(David Berger) Die Soldaten unter dem Kreuz teilten die Kleider Christi unter sich auf. Nur ein Gewand zerrissen sie nicht: die nahtlose Tunika, um die sie das Los warfen. Genau mit diesem im Johannesevangelium erwähnten Gewand wird nach jahrhundertealter Überlieferung die heilige Tunika von Argenteuil identifiziert. Am 25. September wird sie im Stade de France bei der großen Jugendvigil mit Papst Leo XIV. gezeigt – ein außergewöhnlicher Höhepunkt der Frankreichreise des Papstes.
Der Evangelist Johannes widmet dem Gewand des Gekreuzigten eine auffallend ausführliche Passage: „Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu das Untergewand. Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben. Da sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll.“ (Joh 19,23–24)
Die in Argenteuil verehrte Reliquie wird traditionell mit eben dieser tunica inconsutilis, der „nahtlosen Tunika“, identifiziert. Die offizielle Darstellung des Heiligtums bezeichnet sie entsprechend als jenes Gewand, das Christus während seiner Passion getragen habe und um das die römischen Soldaten nach der Kreuzigung das Los warfen. Seit rund 1.200 Jahren wird die Reliquie in Argenteuil verehrt.
Dabei darf freilich eine andere große und den deutschen Katholiken besonders vertraute Tradition nicht unerwähnt bleiben: Auch der Heilige Rock im Trierer Dom wird als das ungeteilte Gewand Christi verehrt. Die Trierer Überlieferung führt die Reliquie auf die heilige Helena zurück; spätestens seit dem Hochmittelalter ist die Verehrung des Heiligen Rocks in Trier sicher bezeugt. Argenteuil und Trier besitzen damit zwei unterschiedliche, jahrhundertealte Reliquientraditionen, die beide auf das in Joh 19 genannte Gewand Bezug nehmen. Eine historisch zweifelsfreie Entscheidung zwischen diesen Traditionen ist nicht möglich.
Das Gewand des Erlösers und Königs
Umso eindrucksvoller ist die Symbolik des biblischen Bildes selbst. Das Gewand Christi bleibt ungeteilt. Schon früh wurde die nahtlose Tunika deshalb als Sinnbild für die Einheit der Kirche verstanden: Was Christus zusammengefügt hat, soll nicht zerrissen werden. Gerade vor Zehntausenden jungen Katholiken erhält dieses Zeichen eine besondere Kraft.
Am Freitagabend, dem 25. September, wird die Tunika von Argenteuil nun im Stade de France in Saint-Denis präsentiert. Der offizielle Reiseplan des Vatikans sieht dort ab 21 Uhr die Gebetsvigil Papst Leos XIV. mit den Jugendlichen vor; die Diözese Paris bestätigt ausdrücklich, dass dabei die Heilige Tunika zur Verehrung gezeigt werden soll. Damit wird ausgerechnet Frankreichs Nationalstadion für einige Stunden zu einem Ort christlicher Erinnerung an Golgotha. Wo sonst Fußballspiele und Großkonzerte Zehntausende anziehen, versammeln sich nun junge Menschen zum Gebet mit dem Papst – und vor einem Gewand, das nach der Überlieferung unmittelbar mit den letzten Stunden Christi verbunden ist, das durchtränkt ist von jenem Blut, das der Sohn Gottes zu unserer Erlösung vergossen hat.
In einem weitgehend säkularisierten Frankreich besitzt dieses Bild eine kaum zu übersehende Kraft: das ungeteilte Gewand des Erlösers, der vom Kreuz herab als König herrscht, zehntausende junge Christen und Papst Leo XIV. mitten im Stade de France. Auch ein säkulares Frankreich kann sich letztlich der Königsherrschaft Christi nicht entziehen.
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