„Großes katholisches Kino. Ein Hoch dem Abendland.“ (Alexander Kissler)
(David Berger) Was für Bilder aus Paris: Rund 80.000 junge Menschen versammelten sich mit Papst Leo XIV. im Stade de France zum Gebet. Heilige und Selige Frankreichs zogen durch das Stadion, die Heilige Tunika von Argenteuil wurde zur Verehrung hereingetragen, am Ende erstrahlte der Himmel im Feuerwerk. Zwei Jahre nach der skandalösen Olympia-Eröffnung zeigte Frankreich ein völlig anderes Gesicht.
Man muss eigentlich nur die Bilder nebeneinanderstellen. Im Juli 2024 präsentierte sich Frankreich bei der Eröffnung der Olympischen Spiele mit einer gigantischen Inszenierung, deren Bankettszene mit Drag-Darstellern weltweit von Christen als Verhöhnung des Letzten Abendmahls wahrgenommen wurde. Die Französische Bischofskonferenz fand damals ungewöhnlich deutliche Worte und beklagte „Szenen der Verhöhnung und Verspottung des Christentums“.
Eine Armee der Heiligkeit
Gut zwei Jahre später wieder Paris. Wieder eine monumentale Inszenierung, wieder Zehntausende Menschen, wieder Bilder, die um die Welt gehen. Aber diesmal standen nicht diabolische Blasphemie, sondern Christus und die Heiligen im Mittelpunkt. Rund 80.000 junge Menschen zwischen 17 und 35 Jahren waren am gestrigen Abend zur Gebetswache mit Papst Leo XIV. in das Stade de France gekommen. Und was sich dort abspielte, hatte mit jener verhuschten Form von Katholizismus, die sich am liebsten dafür entschuldigt, dass es sie überhaupt noch gibt, wenig zu tun. Musik, Fahnen, Pferde, Prozessionen, Feuerwerk und Hunderte Darsteller verwandelten das Stadion in eine gewaltige Bühne der französischen Glaubensgeschichte. In zehn großen Bildern zogen Maria Magdalena, die frühchristliche Märtyrerin Blandina, der heilige Johannes Eudes, Charles de Foucauld, Louis und Zélie Martin und viele andere durch die Arena. Fahnen der großen Wallfahrtsorte wurden getragen, Pferde galoppierten durch das Stadion. Für einige Augenblicke schien dort tatsächlich eine gewaltige „Armee der Heiligkeit“ aufzumarschieren.
Als 80.000 Menschen verstummten
Der vielleicht ergreifendste Augenblick des Abends war ohnehin nicht das Feuerwerk, sondern die Stille. Das Stadion hatte gesungen, gejubelt und geklatscht. Dann verstummte es. Die Heilige Tunika von Argenteuil wurde hereingetragen, jenes Gewand, das seit mehr als zwölf Jahrhunderten als der ungenähte Rock Christi verehrt wird. Dass die kostbare Reliquie Argenteuil überhaupt verließ, war bereits außergewöhnlich. Nun befand sie sich mitten in einem Stadion mit 80.000 jungen Menschen. Leo XIV. verehrte sie gemeinsam mit ihnen. Ein Ort, der sonst vom Lärm des Fußballs erfüllt ist, wurde zum Raum des Gebets. Und plötzlich war auch klar, worauf die ganze gewaltige Inszenierung zulief: nicht auf den Papst, nicht auf die Musik und nicht auf die Choreographie. Auf Christus.
Leo XIV. begann seine Meditation mit dem Satz: „Die Nacht lässt uns das Licht noch heller erscheinen.“ Dann wandte er sich unmittelbar an die jungen Franzosen: „Ihr seid die Heiligen Frankreichs.“ Und weiter: „Danke für euren Mut, danke für eure Anwesenheit, danke für euren Glauben.“ Hinter diesen jungen Menschen waren gerade die Heiligen ihres Landes vorbeigezogen. Nun sagte der Papst ihnen im Grunde: Diese Geschichte ist nicht abgeschlossen. Ihr seid an der Reihe.
Frankreich besitzt eben nicht nur Kathedralen, Klöster, Reliquien und steinerne Zeugnisse einer großen christlichen Vergangenheit. Es besitzt ein Erbe, das wieder lebendig werden kann. Leo XIV. hatte schon im Mai 2025 davor gewarnt, die französischen Heiligen wie Gestalten aus einer versunkenen Welt zu betrachten. Das christliche Erbe Frankreichs sei noch immer „in vielen Herzen“ lebendig. Im Stade de France konnte man sehen, was damit gemeint war.
Erwacht die älteste Tochter der Kirche?
Frankreich ist die fille aînée de l’Église, die „älteste Tochter der Kirche“. Und kaum ein anderes Land Europas hat zugleich einen so erbitterten Kampf gegen sein christliches Erbe geführt: Revolution, Kirchenverfolgung, militanter Antiklerikalismus, laïcité und schließlich eine kulturelle Säkularisierung, die das Christentum immer weiter aus dem öffentlichen Leben verdrängte. Man konnte lange den Eindruck gewinnen, diese älteste Tochter habe mit ihrer Mutter gebrochen. Doch dann sieht man Chartres. Jahr für Jahr ziehen dort Tausende überwiegend junge Katholiken betend durch Frankreich, auf ihrem Weg feiern sie die heilige Messe in jener lateinischen Form, die über 1500 Jahre ein Heer an Heiligen und Kämpfern für das christliche Abendland hervorbrachte. Man sieht die stark steigenden Zahlen bei den Erwachsenentaufen. Und nun sieht man 80.000 junge Menschen in Saint-Denis, die mit dem Papst beten und die Heiligen ihres Landes feiern. Frankreich ist deshalb nicht über Nacht wieder katholisch geworden. Aber tot sieht anders aus.
Gerade deshalb besitzen die beiden Bilder eine solche Kraft. 2024 die Olympia-Eröffnung, bei der unzählige Christen auf perfideste Weise verhöhnt wurden; zwei Jahre später ziehen die Heiligen Frankreichs durch das Stade de France. Junge Menschen singen die Litanei der Heiligen. Die Tunika Christi wird durch die Arena getragen. Zehntausende verstummen vor einer Reliquie des Herrn. Der Papst spricht vom Licht, vom Glauben und von der Heiligkeit. Und schließlich steht der Himmel über dem Stadion im Feuerwerk. Man könnte sich kaum ein eindrucksvolleres Gegenprogramm vorstellen. Die Revolutionäre wollten einst mit dem katholischen Frankreich Schluss machen. Die radikale laïcité wollte den Glauben zur Privatsache machen. Die Kulturindustrie unserer Tage behandelt das Christentum nicht selten wie einen erledigten Restbestand aus einer anderen Zeit. Und dann stehen plötzlich 80.000 junge Menschen in Saint-Denis und rufen die Heiligen Frankreichs an. Die älteste Tochter der Kirche scheint zu erwachen.
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