
Christian J. Zeller über die „Tyrannei der Postmoderne“ und die Grenzen des liberalen Gegenentwurfs
(David Berger) Ausgerechnet eine Bewegung, die im Namen von Vielfalt, Toleranz und Emanzipation angetreten ist, entwickelt Züge einer neuen Orthodoxie: Sie beansprucht zunehmend die Definitionsmacht darüber, welche Meinungen noch sagbar, welche wissenschaftlichen Fragen legitim und welche Identitäten gesellschaftlich anerkennenswert sind. Christian J. Zeller verfolgt in seinem neuen Buch Tyrannei der Postmoderne die ideengeschichtlichen Voraussetzungen dieser Entwicklung zurück zu Foucault, Derrida und der postmodernen Vernunftkritik. Seine Analyse führt zugleich zu einer philosophisch weiterreichenden Frage: Kann die liberale Aufklärung allein jene Vorstellung von Wahrheit begründen, deren Verteidigung Zellers Kritik voraussetzt?
Es gibt Bücher über Gender, Cancel Culture und Wokeness inzwischen in beträchtlicher Zahl. Christian J. Zellers Tyrannei der Postmoderne. Eine Tragödie unterscheidet sich von vielen dieser Veröffentlichungen dadurch, dass es sich nicht mit der Sammlung drastischer Erscheinungsformen des Zeitgeistes begnügt. Zeller will tiefer graben. Ihn interessiert, wie Auffassungen, die vor wenigen Jahrzehnten noch in vergleichsweise kleinen geistes- und sozialwissenschaftlichen Milieus diskutiert wurden, inzwischen auf Universitäten, in Medien, Behörden, NGOs, Unternehmen und selbst Kirchen ihre Spuren hinterlassen haben.
Der promovierte Soziologe Zeller, der außerdem Philosophie, Psychologie und Öffentliches Recht studiert hat, beschäftigt sich seit längerem mit Identitätspolitik, Cancel Culture und Meinungsfreiheit. Sein vorheriges Buch Zerstörung der Meinungsfreiheit behandelte vor allem die illiberalen Konsequenzen der Woke-Bewegung. Nun setzt er eine Ebene früher an. Bereits aus den „intellektuellen Grundlagen der identitätslinken Bewegung“, so seine Ausgangsthese, erwachse eine Gefährdung von Wissenschaft und freiheitlicher Demokratie.
Die Tragödie des Guten
Der Untertitel „Eine Tragödie“ bezeichnet die zentrale Denkfigur des Buches. Ödipus versucht seinem Schicksal zu entgehen und erfüllt es gerade dadurch; Antigone verletzt ein Recht, indem sie einem anderen gehorcht. Das Tragische besteht darin, dass das angestrebte Gute aufgrund der Voraussetzungen und Mittel seiner Verwirklichung in sein Gegenteil umschlägt. Genau diese Struktur erkennt Zeller im postmodernen Aktivismus. Er will Freiheit, Anerkennung und Pluralität schaffen und untergräbt schließlich jene Freiheit und Pluralität, auf die er sich beruft.
Zeller bestreitet dabei keineswegs, dass die Bürgerrechtsbewegung, die rechtliche Gleichstellung von Frauen oder die Beseitigung tatsächlicher Diskriminierungen legitime Anliegen verfolgen. Seine Kritik setzt dort ein, wo der universalistische Gedanke gleicher Rechte durch ein Modell ersetzt wird, das Menschen primär als Angehörige konkurrierender Identitätsgruppen begreift und gesellschaftliche Wirklichkeit unter den Kategorien von Macht, Privilegierung und Unterdrückung interpretiert. Die Leitfrage des Buches lautet daher: Wie konnte aus einem auf Gleichberechtigung zielenden Emanzipationsprogramm eine Ideologie entstehen, die universalistische Voraussetzungen der Emanzipation selbst infrage stellt?
