(David Berger) Millionen kennen J. D. Vance als amerikanischen Vizepräsidenten und engen politischen Weggefährten Donald Trumps. Sein neues Buch erzählt jedoch eine ganz andere Geschichte: die eines Suchenden, der über Thomas von Aquin, Augustinus und die katholische Tradition den Weg zurück zum Glauben fand.
Als J. D. Vance vor zehn Jahren mit Hillbilly Elegy schlagartig berühmt wurde, galt er vielen als das literarische Gesicht eines vergessenen Amerikas. Er schilderte den sozialen Zerfall der Appalachen, den Verlust familiärer Bindungen, Drogen, Gewalt und Hoffnungslosigkeit – und erzählte zugleich die Geschichte seines eigenen Aufstiegs aus einfachsten Verhältnissen bis an die Eliteuniversität Yale. Heute ist Vance Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Viele sehen in ihm einen der einflussreichsten konservativen Politiker seiner Generation. Umso erstaunlicher ist es, dass sein neues Buch Communion – Finding My Way Back to Faith kein politisches Manifest geworden ist. Es ist vielmehr ein persönliches Glaubenszeugnis.
Langes Ringen mit der Wirklichkeit
In diesem Sinne wird der enttäuscht sein, der erwartet, dass Vance hier die Geschichte eines Politikers erzählt, der Religion für seine Zwecke entdeckt, böse Zungen würden sagen „instrumentalisiert“. Er beschreibt vielmehr den Weg eines Menschen, der erfahren musste, dass Erfolg allein – und sei er noch so groß und beeindruckend – die tiefsten Fragen des Lebens unbeantwortet lässt. Wer das Buch aufschlägt, begegnet keinem Prediger und keinem Theologen. Vance schreibt vielmehr mit jener unprätentiösen Nüchternheit, die schon Hillbilly Elegy ausgezeichnet hat. Gerade deshalb wirkt die Schilderung seiner geistigen Entwicklung so glaubwürdig. Sie erscheint nicht als plötzliche Erleuchtung, sondern als das Ergebnis eines langen Ringens mit der Wirklichkeit. Dennoch gibt es auch emotionale Momente auf diesem Weg. Nicht nur einmal spricht Vance von seiner Großmutter (Mamaw). Nach ihrem Tod begann seine eigentliche geistige Suche. Der Tod seiner Großmutter wird mehrmals als der Wendepunkt seines Lebens beschrieben. Ein Aspekt, der mich persönlich bei der Lektüre sehr berührt hat.
Die beschriebene Suche begann paradoxerweise dort, wo viele moderne Biographien enden: im Erfolg. Der Aufstieg nach Yale, die Karriere in der Finanzwelt und schließlich der Eintritt in die große Politik hätten allen Grund gegeben, sich zufrieden zurückzulehnen. Doch je weiter Vance gesellschaftlich aufstieg, desto deutlicher wurde ihm, dass Wohlstand, Anerkennung und Macht die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht beantworten können. Und dass jedes neue Glück uns nicht wunschlos zurücklässt, sondern nach noch mehr verlangt. Das eigentliche Thema von Communion ist deshalb nicht Politik. Es ist die Wahrheit. Und die Frage, wie wir wunschlos glücklich werden.
„Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“
Immer wieder schildert Vance, wie ihn die materialistische Weltsicht seiner Studienjahre letztlich unbefriedigt zurückließ. Zwar vermochte sie vieles zu erklären – wirtschaftliche Zusammenhänge, biologische Prozesse oder gesellschaftliche Entwicklungen. Aber sie schwieg dort, wo der Mensch nach dem Guten, dem Schönen und dem Wahren fragt. Warum gibt es überhaupt Wahrheit? Warum besitzt jeder Mensch eine unveräußerliche Würde? Weshalb empfinden wir Gewissensbisse? Warum berührt uns Schönheit? Weshalb opfern Eltern sich für ihre Kinder auf? Und vor allem: „“What must I do to be saved: Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“
Es sind uralte philosophische und auch theologische Fragen. Und gerade weil Vance sie ernst nimmt, gerät seine geistige Reise weit über eine persönliche Lebensgeschichte hinaus. Besonders sympathisch ist dabei, dass er seine Bekehrung nicht als Wunder präsentiert. Er ist kein Saulus, der vom Pferde fiel und zu Paulus wurde. Und seine Schilderungen sind weit entfernt von den fulminant-exzessiven Bekehrungsgeschichten, die bei den in den USA weit verbreiteten Evangelikalen, Pfingstlern usw. eine große Rolle spielen. Er beschreibt keinen dramatischen Blitz aus heiterem Himmel, keine sentimentale Erweckung und keinen plötzlichen Gefühlsüberschwang. Sein Weg führt vielmehr über das Denken. Damit steht Vance in einer langen Tradition großer Konvertiten. Man denkt unwillkürlich an den großen Kirchenvater, den heiligen Augustinus, dessen Confessiones ebenfalls den Weg eines suchenden Intellektuellen schildern. Man denkt an den heiligen John Henry Newman, der sich Schritt für Schritt zur Überzeugung durchrang, dass Wahrheit eine konkrete Gestalt besitzen müsse. Und man erinnert sich an G. K. Chesterton, der einst schrieb, die katholische Kirche sei die einzige Institution, die den Menschen zugleich vor seiner Erniedrigung und seiner Selbstüberschätzung bewahre. Und vor „der erniedrigenden Knechtschaft, bloß ein Kind seiner Zeit zu sein.“
Wichtige Rolle des Aquinaten
Auch bei Vance führt die Suche schließlich zur katholischen Kirche. Dabei fällt auf, wie selbstverständlich er sich mit den großen Denkern der christlichen Tradition auseinandersetzt. Thomas von Aquin spielt dabei eine herausragende Rolle. Für viele Leser in Deutschland dürfte gerade dies überraschend sein. Während hierzulande selbst kirchliche Stellungnahmen häufig kaum noch auf die klassische Philosophie Bezug nehmen, schildert ausgerechnet der amerikanische Vizepräsident, wie ihn der mittelalterliche Dominikaner zur Vernünftigkeit des Glaubens geführt hat. In den USA hat freilich schon vor geraumer Zeit auch in der Philosophie eine äußerst fruchtbare Thomas-Renaissance eingesetzt, die man in Deutschland vergeblich sucht. (Foto: der damalige US-Botschafter R. Grenell mit meinem letzten Buch über Thomas von Aquin)
Das ist alles andere als nebensächlich. Denn Thomas von Aquin zeigt, dass Vernunft und Offenbarung keine Gegensätze sind. Die menschliche Vernunft vermag vieles zu erkennen; sie stößt jedoch an Grenzen, die erst durch die Offenbarung Gottes überschritten werden können. Glaube ersetzt das Denken nicht – er vollendet es: „Gratia non tollit naturam, sed perficit eam: Die Gnade hebt die Natur nicht auf, sondern vollendet sie.“ (Aquin, Summa theologiae, I, q. 1, a. 8, ad 2)
Ein katholischer Frühling
Diese Einsicht des Aquinaten prägt das gesamte Buch. Vance beschreibt das Christentum nicht als sentimentalen Rückzugsort in einer chaotischen Welt, sondern als Antwort auf die Frage, was der Mensch seinem Wesen nach ist. Damit berührt er ein Thema, das gerade heute aktueller kaum sein könnte. In einer Zeit, in der Identität zunehmend als frei formbares Projekt erscheint und technischer Fortschritt bisweilen die Grenzen des Menschseins selbst infrage stellt, erinnert Vance daran, dass Freiheit ohne Wahrheit in Beliebigkeit umschlägt. Hier wird das Buch auch für europäische Leser interessant. Denn während in Deutschland noch immer viele öffentliche Debatten den Eindruck erwecken, Religion sei allenfalls ein kulturelles Relikt, erlebt man in den Vereinigten Staaten seit einigen Jahren etwas Bemerkenswertes: Zahlreiche konservative Intellektuelle entdecken den christlichen Glauben neu. Der Publizist Rod Dreher gehört ebenso dazu wie der Philosoph Edward Feser oder der Jurist Adrian Vermeule. Auch J. D. Vance reiht sich in diese Entwicklung ein. Aber auch in Deutschland zeigt sich – wohl aufgrund des Versagens der hiesigen Amtskirche – ein vorsichtiger katholischer Frühling ausgerechnet unter den Intellektuellen, bei denen über viele Jahre ein linker Ungeist sein Unwesen trieb. Gestern Abend traf ich zufällig einen Kollegen, einen bekannten Journalisten, der mir freudig berichtete, dass er im Herbst in der katholischen Kirche Sankt Michael in München die Taufe empfangen wird.
