Christenverfolgung in Afrika: „Die Verfolger müssen klar benannt werden“

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Christen werden verschleppt, versklavt, zwangsverheiratet und ermordet – doch in Politik und Medien wird der religiöse Hintergrund der Gewalt nach Einschätzung von Christian Solidarity International (CSI) immer wieder heruntergespielt. Im großen PP-Interview spricht Pfarrer Peter Fuchs, Geschäftsführer von CSI in München, über die dramatische Lage der Christen in Nigeria und im Sudan, über dschihadistische Gewalt und moderne Sklaverei – und darüber, warum der Westen die religiösen Ursachen der Verfolgung so ungern beim Namen nennt.

Fuchs weiß dabei nicht nur aus Berichten, wovon er spricht: CSI arbeitet seit Jahrzehnten mit Opfern religiöser Verfolgung und befreit seit 1995 Christen und Animisten aus der Sklaverei im Sudan. Im Gespräch schildert der Geistliche erschütternde Einzelschicksale, widerspricht verbreiteten Deutungen der Gewalt in Nigeria als bloßen „Hirten-Bauern-Konflikt“ und fordert, Täter und Hintermänner offen zu benennen. Zugleich nimmt er die Kirchen in Europa in die Pflicht und äußert sich zu Papst Leo XIV.: Dessen ungewöhnlich deutliche Verurteilung der religiös motivierten Gewalt in Nigeria wertet Fuchs als wichtigen Akzent und als „sanfte Korrektur“ früherer vatikanischer Stellungnahmen.

Der 1977 in Tegernsee geborene Fuchs studierte Theologie in Regensburg, Rom und Wigratzbad, wurde 2002 für die Erzdiözese Vaduz zum Priester geweiht und erwarb später in Straßburg das Lizenziat im Kirchenrecht. Seit 2016 leitet er die Münchner Arbeit von CSI; daneben wirkt er als Kirchenanwalt und Ehebandverteidiger am Bischöflichen Offizialat Eichstätt. Ein Gespräch über Christenverfolgung, Islamismus, das Schweigen des Westens – und darüber, warum Solidarität mit verfolgten Christen mehr verlangt als humanitäre Hilfe.

CSI widerspricht der Bundesregierung ausdrücklich in ihrer Einschätzung der Lage im Sudan und in Nigeria. Während Berlin vielfach ethnische Konflikte, Ressourcenknappheit oder allgemeine politische Instabilität in den Vordergrund stellt, spricht CSI von religiöser Verfolgung und dschihadistischer Gewalt. Wird der religiöse Faktor von der deutschen Politik systematisch unterschätzt?

Pfarrer Fuchs (Foto r. © Screenshot YT): Das Beispiel Nigeria steht hier für einen roten Faden in der deutschen Außenpolitik. Nicht nur in Nigeria, sondern auch in anderen Ländern klammert die Bundesregierung religiöse Konflikte als mögliche Ursache aus. Die Erklärungsmuster sind meistens „struktureller“ Natur. So betrachtet die Bundesregierung auch die Verfolgung der Alawiten in Syrien vornehmlich als „politisches“ und nicht als „religiöses“ Problem, obwohl die Alawiten von vielen Sunniten als Ungläubige angesehen werden und es eine historische Verfolgung gibt. Ganz ähnlich ist es auch bei der Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan, bei der die Traditionslinien zwischen dem armenischen Völkermord und der ethnischen Säuberung in Bergkarabach keine Rolle spielen; in beiden Fällen war die Auslöschung des Christentums im Südkaukasus und Orient – auch Assyrer und Aramäer waren betroffen – kein „Kollateralschaden“, sondern Programm.

Besonders drastisch erscheint die Diskrepanz im Sudan: Die Bundesregierung erklärt, über keine entsprechenden Erkenntnisse zu Zwangsarbeit und Sklaverei zu verfügen, während CSI seit Jahrzehnten mit der Befreiung und Unterstützung versklavter Menschen befasst ist. Wie ist es möglich, dass die Wahrnehmung einer westlichen Regierung und die Erfahrungen einer seit Jahrzehnten vor Ort tätigen Hilfsorganisation derart weit auseinanderliegen?