Von der postmodernen Theorie zum politischen Aktivismus
Um diese Frage zu beantworten, unternimmt Zeller einen umfangreichen ideengeschichtlichen Durchgang. Foucault, Derrida und Lyotard nehmen darin zentrale Positionen ein; in der folgenden Generation treten unter anderem Judith Butler, Donna Haraway und Gayatri Spivak hinzu. Ihre Ansätze werden auf Geschlecht, Kolonialismus und Rassismus übertragen und wirken auf akademische Strömungen wie Critical Race Theory, Intersektionalität, Queerfeminismus oder postkoloniale Theorie ein.
Zeller behandelt diese Ansätze nicht als geschlossenes System. Entscheidend sind gemeinsame Strukturmerkmale: Skepsis gegenüber objektiver Wahrheit und universaler Vernunft, die Konzentration auf Sprache und Macht, Anti-Essentialismus, die Zurückdrängung materieller und biologischer Realitäten zugunsten kultureller Konstruktionen sowie die Tendenz, Wahrheitsansprüche selbst unter dem Gesichtspunkt gesellschaftlicher Herrschaft zu analysieren. Damit gewinnt die Untersuchung ihre philosophische Tiefenschärfe. Gegenwärtige Konflikte um Geschlecht, Identität, Rassismus oder Sprache erscheinen nicht als isolierte kulturpolitische Auseinandersetzungen. Ihnen liegt eine bestimmte Erkenntnistheorie zugrunde. Wenn objektive Erkenntnis grundsätzlich unter Ideologieverdacht gestellt wird und Kategorien wie Wahrheit, Normalität oder Natur als Effekte historisch kontingenter Machtverhältnisse interpretiert werden, verändert sich auch die Vorstellung davon, was Wissenschaft leisten kann.
Eine Schlüsselstellung nimmt bei Zeller die Sokal-Affäre ein. Der Physiker Alan Sokal hatte 1996 der Zeitschrift Social Text einen absichtlich mit Unsinn und postmodernem Jargon angereicherten Artikel untergeschoben. Das Experiment sollte zeigen, wie wissenschaftliche Standards dort versagen können, wo die richtigen theoretischen Formeln und politischen Signale bedient werden. Zeller bringt die darin sichtbar gewordene Entwicklung auf die knappe Formel: „Die Machtkritik der Postmoderne war selbst zur Machtstrategie mutiert.“
Der Satz berührt das Zentrum seiner Argumentation. Wer die Möglichkeit institutioneller Neutralität grundsätzlich bestreitet, besitzt selbst keinen zwingenden Grund mehr, Neutralität anzustreben. Wer Wahrheitsansprüche primär als Funktionen von Machtverhältnissen analysiert, kann den wissenschaftlichen Streit durch die Frage überlagern, wer spricht, aus welcher sozialen Position gesprochen wird und welchen Interessen eine Aussage dient. Die Geltungsfrage wird durch die Genealogie des Geltungsanspruchs verdrängt. Zeller verfolgt diese Entwicklung bis in die Woke Culture der Gegenwart. Safe Spaces, Mikroaggressionen, Triggerwarnungen, Genderpolitik, Antidiskriminierungsprogramme und Meldestellen erscheinen dabei als unterschiedliche institutionelle Erscheinungsformen eines gemeinsamen theoretischen Hintergrundes.