Gemeinsam scheint Vance, Dreher u.a. die Überzeugung zu sein, dass eine freie Gesellschaft ohne ein tragfähiges Menschenbild auf Dauer nicht bestehen kann. Eben dieses schützt aber der Katholizismus über die Naturrechtslehre und den festen Glauben, dass Gott selbst Mensch wurde, in einzigartiger, Glaube und Vernunft vereinender Weise. Überflüssig zu sagen: Man muss nicht jede politische Schlussfolgerung teilen, die Vance zieht, um die geistige Ernsthaftigkeit seines Buches anzuerkennen. Gerade deshalb überrascht die Schärfe, mit der manche amerikanische Feuilletons reagiert haben. Zahlreiche Kritiken beschäftigen sich weniger mit den philosophischen Überlegungen des Autors als mit seiner politischen Rolle. Das eigentliche Anliegen des Buches – die Suche nach Wahrheit und die Rückkehr zum katholischen Glauben – tritt dabei häufig in den Hintergrund.
Das ist bedauerlich. Denn Communion verdient es, an seinem eigenen Anspruch gemessen zu werden. Und dieser Anspruch ist keineswegs gering. Vance möchte zeigen, dass der christliche Glaube keine sentimentale Erinnerung an vergangene Zeiten ist, sondern eine vernünftige Antwort auf die Grundfragen menschlicher Existenz. Dass ihm dies in vielen Passagen gelingt, macht den eigentlichen Wert des Buches aus.
Gerade katholische Leser werden sich in zahlreichen Überlegungen wiederfinden. Vance spricht mit großer Hochachtung über die Liturgie, die Sakramente und die geistige Tiefe der kirchlichen Tradition. Man spürt, dass hier einer schreibt, der die Kirche nicht deshalb schätzt, weil sie sich dem Zeitgeist angepasst hätte, sondern gerade deshalb, weil sie ihm widersteht. Das unterscheidet Communion von vielen religiösen Neuerscheinungen unserer Tage. Der Glaube erscheint hier nicht als therapeutisches Angebot zur Selbstoptimierung und auch nicht als politische Moralagentur. Er begegnet dem Leser vielmehr als Begegnung mit einer objektiven Wahrheit, die den Menschen verändert, weil sie ihn aus seiner Selbstbezogenheit herausführt. Hier liegt m.E. eigentliche Aktualität dieses Buches.
Der Katholizismus als wichtigste Schutzmacht der Menschenwürde
In einer Epoche, in der viele westliche Gesellschaften unter Orientierungslosigkeit leiden, erinnert J. D. Vance daran, dass jede politische Ordnung letztlich auf einer anthropologischen Grundentscheidung beruht. Wer nicht mehr weiß, was der Mensch ist, wird auch nicht mehr wissen, wie Staat, Familie oder Freiheit zu verstehen sind. Den mutigen und unnachgiebigen Einsatz Vances für Menschenrechte wie Religions- und Meinungsfreiheit, wie er den Deutschen besonders deutlich auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 vor Augen geführt wurde, kann auch von diesem Menschenbild her verstanden werden.
Es ist deshalb kein Zufall, dass Vances geistiger Weg nicht bei politischen Programmen endet, sondern im katholischen Glauben. Er hat erkannt, dass kulturelle Krisen letztlich geistige Krisen sind – und dass eine Erneuerung der Gesellschaft ohne eine Erneuerung des Menschen, die erst in der Gottesfreundschaft durch die Gnade ihre irdische Reife empfängt, nicht gelingen wird.
Communion ist nicht nur die Autobiographie eines amerikanischen Vizepräsidenten. Es ist das selten gewordene Zeugnis eines modernen Intellektuellen, der den Mut hat, öffentlich zu bekennen, dass die entscheidenden Antworten auf die Fragen unserer Zeit nicht in Ideologien, sondern in der zweitausendjährigen Glaubenstradition des Katholizismus zu finden sind. Als eine Art dringende Nachhilfeanweisung verdient dieses Buch auf jeden Fall eine Übersetzung in die deutsche Sprache und hierzulande eine große Leserschaft. Nicht nur, weil J. D. Vance Vizepräsident der Vereinigten Staaten ist. Sondern weil er etwas ausspricht, das im heutigen Europa viel zu selten geworden ist: Dass der Mensch die Wahrheit nicht erfindet – sondern sie finden muss. Und dass diese Suche am Ende zu Christus und seiner Kirche führt.
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