70 Selige im Tal der Gefallenen: Spaniens verdrängte Märtyrer

11(David Berger) Seit Jahren arbeitet die sozialistische Regierung Spaniens daran, das Valle de los Caídos politisch „umzudeuten“. Franco wurde exhumiert, der traditionsreiche Name des Ortes durch „Valle de Cuelgamuros“ ersetzt, inzwischen ist eine weitreichende „Resignifizierung“ des monumentalen Heiligtums geplant. Auch die Benediktinerabtei und die Zukunft des katholischen Charakters des Ortes sind zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen geworden. Dabei wird eine bemerkenswerte Tatsache fast völlig übergangen: In der Basilika ruhen die sterblichen Überreste von 70 katholischen Seligen – Märtyrern jener blutigen Christenverfolgung, die dem Sieg Francos vorausging.

Kaum ein historischer Ort Spaniens ist der politischen Linken seit Jahren ein solcher Dorn im Auge wie das Valle de los Caídos. Die monumentale Anlage nordwestlich von Madrid, überragt von einem mehr als 150 Meter hohen Kreuz, soll nach dem Willen der sozialistischen Regierung von Pedro Sánchez nicht mehr so bleiben, wie Generationen von Spaniern sie kannten. Der erste symbolträchtige Schritt erfolgte 2019: Die sterblichen Überreste Francisco Francos wurden aus der Basilika entfernt und auf den Friedhof Mingorrubio-El Pardo umgebettet. Inzwischen heißt das „Tal der Gefallenen“ offiziell „Valle de Cuelgamuros“.

Doch es geht längst um mehr als Namen und Gräber. Im Rahmen der staatlichen Politik der memoria democrática soll der gesamte Ort „resignifiziert“, also mit einer neuen historischen und politischen Deutung versehen werden. Die spanische Regierung schrieb dazu 2025 sogar einen internationalen Architekturwettbewerb aus. Vorgesehen sind unter anderem ein Interpretationszentrum und eine neue museale Gestaltung; nach den staatlichen Ausschreibungsunterlagen kann sich diese grundsätzlich bis in das Innere der Basilika erstrecken, wobei Kultbereiche respektiert werden sollen.

Der Streit betrifft deshalb zwangsläufig auch die katholische Identität des Valle. Seit Jahrzehnten leben dort Benediktiner, feiern die heilige Messe, verrichten das Stundengebet und beten für die Toten. Regierung und Kirche verhandelten deshalb über den zukünftigen Status der Anlage und den Fortbestand der benediktinischen Präsenz. Noch im April 2026 rief der Vorsitzende der Spanischen Bischofskonferenz, Erzbischof Luis Argüello, die Regierung und die Mönche ausdrücklich dazu auf, eine „vernünftige und zufriedenstellende“ Einigung zu erreichen.

Gerade daran zeigt sich, dass es bei dem Konflikt längst nicht mehr allein um Franco geht. Es geht um die Frage, ob Cuelgamuros wesentlich ein katholischer Sakral- und Erinnerungsort bleiben wird – oder ob aus ihm vor allem ein staatlich interpretiertes Museum über Bürgerkrieg und „Franquismus“ werden soll. Und genau an diesem Punkt stößt man auf eine Tatsache, die in der deutschen Berichterstattung über das Valle nahezu unbekannt ist.

70 Selige ruhen in der Basilika

(c) Angel Aroca Escámez, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Der spanische Priester und Märtyrerforscher Jorge López Teulón veröffentlichte 2024 eine bemerkenswerte Zusammenstellung. Danach ruhen in der päpstlichen Basilika Santa Cruz del Valle de los Caídos die sterblichen Überreste von 70 bereits seliggesprochenen Märtyrern sowie 49 Dienern Gottes. Diese Zahlen sind nicht aus dem Umfeld nostalgischer Franco-Verehrer gegriffen. Bereits 2020 hatte der damalige Prior der Abtei, Pater Santiago Cantera OSB, ausführlich über die dort bestatteten Seligen und Diener Gottes geschrieben. Durch weitere Seligsprechungen ist ihre Zahl seitdem noch gestiegen.

Das verändert die Perspektive auf die gegenwärtige Auseinandersetzung erheblich. Denn das Valle ist damit nicht nur ein Monument der Franco-Zeit, nicht nur eine Nekropole des Bürgerkrieges und schon gar nicht lediglich ein steingewordenes Symbol des „Franquismus“. Es ist auch eine bedeutende katholische Märtyrerstätte. Und für Katholiken ist die Bezeichnung keineswegs bloße Metapher. Wer von der Kirche als Märtyrer seliggesprochen wurde, wird öffentlich liturgisch verehrt. Seine sterblichen Überreste sind Reliquien. Unter dem gewaltigen Kreuz von Cuelgamuros ruhen also die Reliquien von Menschen, von denen die Kirche festgestellt hat, dass sie als Zeugen Christi den Tod erlitten haben.