Die Dialektik des Relativismus
Zu den stärksten Passagen des Buches gehört Zellers Beschreibung des inneren Umschlags postmodernen Denkens. Die Postmoderne misstraute Metaerzählungen, festen Identitäten, universalen Wahrheitsansprüchen und stabilen begrifflichen Ordnungen. In ihrer politischen Institutionalisierung kehrt sich diese Bewegung jedoch gegen sich selbst. Zeller schreibt: „Der postmoderne Sozialaktivismus ist ein Paradefall dafür, dass politische Bewegungen stets dann gefährlich werden, wenn sie Revidierbarkeit durch Dogmatismus und Ausschlussmanöver ersetzen.“
Die Ironie besteht für ihn darin, dass sich die postmoderne „Feier der Fluidität“ in ihrer politischen Transformation in „identitäre Rigidität“ verkehrt. Aus der Kritik an Metaerzählungen entsteht mit „Diversität“ eine neue Metaerzählung, die nun ihrerseits verbindliche Geltung beansprucht. Dahinter steht ein erkenntnistheoretisches Problem. Ein radikaler Relativismus kann seine eigene Relativität nicht widerspruchsfrei als allgemeingültige Wahrheit behaupten. Wird der Satz, Wahrheit sei lediglich das Produkt von Machtverhältnissen, selbst als wahr vorgetragen, beansprucht er genau jene Geltung, deren Möglichkeit er bestreitet. Wird er dagegen lediglich als Ausdruck einer bestimmten Machtposition verstanden, verliert er den Anspruch, konkurrierende Wahrheitskonzeptionen widerlegen zu können. Die politische Dogmatisierung erscheint unter dieser Voraussetzung nicht allein als äußerer Missbrauch postmoderner Theorie, sondern als Ausdruck einer ungelösten Spannung in ihren eigenen Voraussetzungen.
Popper und Habermas gegen die neue Orthodoxie
Zellers Gegenentwurf zum postmodernen Wahrheitsrelativismus ist nicht metaphysischer, sondern aufklärerisch-liberaler Natur. Seine wichtigsten Gewährsleute sind Karl Popper und Jürgen Habermas. Trotz erheblicher Unterschiede ihrer philosophischen Ansätze repräsentieren beide für ihn ein gemeinsames Prinzip: Revidierbarkeit. Eine freie Gesellschaft muss Irrtümer erkennen und korrigieren können; wissenschaftliche Aussagen dürfen nicht gegen Kritik immunisiert werden. Bei Popper verbindet sich dies mit dem kritischen Rationalismus, bei Habermas mit dem Ideal eines Diskurses, in dem Positionen nicht bereits aufgrund der Identität des Sprechenden ausgeschlossen werden. Damit besitzt Zeller ein starkes Kriterium gegen eine politisierte Wissenschaft, die bestimmte Resultate bereits normativ voraussetzt. Wissenschaft bleibt nur dort Wissenschaft, wo ihre Aussagen prinzipiell bestritten werden dürfen.
Hier tritt jedoch eine philosophische Leerstelle hervor. Revidierbarkeit beschreibt eine Bedingung wissenschaftlicher Erkenntnis, aber noch nicht deren Gegenstand und Grund. Dass eine Aussage korrigiert werden können muss, erklärt noch nicht, woran sie korrigiert wird. Ebenso begründet die Offenheit eines Diskurses nicht, weshalb ein besseres Argument der Wirklichkeit angemessener sein sollte als ein schlechteres. Popper und Habermas beantworten auf unterschiedliche Weise die Frage nach den Bedingungen rationaler Kritik. Die von Zeller analysierte postmoderne Herausforderung reicht jedoch bis zur vorgängigen Frage, warum menschliche Erkenntnis überhaupt einen Wahrheitsbezug besitzen kann.
Wahrheit ist mehr als Revidierbarkeit
Damit führt Zellers Untersuchung von der Wissenschaftstheorie zur Erkenntnistheorie und schließlich zur Ontologie. Wird eine wissenschaftliche Aussage revidiert, erhebt die neue Aussage den Anspruch, ihrem Gegenstand besser zu entsprechen. Bereits der Begriff des Irrtums setzt also eine Differenz zwischen dem voraus, was gedacht wird, und dem, was der Fall ist. An dieser Stelle erhält die klassische Bestimmung der Wahrheit als adaequatio rei et intellectus eine systematische Bedeutung, die über ihre scholastische Herkunft hinausweist. Wahrheit bezeichnet die Angemessenheit des Intellekts an die Sache. Der Gegenstand wird nicht erst durch Erkenntnis hervorgebracht; seine vorgängige Wirklichkeit bildet vielmehr das Maß, an dem Erkenntnis wahr oder falsch sein kann.