Die Anfrage der AfD, aus der diese Antwort hervorgeht, besteht aus 17 Einzelfragen, aber es war diese eine Antwort, die aufhorchen ließ. Sie zeigte, dass die Bundesregierung zwar über ein breites Wissen hinsichtlich der außenpolitischen Verflechtungen und Statistiken verfügt, aber offenbar den Sudan – wie andere Länder auch – als eine Art „Blackbox“ ansieht. Alle Staaten, so hat man den Eindruck, sind prinzipiell gleich. Die verschiedenen Determinanten – Ethnien, Religionen, Traditionen, Geschichte – spielen lediglich eine nachgeordnete Rolle. Im Süden des heutigen Sudans und im Südsudan sind zahlreiche Menschen, die über Jahrhunderte der Islamisierung und Arabisierung die Stirn boten, ab dem 19. Jahrhundert zum Christentum konvertiert. Bis heute gibt es eine christliche Enklave in den Nuba-Bergen des Sudans.
Nach Ende der britischen Kolonialherrschaft bestand das erklärte Ziel der neuen, muslimisch dominierten Regierung in Khartum darin, den Islam und die arabische Kultur in nicht-islamischen Gebieten des Sudans zu verbreiten. So sollte eine islamische kulturelle Einheit erreicht werden. Von einheimischen Christen erwartete die neue herrschende Elite des Sudans, dass sie die politischen und sozialen Benachteiligungen als Dhimmis hinnehmen würden.

Diese Konfliktlinien haben das Land mehrfach in den Bürgerkrieg geworfen und 2011 schließlich zur Unabhängigkeit des Südsudans geführt. CSI befreit seit 1995 Christen und Animisten aus der Sklaverei im Sudan und führt sie in den Südsudan zurück und prangert das Übel der Sklaverei öffentlich an – die UN hat bis 1999 nicht zugeben wollen, dass Kinder und Mütter versklavt wurden. Die Bundesregierung steht offenbar in einer ähnlichen Tradition. Über die Motive will ich nicht spekulieren.

In Nigeria werden Massaker an christlichen Dörfern häufig als Folge von Landkonflikten, Klimawandel, ethnischen Spannungen oder Auseinandersetzungen zwischen Hirten und Bauern dargestellt. CSI hält eine solche Erklärung für unzureichend und verweist auf die dschihadistische Ideologie der Täter. Woran lässt sich konkret erkennen, dass Christen nicht lediglich zufällige Opfer allgemeiner Gewalt sind, sondern gerade wegen ihres Glaubens angegriffen werden?

Man muss sich in diesem Fall beide Seiten anschauen: die Urheber der Gewalt und die Opfer der Gewalt. Sie lesen immer wieder in den Medien von „militanten Fulanis“ oder „islamistischen Fulani-Milizen“, die christliche Dörfer überfallen. Die Fulani sind jene „Nomaden“ bzw. „Hirten“, die man aber kaum von ihrer Geschichte und Religion trennen kann. Bis 1903 beherrschten sie das größte und mächtigste Reich in Westafrika, nämlich das Sokoto-Kalifat – es wurde danach von den Kolonialmächten Frankreich, Deutschland und dem Vereinigten Königreich aufgeteilt. Gründer des Kalifats war Usman dan Fodio, der sein Reich durch einen Dschihad gegen nicht-muslimische Nachbarstämme gründete. Über mehr als ein Jahrhundert breitete sich dieses Kalifat durch Heilige Kriege aus. Raubzüge im Namen Allahs gegen „Ungläubige“ gehörten zur Tagesordnung. Die heutigen Überfälle stehen in dieser Tradition: Die Fulani wollen den Christen das Land entreißen, das sie traditionell als islamisches Land betrachten.

Betrachten wir nun die Opfer. Ja, es stimmt, dass auch Muslime Opfer der Gewalt in Nigeria sind. Am 21. August erfolgte ein koordinierter Angriff auf fünf Ortschaften im Verwaltungsbezirk Borgu. Bewaffnete Männer stürmten während des Freitagsgebets Moscheen und entführten Hunderte Gläubige. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Sie als Christ in Nigeria Opfer von Gewalt werden, ist rund 8,7-mal höher als für einen Muslim. Zentrale Angriffsziele der Täter sind christliche Schulen, Kirchen an christlichen Feiertagen, Geistliche oder christliche Dorfvorsteher. Die muslimischen Angreifer sind mit AK-47-Gewehren bewaffnet und überfallen die Dörfer mit Motorrädern. Die christlichen Bewohner sind dagegen so gut wie nie bewaffnet. Die Täter bleiben häufig straflos, was auf eine stille Kooperation mit lokalen Behörden schließen lässt. Insbesondere die Sicherheitskräfte sind von Fulani dominiert. Man braucht viel Fantasie, um bei dieser Sachlage den „religiösen Faktor“ als bloße Nebensache zu verorten.