Die vergessene Christenverfolgung

Damit führt das Valle unmittelbar zu jener Seite des Spanischen Bürgerkrieges, über die bis heute erstaunlich ungern gesprochen wird. Wie wir auf PP bereits ausführlich dargestellt haben, lässt sich der Spanische Bürgerkrieg nicht redlich als schlichtes Moralstück erzählen: hier eine demokratische Republik, dort Franco und seine finsteren „faschistischen Verschwörer“.

In den von der Volksfront kontrollierten Gebieten entfaltete sich eine der schwersten Christenverfolgungen des 20. Jahrhunderts. Allein 4.184 Priester, 2.365 Ordensmänner und 283 Ordensfrauen wurden ermordet. Damit verloren mehr als 6.800 Angehörige des katholischen Klerus und der Orden ihr Leben. Kirchen wurden geplündert und niedergebrannt, Tabernakel geschändet, religiöse Kunstwerke zerstört und Gläubige verfolgt. Man muss sich diese Zahlen vor Augen führen, wenn heute über die „Erinnerung“ an den Bürgerkrieg gesprochen wird.

Es geht nicht um einige zufällig zwischen die Fronten geratene Priester. Ganze Gemeinschaften wurden ausgelöscht. Menschen starben, weil sie Priester oder Ordensfrau waren, weil sie ihren Glauben bekannten oder sich weigerten, Christus zu verleugnen. Die katholische Kirche hat inzwischen zahlreiche dieser Opfer nach sorgfältigen kirchenrechtlichen Verfahren als Märtyrer anerkannt. Eine solche Seligsprechung ist keine nachträgliche politische Auszeichnung für Anhänger Francos. Entscheidend ist vielmehr das Martyrium in odium fidei: Der Betreffende wurde aus Hass gegen den Glauben getötet und nahm den Tod als Zeuge Christi auf sich. Genau solche Männer und Frauen liegen heute im Valle de los Caídos.

Priester, Ordensleute – und ein 15-Jähriger

Unter den dort bestatteten Seligen befinden sich Angehörige unterschiedlicher Orden und Gemeinschaften, Weltpriester und Laien. López Teulón nennt unter anderem den Dominikanerpater José Gafo Muñiz sowie die Redemptoristen Antonio Girón González, Aniceto Lizasoain Lizaso und Rafael Perea Pinedo. Hinzu kommen zahlreiche Angehörige der Schulbrüder und anderer Gemeinschaften. Besonders erschütternd ist das Schicksal des seligen Antonio Gaitán Perabá. Er war gerade einmal 15 Jahre alt, als er 1936 getötet wurde. Seine sterblichen Überreste wurden 1959 in die Basilika des Valle überführt.

Daneben ruhen dort nach der Zusammenstellung López Teulóns 49 „Diener Gottes“. Hier muss kirchenrechtlich unterschieden werden: Ein Diener Gottes ist noch kein Seliger. Die Bezeichnung bedeutet zunächst, dass sein Verfahren zur Selig- und Heiligsprechung eröffnet worden ist. Bei den 70 Seligen dagegen ist das kirchlich anerkannte Martyrium bereits festgestellt worden.

Paracuellos: Kathedrale der Märtyrer

(c) Contando Estrelas from Vigo, España / Spain, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons

Noch erschütternder wird die Dimension, wenn man nach Paracuellos de Jarama bei Madrid blickt. Dort fanden im November und Dezember 1936 Massenerschießungen statt. Tausende Gefangene wurden aus Madrider Gefängnissen herausgebracht und ermordet. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Priester und Ordensleute. Allein 143 der dort bestatteten Opfer sind inzwischen von der katholischen Kirche als Märtyrer seliggesprochen worden.

Unter ihnen befinden sich Augustiner, Barmherzige Brüder, Dominikaner, Schulbrüder, Salesianer, Maristen und Angehörige weiterer Gemeinschaften. Der frühere Bischof von Alcalá de Henares, Juan Antonio Reig Pla, bezeichnete den Friedhof von Paracuellos deshalb als „Catedral de los mártires“ – Kathedrale der Märtyrer. Die Märtyrer von Paracuellos und die Seligen von Cuelgamuros gehören zur selben verdrängten Geschichte: zur systematischen Gewalt gegen die katholische Kirche im republikanischen Spanien.

Und Franco?

An diesem Punkt kommt man an Francisco Franco nicht vorbei. Das Valle entstand nach dem Sieg der Nationalen im Bürgerkrieg und ist untrennbar mit seiner Herrschaft verbunden. Franco wurde dort 1975 beigesetzt. Seine Exhumierung 2019 sollte diese Verbindung demonstrativ aufbrechen. Wie auf PP bereits mehrfach dargestellt, bedeutet eine Korrektur des heute vorherrschenden Geschichtsbildes jedoch keineswegs, Franco zum Heiligen zu erklären oder jede Maßnahme seines Regimes zu rechtfertigen.