Ein solcher Realismus widerspricht der von Zeller eingeforderten Revidierbarkeit keineswegs, sondern begründet ihre Möglichkeit. Gerade weil die Sache nicht mit unserer Erkenntnis der Sache identisch ist, können unsere Urteile über sie falsch und deshalb korrekturbedürftig sein. Wird dagegen Wirklichkeit vollständig in sprachliche, soziale oder machtpolitische Konstruktionen aufgelöst, bleibt unklar, worauf sich die Korrektur einer solchen Konstruktion noch beziehen soll. Hier liegt die Grenze des von Zeller gewählten Gegenentwurfs. Die offene Gesellschaft und der offene wissenschaftliche Diskurs sind Bedingungen vernünftiger Erkenntnisgemeinschaften; sie sind jedoch nicht selbst der Grund dafür, dass Erkenntnis wahr sein kann. Anders formuliert: Es ist zwischen den Verfahrensbedingungen der Wahrheitssuche und den ontologischen Bedingungen der Wahrheit zu unterscheiden.
Der Realismus des Erkennbaren
Gerade diese Differenz macht Zellers Buch philosophisch produktiv. Der Konflikt zwischen Realismus und Konstruktivismus betrifft nicht nur einzelne Streitfragen um Geschlecht, Identität oder Sprache, sondern das Verhältnis von Denken und Sein. Wenn Natur nur noch als sprachliche Konstruktion erscheint, verliert sie ihren der Interpretation vorausliegenden Charakter; wenn Wahrheit primär als Funktion von Macht analysiert wird, wird auch der ausgezeichnete Gegenstandsbezug der Wissenschaft fraglich. Die entscheidende Alternative lautet daher nicht Dogmatismus oder Revidierbarkeit. Ein erkenntnistheoretischer Realismus kann beides zusammendenken: Es gibt eine vom erkennenden Subjekt unabhängige Wirklichkeit – und unsere Erkenntnis dieser Wirklichkeit bleibt fehlbar.
Zeller selbst zieht am Ende eine radikale Konsequenz aus seiner Analyse. Die Verbindung von postmodernem Aktivismus und Wissenschaft müsse beendet werden, um der von ihm diagnostizierten innerweltlichen Heilslehre ihre Wirksamkeit zu nehmen. Seine programmatische Formulierung lautet: „Dieses Buch ist der Scheidungsantrag.“ Dieser Scheidungsantrag ist überzeugend begründet. Die dahinterliegende Wahrheitsfrage reicht jedoch weiter. Revidierbarkeit schützt Wissenschaft vor Dogmatismus, Diskursoffenheit vor Ausschluss. Beide setzen voraus, dass rationale Auseinandersetzung auf etwas gerichtet ist, das nicht erst aus dieser Auseinandersetzung hervorgeht.
Die klassische Antwort besitzt deshalb weiterhin analytische Kraft: Wahrheit ist weder Produkt erfolgreicher Kommunikation noch Funktion gesellschaftlicher Macht, sondern bezeichnet die Angemessenheit des Denkens an eine ihm vorausliegende Wirklichkeit. Gerade deshalb bedarf Wahrheit der offenen Diskussion: nicht weil sie im Diskurs erzeugt wird, sondern weil der menschliche Verstand fehlbar ist und sich an der Wirklichkeit korrigieren lassen muss. Darin liegt der Punkt, an dem Zellers Diagnose weitergedacht werden muss: Die Alternative zur postmodernen Auflösung der Wahrheit ist nicht die Unfehlbarkeit des Erkennenden, sondern der Realismus des Erkennbaren.
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Christian J. Zeller: Tyrannei der Postmoderne. Eine Tragödie. Solibro Verlag, Münster 2026, ISBN 978-3-96079-128-7. Erschienen am 17. September 2026.
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