
(David Berger) Ein Toter, fünf Verletzte, darunter ein zwölfjähriges Mädchen, das von mehreren Kugeln getroffen wurde. Der Anschlag vom 23. Oktober in Trappes und La Verrière hat Frankreich erschüttert. Doch noch während die Ermittler versuchten, die Hintergründe des Blutbades zu rekonstruieren, präsentierte Präsident Emmanuel Macron bereits eine politische Deutung, die er mit einer historisch falschen Behauptung verband. Auch Vertreter der französischen Linken machten aus dem Verbrechen umgehend einen mutmaßlich islamfeindlichen Anschlag. Was tatsächlich hinter der Tat steckte, war zu diesem Zeitpunkt keineswegs vollständig geklärt.
Besonders aufschlussreich ist Macrons Behauptung, Frankreich habe erstmals einen geplanten rechstextremen Terroranschlag erlebt, bei dem Menschen wegen ihrer Hautfarbe getötet werden sollten. Eine Aussage, die schon angesichts früherer rassistisch motivierter Anschläge in Frankreich nicht haltbar war. Der Präsident musste seine historische Einordnung nach Kritik noch am selben Abend korrigieren.
Dabei hatte der mutmaßliche Täter Kevin T. zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal seine erste ausführliche Vernehmung absolviert. Der französischen Zeitung Le Monde zufolge war er den Nachrichtendiensten auch nicht als Angehöriger einer rechtsextremen Gruppierung bekannt. Trotzdem war die politische Interpretation bereits in der Welt.
Der Bürgermeister von Trappes, Ali Rabeh, sprach bereits am Tattag von einem wahrscheinlich islamfeindlichen Anschlag. Damit erhielt das Verbrechen eine zusätzliche religiös-politische Deutung, obwohl die Ermittler zunächst vor allem Hinweise auf eine gezielte Auswahl von Opfern aufgrund ihrer Hautfarbe und zugeschriebenen Herkunft hatten. Zwischen einem rassistischen Tatmotiv und einem spezifisch islamfeindlichen Anschlag besteht jedoch ein Unterschied. Die Herkunft eines Opfers beweist nicht dessen Religionszugehörigkeit. Wer diese Unterscheidung verwischt, macht aus einer strafrechtlich zu untersuchenden Tat eine politische Botschaft.
Was über Kevin T. bekannt wurde, ergibt jedenfalls alles andere als ein geschlossenes Bild eines organisierten Rechtsextremisten. Der 39-Jährige war wegen gewöhnlicher Straftaten polizeibekannt, hatte nach eigenen Angaben eine psychiatrische Vorgeschichte und war den zuständigen Nachrichtendiensten nicht als Mitglied der extremen Rechten aufgefallen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden Ermittler einen Koran. Außerdem entdeckten sie eine gefährliche Vorrichtung mit Gasflaschen und elektrischen Leitungen. Die Auswertung seiner elektronischen Geräte sollte erst noch klären, ob er Kontakte zu extremistischen Gruppierungen unterhielt.
Was sollte mit der schnellen Schuldzuweisung verdeckt werden?
In sozialen Netzwerken kursieren inzwischen Hinweise auf mögliche Verbindungen des Verdächtigen zur linksextremen Jeune Garde. Auch für freundschaftliche Kontakte zu propalästinensischen Aktivisten gibt es sehr valide Anhaltspunkte. Zusammenfassend: Ein Koran, der bei Kévin gefunden wurde. Er engagierte sich in einer pro-palästinensischen und antifaschistischen Organisation. Er hat einen afrikanischen Christen auf der Straße getötet. Er war im Viertel sehr bekannt für seine Beteiligung am Drogenhandel. Er war als Schizophrener diagnostiziert und nahm seit Jahren eine medikamentöse Behandlung.
Der Recherchekanal VL-Plus schreibt: „Ihr glaubt den Wahnsinn, den das auslöst? Nur wenige Stunden nach einem Schusswechsel, als der Verdächtige noch nicht einmal vernommen worden war, sprach Macron bereits von einem „islamophoben Anschlag“, sogar dem ersten in der Geschichte! Heute Abend erfahren wir, dass der Typ in einer Antifa-Organisation aktiv war, Seite an Seite mit hohen Verantwortlichen der Linken. In einem normalen Land müssten Macron, die roten Medien und alle, die an dieser Manipulation beteiligt waren, sich vor Gericht für ihre Taten verantworten. Das ist ein Propaganda-Niveau, das den kommunistischen Regimen des 20. Jahrhunderts in nichts nachsteht.“
Sollten sie all das erhärten, würde sich die politische Dimension des Falles erheblich verändern. Dann müsste sich die französische Linke fragen lassen, weshalb sie so eilig eine Deutung verbreitete, die den Blick auf das eigene radikale Umfeld gerade nicht lenkte. Denn genau hier liegt der eigentliche politische Verdacht: Macron und Vertreter der Linken präsentierten der Öffentlichkeit eine fertige Interpretation, während die ideologischen Hintergründe des Täters noch weitgehend unbekannt waren. Der Präsident verbreitete dabei sogar eine historisch falsche Behauptung, die er später korrigieren musste. Der Bürgermeister von Trappes sprach bereits von Islamfeindlichkeit. So entstand ein öffentliches Bild des Verbrechens, das mit der Realität kaum etwas zu tun hatte.
War das lediglich eine voreilige Reaktion? Oder sollte die öffentliche Aufmerksamkeit von möglichen Verbindungen zu Milieus abgelenkt werden, mit denen Teile der französischen Linken politisch sympathisieren? Diese Frage stellt sich umso dringlicher, sollte sich der Verdacht einer Nähe des Täters zu linksextremen Gruppen bestätigen. Dass ein rassistisches Tatmotiv und eine mögliche Verbindung zur radikalen Linken einander nicht ausschließen, macht die Angelegenheit keineswegs weniger brisant. Im Gegenteil: Es würde zeigen, wie wenig die einfache politische Einteilung taugt, nach der rassistische Gewalt zwangsläufig aus einem bestimmten politischen Lager stammen müsse.
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