Der Spanische Bürgerkrieg war eine Tragödie, in der auch auf Seiten der Nationalen schwere Verbrechen begangen wurden. Aber daraus folgt nicht, dass man die Verbrechen der anderen Seite aus dem historischen Gedächtnis löschen darf. Die wirkliche Alternative des Jahres 1936 lautete eben nicht schlicht: liberale Musterdemokratie oder Franco. Spanien war politisch und gesellschaftlich tief zerrissen. Revolutionäre Milizen gewannen Macht, politische Gewalt eskalierte, die öffentliche Ordnung zerfiel und die Kirche wurde zum Ziel einer mörderischen Verfolgung. In einem früheren PP-Beitrag haben wir zudem auf Francos kompromisslosen Antikommunismus und darauf hingewiesen, dass Spanien während des Zweiten Weltkrieges trotz der Beziehungen zu Deutschland und Italien letztlich nicht als reguläre Kriegspartei auf Seiten der Achsenmächte eintrat.

Wer Franco beurteilen will, muss diese Zusammenhänge ebenso berücksichtigen wie die autoritären und repressiven Seiten seines Regimes. Vor allem aber lässt sich eine Tatsache schwer bestreiten: Für zahllose spanische Katholiken bedeutete der Sieg der Nationalen 1939 zugleich das Ende einer existentiellen Verfolgung ihrer Kirche. Das erklärt noch keine ganze Epoche. Aber ohne diesen Satz versteht man weder Franco noch das katholische Spanien jener Jahre.

Unter einem Kreuz vereint

Gerade deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was das Valle eigentlich sein sollte. Es wurde nicht nur zur Grabstätte von Angehörigen der siegreichen Bürgerkriegspartei. Dort wurden schließlich die sterblichen Überreste von Zehntausenden Toten beider Seiten zusammengeführt. Die Umstände mancher Umbettungen sind bis heute Gegenstand berechtigter historischer und familiärer Kontroversen; bei einem Teil geschahen sie ohne Wissen oder Zustimmung der Angehörigen.

Aber die religiöse Symbolik der Anlage ist unübersehbar. Über dem Tal steht kein gigantisches Standbild Francos. Dort steht ein Kreuz. Unter ihm befindet sich die in den Felsen geschlagene Basilika Santa Cruz. Benediktinermönche beten dort für die Toten. Nationale und Republikaner liegen in derselben Anlage begraben. Das ist zumindest der christliche Anspruch des Ortes: Nicht der Sieg einer Partei soll das letzte Wort über die Toten behalten, sondern das Kreuz Christi. Gerade deshalb wirkt der Versuch, das Valle hauptsächlich durch die politische Kategorie „Franquismus“ zu erklären, eigentümlich eindimensional.

Die Märtyrer stören das gewünschte Geschichtsbild

(c) Benjamín Núñez González, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Vielleicht erklärt das auch, warum die 70 Seligen in der öffentlichen Diskussion so selten vorkommen. Sie sind unbequem. Denn sie stellen Fragen, die sich durch eine staatlich verordnete Erinnerungskultur nicht beseitigen lassen. Wenn der Bürgerkrieg nur der Kampf einer demokratischen Republik gegen den Faschismus gewesen sein soll: Warum mussten dann Ordensfrauen sterben? Warum wurden Priester erschossen? Warum brannten Kirchen und Klöster? Warum wurden Menschen ermordet, weil sie Christus nicht verleugnen wollten?

Die Märtyrer beantworten diese Fragen nicht mit politischen Manifesten. Sie antworten mit ihrem Blut. Und gerade deshalb besitzen sie eine Glaubwürdigkeit, die weder Franco-Nostalgie noch sozialistische Erinnerungsgesetze für sich beanspruchen können. Die Kirche verehrt sie nicht, weil sie Nationalisten waren. Sie verehrt sie nicht, weil sie Franco unterstützt hätten. Und sie verehrt sie erst recht nicht, weil sie irgendeiner politischen Ideologie angehörten. Sie verehrt sie, weil sie für Christus starben.

Nicht Franco hat im Valle das letzte Wort

Darin liegt schließlich die vielleicht wichtigste Antwort auf den heutigen Streit. Über Franco wird weiter gestritten werden. Historiker werden seine Herrschaft unterschiedlich bewerten. Regierungen können Gesetze verabschieden, Denkmäler verändern, Gräber öffnen, Ortsnamen austauschen und Museen errichten. Geschichte darf und muss immer wieder neu erforscht werden. Aber sie darf nicht dadurch „bewältigt“ werden, dass man jene Toten erneut verschwinden lässt, die nicht in das gewünschte Geschichtsbild passen. Im Valle de los Caídos ruhen heute die Reliquien katholischer Seliger. Menschen, die nicht deshalb verehrt werden, weil sie Nationalisten, Monarchisten oder Anhänger Francos waren, sondern weil sie Christus bis in den Tod treu blieben. Deshalb war der wichtigste Bewohner des Valle niemals Francisco Franco. Und Pedro Sánchez wird es erst recht nicht sein.

Über diesem Tal erhebt sich das Kreuz. Unter ihm ruhen Märtyrer. Und solange dort die heilige Messe gefeiert und ihre Hilfe am Throne Gottes angerufen wird, erinnert dieser Ort an eine Wahrheit, die sich durch kein Erinnerungsgesetz aus der spanischen Geschichte entfernen lässt: Spanien hat im 20. Jahrhundert eine blutige Christenverfolgung erlebt. Wer vom Spanischen Bürgerkrieg spricht, darf über ihre Opfer nicht länger schweigen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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