Der US-Vizepräsident J.D. Vance gerät wegen seiner Aussagen zu Theologie und Geschichte zunehmend in die Kritik. Eine Analyse zeigt, wie problematische Vergleiche, historische Verkürzungen und politische Rhetorik nicht nur irreführend, sondern auch gefährlich für die demokratische Ordnung sein können. Gastbeitrag von Prof. Dr. Alfred Thomas, Chicago.
Der US-Vizepräsident J.D. Vance gab kürzlich an der University of Georgia ein Interview bei „Turning Point USA“, in dem er Papst Leo XIV. dafür kritisierte, den Krieg im Iran nicht zu unterstützen. Dabei behauptete er, der Papst solle sich in seinen theologischen Äußerungen mehr Zurückhaltung auferlegen. Der Vizepräsident scheint vergessen zu haben – falls er es je wusste –, dass Seine Heiligkeit ein Augustinerpriester ist, der in den Grundsätzen des moralisch gerechtfertigten Krieges bestens bewandert ist. Die Position des Papstes lautet, dass der Krieg im Iran nicht moralisch gerechtfertigt ist – aus Gründen, die Dr. David Berger kürzlich in seinem Blog mit großer Gelehrsamkeit dargelegt hat.
Eine Zivilisation retten oder zerstören?
Noch gravierender ist vielleicht, dass Herr Vance den Zweiten Weltkrieg als zentrales Beispiel für die rettende Rolle Amerikas anführt, das die Zivilisation vor dem Übel des Nationalsozialismus bewahrt habe. Das ist grundsätzlich richtig. Der entscheidende Unterschied zwischen damals und heute besteht jedoch darin, dass die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg tatsächlich daran beteiligt waren, die Zivilisation vor dem Nationalsozialismus zu retten, während Präsident Trump damit gedroht hat, „eine ganze Zivilisation zu zerstören“. Ironischerweise erinnert eine derart kriegerische Rhetorik eher an Hitlers irrwitzige Drohungen gegenüber seinen Gegnern als an das, was man üblicherweise von US-Präsidenten als Führern der freien Welt erwartet.
Indem Vance den moralisch gerechtfertigten Krieg gegen den Nationalsozialismus mit dem moralisch problematischen Angriff auf den Iran gleichsetzt, verwischt er nicht nur wichtige theologische Unterscheidungen; er schreibt auch die Geschichte in gefährlicher Weise um, um sie seiner rechtsgerichteten ideologischen Agenda anzupassen. Vance behauptet, amerikanische Streitkräfte hätten Frankreich und die Konzentrationslager befreit, als hätten sie allein gehandelt. Tatsächlich befreiten US-Truppen Konzentrationslager in Deutschland und Österreich, etwa Dachau und Buchenwald (beide im April 1945). Vance verschweigt, dass die Befreiung der Vernichtungslager eine gemeinsame Leistung der Alliierten war und nicht allein der USA. Bekanntlich waren es sowjetische Truppen, die Auschwitz-Birkenau im Januar 1945, Majdanek im Juli 1944, Buchenwald im April 1945 und Sachsenhausen im Mai 1945 befreiten. Die britische Armee befreite Bergen-Belsen im April 1945.
Es ist keineswegs das erste Mal, dass Vertreter der Trump-Administration zudem die Rolle Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg ausblenden. Die militärische Stärke der USA war zwar entscheidend für die Zerschlagung des Nationalsozialismus, aber keineswegs ausschließlich.
Macht schafft nicht Recht
Warum sind diese historischen Details wichtig, und wie hängen sie mit theologischen Fragen zusammen? Die naheliegende Antwort lautet: Jede Diskussion über einen moralisch gerechtfertigten Krieg muss den historischen Kontext berücksichtigen, der sich im Laufe der Zeit verändert, sowie die politischen Umstände einer jeweiligen Epoche. Kein vernünftiger Mensch würde heute bestreiten, dass der Zweite Weltkrieg nicht nur aus geopolitischen, sondern auch aus moralischen Gründen geführt werden musste. Und zweifellos sollte die zentrale Rolle der USA bei der Rettung der westlichen Zivilisation anerkannt werden.
Doch es ist ein zu gewagter Schritt, aus diesem einen historischen Beispiel abzuleiten, dass Amerika immer gerechtfertigt sei, Krieg gegen seine Gegner zu führen. Vances gleichzeitige Verzerrung theologischer Nuancen (des „gerechten Krieges“) und seine orwellhafte Umschreibung der Geschichte (des Zweiten Weltkriegs) zur Rechtfertigung von Trumps Außenpolitik ist daher nicht nur irrig, sondern äußerst gefährlich. Die zugrunde liegende Doktrin, wonach Macht Recht schafft und Geschichte wie Theologie diesem Prinzip untergeordnet werden müssen, ist den Grundannahmen des Faschismus erschreckend nahe. In ihrer logischen Konsequenz stellen die von Vance vorgebrachten Scheinargumente eine ernsthafte Bedrohung nicht nur für das Fortbestehen der NATO, sondern für die westliche Demokratie insgesamt dar.
Bildungslücken als Chance für pauschale und falsche Aussagen
In meinem aktuellen Seminar über dystopische Literatur und Film an der University of Illinois habe ich versucht, meinen Studierenden die Bedeutung historischer Bildung sowie die Rolle von Lesekompetenz in einer Gesellschaft wie den USA zu verdeutlichen, in der über 20 Prozent der Bevölkerung nicht mehr lesen. Diese erschreckende Statistik ermöglicht es erst, dass Vances pauschale historische Aussagen und seine fehlerhaften theologischen Behauptungen auf fruchtbaren Boden fallen. Es liegt an uns – insbesondere vielleicht an Professorinnen und Professoren an US-amerikanischen Universitäten –, Politiker zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie zu solchen Methoden greifen. Tun wir das nicht, gerät die Demokratie selbst zunehmend in Gefahr.
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Alfred Thomas ist Professor für Englisch an der University of Illinois in Chicago. Im Oktober erscheint sein neues Buch „Wounded Knights: Violence, Masculinity, and Medieval Courtly Love (The New Middle Ages)„.
Besonderes Aufsehen erregte – neben zahlreichen anderen wissenschaftlichen Studien – sein Buch „Shakespeare, Catholicism, and the Middle Ages: Maimed Rights“ .
Journalistische Offenlegung: Der Gastautor ist ein persönlicher Freund von mir. Gemeinsame Gespräche zur mittelalterlichen Philosophie, zur deutschen Kultur und US-amerikanischen sowie europäischen Politik haben zahlreiche Abende spannend sein lassen.
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