Die neue Linke: Wenn die Feinde des Volkes sich als seine Retter aufspielen

1

(David Berger) Sie predigen Solidarität und verachten die einfachen Leute. Sie fordern offene Grenzen und wohnen in abgeschotteten Wohlstandsvierteln. Sie schwärmen von Vielfalt und sorgen dafür, dass ihre eigenen Kinder möglichst wenig davon mitbekommen. Die neue extreme Linke ist längst keine Bewegung der Unterdrückten mehr, sondern ein politisches Machtinstrument jener privilegierten Milieus, die sich für die moralische Elite der Gesellschaft halten. Der französische Soziologe Christophe Guilluy hat diese Heuchelei schonungslos analysiert.

Früher kämpfte die Linke für Arbeiter, kleine Angestellte und sozial Benachteiligte. Heute kämpft sie für Gendersternchen, Regenbogenideologie, Masseneinwanderung und die nächste Stufe der Klimabevormundung. Der Arbeiter, der morgens um fünf aufsteht, um seine Familie zu ernähren, kommt in diesem Weltbild allenfalls noch als rückständiger Störenfried vor. Wer bezahlbare Energie, sichere Straßen oder eine Begrenzung der Migration fordert, wird kurzerhand zum Rechtspopulisten, wenn nicht gleich zum Nazi erklärt. Der französische Sozialforscher Christophe Guilluy beschreibt diese Entwicklung als einen tiefgreifenden Bruch zwischen den kulturellen Eliten und der einfachen Bevölkerung. Seine Untersuchungen über das „periphere Frankreich“ zeigen, wie sich die wohlhabenden Großstadtmilieus von jenen Menschen entfernt haben, in deren Namen sie unablässig zu sprechen vorgeben.

Klassenkampf von oben

Besonders grotesk ist dabei die Doppelmoral der selbsternannten Weltverbesserer. Sie verlangen grenzenlose Toleranz gegenüber kulturellen Veränderungen, deren Folgen sie selbst geschickt ausweichen. Sie feiern die multikulturelle Gesellschaft, solange diese vor allem in den Wohnvierteln anderer Menschen stattfindet. Sie demonstrieren gegen den Kapitalismus, während sie bestens von seinen Wohlstandsinseln profitieren. Und sie beschimpfen die angeblich reaktionären Kleinbürger, deren Steuern ihren akademischen und kulturellen Gesinnungsbetrieb mitfinanzieren. Die Linke hat das Volk nicht einfach vergessen. Sie hat es gegen ein neues Lieblingsvolk ausgetauscht: eines, das ausschließlich in ihren ideologischen Wunschvorstellungen existiert. Der tatsächliche Arbeiter, Handwerker oder Rentner hingegen, der nicht bereit ist, die politischen Moden der akademischen Oberschicht nachzubeten, gilt als moralisch minderwertig.

Doch die Menschen haben genug davon, sich von Leuten belehren zu lassen, die ihre Lebenswirklichkeit nicht kennen und sie offenkundig auch nicht kennenlernen wollen. Die sogenannte revolutionäre Linke ist längst Teil jenes Establishments geworden, das sie angeblich bekämpft. Sie besetzt Universitäten, prägt Medien und Kulturinstitutionen und beansprucht die Deutungshoheit darüber, was gesellschaftlich gesagt und gedacht werden darf. Ihre Revolution richtet sich nicht gegen die Mächtigen, sondern gegen jene, die sich ihrer moralischen Herrschaft nicht unterwerfen wollen. Das ist kein Klassenkampf von unten mehr. Das ist Klassenkampf von oben – geführt von einer selbstgerechten Kaste, die ihre Privilegien verteidigt, indem sie anderen Menschen ein schlechtes Gewissen macht. Oder noch einfacher: Früher wollte die Linke die Arbeiter von ihren Herren befreien. Heute möchte sie selbst deren Herr sein. Und wer nicht gehorcht, ist eben ein Nazi.

 


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.