Robert Kardinal Sarah hat als Afrikaner immer wieder sehr deutlich zwischen einem friedlichen Zusammenleben von Christen und Muslimen und einem politisch-dschihadistischen Islam unterschieden. Nach der Ermordung von elf Christen in Nigeria bezeichnete er die Getöteten ausdrücklich als „Märtyrer“. Zugleich warnte er davor, dass ein Islam, der sich als politische Ordnung versteht und universalen Herrschaftsanspruch erhebt, nicht nur für Afrika eine Bedrohung darstellt. Deckt sich diese Diagnose mit den Erfahrungen von CSI? Und fehlt der Kirche in Europa heute mitunter der Mut zu einer ähnlich klaren Unterscheidung und Sprache?

Das ist definitiv der Fall. In vielen Ländern lässt sich der „Trend“ zu einer Homogenisierung beobachten. Angestammte Minderheiten, religiös wie ethnisch, werden als Problem angesehen. Das gilt aber nicht nur für islamische Staaten: In Indien etwa üben die Hindu-Nationalisten gewaltigen Druck auf christliche und muslimische Minderheiten aus – dort haben in der Vergangenheit christenfeindliche Mobs gewütet. Was den Nahen Osten angeht, muss man jedoch auch kritisch anmerken, dass eine postchristliche Politik des Westens große Schuld an der anhaltenden Schwächung des orientalischen Christentums hat. Den Irak-Krieg hat Papst Johannes Paul II. noch zu verhindern gesucht und sich mit dem irakischen Außenminister Tarik Aziz getroffen – einem chaldäischen Christen im säkularen Regime von Saddam Hussein. Von den knapp 2 Millionen Christen leben heute noch vielleicht 200.000 im Irak. Bei der syrischen Christenheit sieht es ähnlich aus: vor dem Krieg lebten dort gut 2 Millionen Christen, heute sind es 300.000. Kirche und Politik haben daher die Aufgabe, sich gegen die zunehmende Destabilisierung dieser Regionen einzusetzen. Mittlerweile hängt das Überleben des Christentums in seiner Wiege davon ab. Dass aber gerade in Syrien ein Dschihadist als Präsident hofiert wird, über dessen gegenwärtiges politisches Programm – die Errichtung einer Islamischen Republik Syrien – freundlich hinweggesehen wird, zeigt leider, dass es noch Handlungsbedarf gibt. Viele Lücken, in die der radikale Islam stößt, hat der Westen selbst aufgerissen. Das Problem finden Sie also nicht erst in Afrika, sondern bereits vor der europäischen Haustüre.

Besonders erschütternd ist die Situation christlicher Frauen und Mädchen, die entführt, sexuell missbraucht, zwangsverheiratet oder zur Konversion gezwungen werden. Begegnet Ihnen bei Ihrer Arbeit der Eindruck, dass diese Opfer in der westlichen Menschenrechtsdebatte weniger Aufmerksamkeit erhalten, weil die religiöse beziehungsweise islamistische Dimension ihrer Verfolgung politisch unbequem ist?

Es ist in der Tat erschreckend, wie wenig Widerhall die Fälle von entführten, versklavten und zwangsverheirateten Frauen finden. Die frühere Außenministerin Annalena Baerbock hat eine „feministische Außenpolitik“ zum Programm erhoben, aber an der Situation von christlichen und andersgläubigen Frauen hat sich in den islamischen Ländern nichts geändert.
Bei CSI bearbeiten wir dazu seit Jahren Fälle – kürzlich etwa das Schicksal von Neha, einer 18-jährigen Christin aus Pakistan. Ihre Eltern, die als Schuldsklaven in einer Ziegelei arbeiteten, wollten ihr ein besseres Leben ermöglichen und meldeten sie in einem Nähkurs an. Sie verschwand kurze Zeit darauf; die Familie wurde bei Nachforschungen eingeschüchtert. Man fand Neha in einer islamischen Schule wieder, wo sie zwangskonvertiert worden war. Bis heute versucht CSI, Neha endlich wieder zu ihrer Familie zurückzubringen.
Im Sudan werden Frauen in die Sklaverei hineingeboren – so etwa im Fall Agul. Ihre Eltern waren aus dem Südsudan in den Sudan verschleppt worden; Agul wurde später von ihrem „Besitzer“ an einen Araber verkauft. Dieser ließ sie schwer schuften, schlug und vergewaltigte sie. Agul brachte drei Kinder zur Welt, von denen ihr zwei abgenommen und zur Mutter des Besitzers gebracht wurden. Er drohte ihr mehrmals an, dass sie „wie ein Hund“ sterben würde, wenn sie ihm nicht gehorchte; sie durfte nicht einmal zum Arzt gehen, wenn sie krank war. Agul wurde glücklicherweise von CSI im Oktober 2025 befreit.
Dass diese Geschichten so wenig Aufmerksamkeit in Europa finden, liegt nicht zuletzt an der postchristlichen Gesellschaft: Christen stehen nicht mehr mit Christen zusammen und sehen sich für ihre Glaubensgeschwister nicht mehr verantwortlich.

