Das Bündnis zwischen Mob und Elite

Die linke Elite verachtet die bürgerliche Gesellschaft – und bewundert deshalb jene, die sie mit Gewalt zerstören. Was Intellektuelle in akademische Theorien kleiden, setzt der Mob auf der Straße in Brand und Verwüstung um. Dr. Alexander Meschnig zeigt mit Hannah Arendt, wie aus dieser gemeinsamen Lust an der Zerstörung ein gefährliches Bündnis entsteht, in dem Gewalt moralisch verklärt und ihre Täter zu Helden erhoben werden. Dass die Linke damit am Ende ihre eigenen Totengräber unterstützt, hätte sie spätestens seit der islamischen Revolution im Iran wissen müssen.

Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt hat in ihrem Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft die temporäre Allianz zwischen Mob und Elite als einen wichtigen Faktor in der Entstehung totalitärer Bewegungen und Regime hervorgehoben. Elite bezeichnet nachfolgend eine Gruppe mit hohem medialen, kulturellen, intellektuellen oder gesellschaftlichen Einfluss. Eine solche Allianz zwischen Teilen der linken Elite und radikalen Protestmilieus lässt sich im gegenwärtigen Frankreich beobachten. Sie speist sich nicht allein aus politischem Kalkül, sondern aus einem genuinen Lustmoment: Die Gebildeten genießen es, wenn der rohe Rand der Gesellschaft die bürgerliche Welt bloßstellt. Am Mob, an Plünderern und Randalierern, wird gerade das als faszinierend empfunden, was eigentlich abstoßen müsste.

Arendt beschreibt, wie sich Teile der gesellschaftlichen Elite und der Mob gegen die bürgerliche Gesellschaft verbünden können. Der Mob ist dabei nicht einfach mit den Unterschichten gleichzusetzen. Gemeint ist vielmehr ein gesellschaftliches Milieu, dessen Energie sich aus Ressentiment, Verachtung und Destruktion speist. Linke Elite und Mob wenden sich gegen die bestehende Ordnung, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. So entsteht eine Allianz, die auf der gemeinsamen Negation des Bestehenden beruht. Was danach kommen soll, bleibt weitgehend ungeklärt. Auch das gegenwärtige Bündnis zwischen Teilen der extremen Linken und Teilen der muslimischen Bevölkerung erscheint bei rationaler Betrachtung paradox. Die Linke liefert dem Ressentiment eine Sprache, eine intellektuelle Rechtfertigung und den Anschein moralischer Überlegenheit. Der Mob wiederum liefert der Linken die Energie der Zerstörung.

Die Faszination des Mobs für die Elite hat verschiedene Ursachen. Die bürgerliche Gesellschaft verlangt Selbstkontrolle, Rücksichtnahme, die Einhaltung von Regeln und die Anerkennung institutioneller Verfahren. Der Mob setzt sich über diese Konventionen hinweg. Er tut, was man selbst allenfalls denken oder in radikalen intellektuellen Zirkeln aussprechen darf. In der Zerstörung der Konventionen liegt ein Moment der Befreiung – zumindest für diejenigen, die deren Folgen nicht unmittelbar selbst tragen müssen.

Nicht zu unterschätzen ist dabei die Lust an der Demütigung des Bürgertums. Plünderer und Randalierer greifen nicht nur einzelne Institutionen an, sondern verletzen die Selbstachtung einer Gesellschaft, die sich für kultiviert und zivilisiert hält. Gerade diese Bloßstellung war für radikale Intellektuelle immer wieder attraktiv. Die Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung schließt dabei ein, dass Bibliotheken, kleine Geschäfte, öffentliche Einrichtungen und die Lebensgrundlagen unbeteiligter Menschen vernichtet werden.

Entscheidend ist ferner die moralische Umdeutung von Gewalt. Dieser Punkt ist für Teile der gegenwärtigen Linken besonders relevant, ohne auf sie beschränkt zu sein. Gewalt wird in bestimmten politischen Milieus und medialen Deutungen als bloße Reaktion auf vorgängige strukturelle Gewalt interpretiert. Der SPIEGEL und andere Leitmedien sind dafür in der Berichterstattung über die französischen Krawalle exemplarisch. Wo sich eine Bewegung mit einer vermeintlich oder tatsächlich unterdrückten Gruppe identifiziert, kann daraus der Anspruch entstehen, ihre Handlungen nach anderen Maßstäben zu beurteilen. Im gegenwärtigen Konflikt verdichtet sich diese Identifikation vielfach symbolisch auf die Palästinenser.

Wo die Gewalt der einen Seite grundsätzlich als illegitim, die der anderen hingegen als moralisch gerechtfertigt gilt, entsteht eine gefährliche Asymmetrie. Nicht mehr die Handlung selbst und ihre Folgen entscheiden über ihre Bewertung, sondern die politische Zugehörigkeit des Handelnden und die moralische Deutung seines Anliegens.

Letztlich haben wir es mit einer Faszination des politischen Nihilismus zu tun. Die gemeinsame Opposition richtet sich weniger auf klar umrissene, politisch umsetzbare Forderungen als auf die Zerstörung des Bestehenden. Eine tragfähige Alternative zur bestehenden Ordnung ist nicht erkennbar; an ihre Stelle tritt die kompromisslose Negation. Das Gemeinsame besteht in der Verachtung des Bestehenden, nicht in einer gemeinsamen Vorstellung der Zukunft.

Was die Gebildeten in der Sprache der Theorie als Kritik an Regeln, Institutionen und gesellschaftlicher Heuchelei formulieren, übersetzt der Mob in unmittelbare Tat. Seine Gewalt erscheint nicht trotz ihrer Rücksichtslosigkeit faszinierend, sondern gerade wegen ihrer Enthemmung. Die Elite genießt die Geste der Zerstörung, ohne, zumindest zeitnah, für deren Folgen einstehen zu müssen.

Arendts Analyse erklärt nicht nur, warum Eliten sich mit radikalen Bewegungen verbünden können, sondern auch, warum sie deren zerstörerisches Potenzial unterschätzen. Sie halten die Verachtung des Bestehenden irrtümlich für eine gemeinsame politische Perspektive. Wie verhängnisvoll diese Fehleinschätzung sein kann, zeigte sich 1979 im Iran. Teile der Linken unterstützten damals die Revolution gegen das Schah-Regime, ohne die Konsequenzen der Machtübernahme durch die Islamisten hinreichend zu bedenken. Das Erwachen aus diesem Irrtum war für viele Iraner furchtbar. Wer die Auflösung der bestehenden Ordnung feiert, ohne danach zu fragen, was an ihre Stelle treten soll, kann am Ende Kräfte stärken, deren Herrschaft ihn am Ende selbst zerstören wird. Die Linke scheint hier aber, siehe auch die Entwicklungen in Berlin, nicht lernfähig.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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