(David Berger) Der Sechsfachmörder von Stade, Fatih G. soll sich in seiner Gefängniszelle das Leben genommen haben. Damit verstummt der einzige Mann, der viele offene Fragen hätte beantworten können – etwa zur Rolle möglicher Mitwisser und zu den bis heute ungeklärten Umständen rund um die Fahrerin des Fluchtwagens.
Mit dem mutmaßlichen Selbstmord des 45-jährigen Hauptverdächtigen in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde verliert einer der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre seinen wichtigsten Zeugen. Nach Angaben des niedersächsischen Justizministeriums wurde der Mann am Dienstagmorgen leblos in seiner Zelle gefunden. Ein Notarzt stellte den Tod durch Strangulation fest. Die Behörden gehen derzeit von Suizid aus; Hinweise auf Fremdeinwirkung lägen bislang nicht vor. Vermutlich wurde der Täter nicht kontinuierlich per Kamera überwacht, gab es – trotz seiner entscheidenden Rolle in dem anstehenden Prozess – keine Anweisung ihn in einer sogenannten Beobachtungs- oder Suizidpräventionszelle unterzubringen.
Doch mit dem Tod des Beschuldigten dürfte die öffentliche Debatte keineswegs beendet sein. Im Gegenteil: Zahlreiche Fragen, die bereits unmittelbar nach dem Sechsfachmord in der Mutter-Kind-Einrichtung in Stade gestellt wurden, sind bis heute unbeantwortet.
Untergetauchte Fahrerin des Wagens
Ende Juni hatte der Mann während eines Hilfeplangesprächs in einer Mutter-Kind-Einrichtung sechs Mitarbeiter des Jugendamtes und der Einrichtung erschossen. Hintergrund war nach bisherigen Ermittlungen ein eskalierter Sorgerechtsstreit um seine wenige Monate alte Tochter. Nach der Tat flüchtete er in einem Auto, wurde jedoch kurz darauf von der Polizei gestoppt und festgenommen. Bereits kurz nach der Bluttat sorgten die Hintergründe für erheblichen politischen Sprengstoff. Bekannt wurde, dass gegen den Mann in der Türkei ein offener Haftbefehl bestand. Zudem verfügte er trotz seiner türkischen Staatsangehörigkeit offenbar über keinen deutschen Aufenthaltstitel.
Besonders kontrovers diskutiert wird die Rolle der Frau am Steuer des Fluchtwagens. Nach dpa-Informationen handelt es sich um die Schwiegermutter des niedersächsischen SPD-Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku. Medien berichteten außerdem über enge persönliche Beziehungen der Frau zum Umfeld des Täters; sie soll zeitweise sogar als Patentante des Kindes bezeichnet worden sein. Gegen sie wird ebenso wie gegen die Mutter des Kindes weiterhin ermittelt. Einen dringenden Tatverdacht, der Untersuchungshaft rechtfertigen würde, sahen die Ermittlungsbehörden bislang allerdings nicht. Die Frau soll inzwischen untergetaucht sein. Die Ermittlungen dauern ausdrücklich an.
Schon diese Konstellation wirft Fragen auf. Warum wartete die Fahrerin nach den Schüssen auf den Täter und fuhr ihn vom Tatort weg? Wusste sie, was geschehen war? Hatte sie Kenntnis von der Tatplanung oder wurde sie überrascht? Und warum steht eine solch wichtige Zeugung nicht mindestens unter Dauerbeobachtung, wenn man schon keine ausreichenden Gründe für eine Untersuchungshaft erkennen will. Diese Fragen sind bislang nicht beantwortet. Dass gegen sie weiter ermittelt wird, zeigt jedoch, dass die Staatsanwaltschaft ihre mögliche Rolle noch nicht abschließend bewertet.
Und der Verfassungsschutz?
Auch der Verfassungsschutz geriet im Zusammenhang mit der Tat in die Diskussion. Nach den bislang bekannten offiziellen Angaben war der Täter den Sicherheitsbehörden zwar bekannt, Hinweise auf eine extremistische Motivation oder eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz wurden jedoch nicht bestätigt. Im Internet kursieren nach wie vor Gerüchte, dass die Fahrerin des Stade-Killers Informantin, Mitarbeiterin oder Kontaktperson des Verfassungsschutzes gewesen sein soll. Damit hätten wir eine ähnlich verdächtige Lage wie bei den Hintergründen rund um den Anschlag vom Breitscheidplatz. Die Tat wird jedoch bislang offiziell als Folge eines eskalierten persönlichen Konflikts im Zusammenhang mit dem Sorgerechtsstreit eingeordnet. Öffentliche Spekulationen über eine weitergehende Rolle des Verfassungsschutzes sind derzeit durch die bekannten Ermittlungsergebnisse nicht belegt.
Mit dem Tod des Hauptverdächtigen stellt sich nun zwangsläufig eine weitere Frage: Wem nützt sein unerwarteter Tod, sein Schweigen?
„Hat ihn jemand beseitigt, weil sonst noch ganz andere Dinge ans Tageslicht kommen?“
Es geht hier nicht darum, irgendwelche wirren Verschwörungstheorien zu kolportieren. Sicher ist aber: Der Beschuldigte hätte sich im weiteren Verfahren zu den Tatvorbereitungen, möglichen Helfern und den genauen Abläufen äußern können. Durch seinen Tod wird eine gerichtliche Aufklärung dieser Punkte erheblich erschwert oder teilweise unmöglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass daraus auf ein Fremdverschulden oder eine gezielte Beseitigung des Tatverdächtigen geschlossen werden kann. Dafür liegen derzeit keine öffentlich bekannten Belege vor. Aber man kann nach all dem, was wir in den letzten Jahren fast alltäglich erleben, keinem verdenken, wenn er sich denkt: „Hat ihn jemand beseitigt, weil sonst noch ganz andere Dinge ans Tageslicht kommen?“ Und Tatjana Festerling schreibt: „Der türkisch-kriminelle Stade-Killer mit mysteriösen Verbindungen zur SPD und satt gefüllten NGO Fördertöpfen hat sich ge-epsteint. Na, sowas aber auch. Und was für ein supi Zufall, dass er nun nicht mehr den Überlebenskampf dieser Dreckspartei an den Urnen im September belasten kann.“
Fest steht allerdings auch: Die Hinterbliebenen der sechs Ermordeten werden nun viele Antworten möglicherweise niemals erhalten. Gerade deshalb müsste der Druck auf Staatsanwaltschaft und Politik wachsen, die offenen Fragen – insbesondere zur Rolle des Umfeldes des Täters und zu möglichen behördlichen Versäumnissen vor der Tat – vollständig und transparent aufzuklären. Denn mit dem Tod des mutmaßlichen Schützen endet zwar das Strafverfahren gegen ihn. Die Aufklärung des gesamten Falles hat damit aber erst recht an Bedeutung gewonnen.
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