Es wird immer wieder der Vorwurf erhoben, Papst Leo XIV. habe angesichts der dramatischen Christenverfolgung in Afrika seine Stimme nicht oder jedenfalls nicht deutlich genug erhoben. Trifft dieser Vorwurf aus Ihrer Sicht zu? Wie beurteilt CSI die bisherigen Äußerungen und Initiativen des Papstes – gerade auch seine Stellungnahmen zur Situation der Christen in Nigeria?

Tatsächlich hat Papst Leo uns im Januar 2026 in dieser Frage überrascht: Denn er hatte anlässlich der Neujahrsansprache die weltweite Christenverfolgung ungewöhnlich scharf verurteilt. Explizit benannte er auch die „religiös motivierte Gewalt“ in Nigeria. Das war deswegen außergewöhnlich, weil kurz zuvor noch renommierte Vertreter des Heiligen Stuhls das Narrativ des „Hirten-Bauern“-Konfliktes wiederholt hatten. Insofern musste man das als „sanfte Korrektur“ seiner Vorsprecher verstehen. Das geschah in einer Zeit, als Donald Trump Militärschläge gegen Nigeria wegen der Christenverfolgung angedroht hatte, und Medien wie Politik sich bemühten, möglichst politisch korrekt von einer „vermeintlichen Christenverfolgung“ in Nigeria zu sprechen, um nicht den Anschein zu erwecken, der US-Präsident könnte mit seiner Behauptung Recht haben. Da wollten sich – wie so häufig – auch ein paar Kirchenleute profilieren. Insofern hat Leo in der angespannten Lage einen wichtigen Akzent gesetzt.

Kardinal Sarah hat einmal über die verfolgten Christen gesagt, sie benötigten nicht in erster Linie unser Geld und unsere humanitäre Hilfe, sondern die Erfahrung der Verbundenheit im gemeinsamen Glauben. Was erwarten die verfolgten Christen Afrikas tatsächlich von den Katholiken Europas – materielle Hilfe und politischen Druck oder ebenso eine Kirche, die ihre Verfolgung öffentlich beim Namen nennt und sich unmissverständlich zu ihren bedrängten Glaubensgeschwistern bekennt?

Viele Kirchenführer können in ihren eigenen Ländern die Probleme nicht so laut anprangern, weil sie sich selbst und ihre Gemeinden damit in Gefahr bringen. Das ist ein Faktor, den man häufig übersieht. Für den Vatikan ist die klassische Geheimdiplomatie effizienter als das Poltern mit großen Worten – bedenken Sie, dass die Christen in Nigeria zuerst gejubelt haben, als Donald Trump den Militäreinsatz ankündigte, der ihre Angreifer ausschalten sollte, und wie enttäuscht sie nun sind, weil die US-Truppen bereits nach einem halben Jahr abziehen, obwohl das Gemetzel weitergeht.
Christliche Menschenrechtsorganisationen wie CSI haben hier eine wichtige Aufgabe zu leisten. Wir dokumentieren das Leid der weltweit verfolgten Christen und geben ihnen eine Stimme, deren Ziel es ist, die Gesellschaften des Westens, Medienvertreter und politische Entscheidungsträger für sie einzunehmen. Sicher ist es auch weiterhin wichtig, der verfolgten Kirche, unseren Glaubensgeschwistern, durch humanitäre Hilfe beizustehen. Um Christenverfolgung aber zu beenden, ist es wesentlich, die Verfolger und ihre Hintermänner klar zu benennen. Nur wenn wir die Verfolger bloßstellen und ihre Gewalttaten an unschuldigen Männern, Frauen und Kindern bekannt machen, werden wir den gesellschaftlichen Aufschrei erreichen, der z. B. im England des 18. und 19. Jahrhunderts zum Verbot der Sklaverei geführt hat. In Bezug auf die Sklaverei im britischen Empire erklärt der Historiker Jürgen Osterhammel in seinem Werk Sklaverei und die Zivilisation des Westens: „Die Sklaverei war in jenem Moment dem Untergang geweiht, als mit jedem Löffelgriff in die Zuckerdose das Seufzen der fernen unsichtbaren Sklaven zu ertönen schien.“ Diese Strategie müssen wir auch zur Beendigung der weltweiten Christenverfolgung anwenden.

Hier geht es zur Internetpräsenz von CSI. Dort auch die Möglichkeit die wichtige Arbeit für die verfolgten Christenfinanziell zu unterstützen!


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