impfkampagne der deutschen Geschichte für die Überwachung der Impfstoffsicherheit verantwortlich war. Damals sollte alles schnell gehen. Die Bevölkerung wurde zur Impfung aufgerufen, Millionen Menschen ließen sich innerhalb kürzester Zeit impfen, und die Behörden versprachen eine engmaschige Sicherheitsüberwachung. Bei der Aufarbeitung scheint plötzlich nichts mehr schnell zu gehen.

Eine Bundesbehörde, die Hunderttausende Bürger für eine Sicherheitsstudie gewinnt, muss erklären können, was aus deren Meldungen geworden ist. Sie muss erklären können, weshalb sich zentrale Zahlen nach Jahren derart verändern. Und sie muss die Ergebnisse endlich so offenlegen, dass Wissenschaftler, Journalisten und Öffentlichkeit sie überprüfen können. Das PEI könnte die Zweifel selbst ausräumen: Rohdaten veröffentlichen. Melde- und Übermittlungszeitpunkte offenlegen. Die unterschiedlichen Zahlenstände erklären. Die vollständige Auswertung vorlegen. Solange das nicht geschieht, bleibt eine Frage im Raum, die mit jeder neuen Zahl drängender wird: Was ist bei SafeVac 2.0 tatsächlich passiert – und warum erfahren wir davon erst Jahre später?


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.