
(David Berger) In einer Zeit, in der das Latein selbst im katholischen Raum vielerorts beinahe zu einer Fremdsprache geworden ist, gibt es erfreuliche Gegenbewegungen. Eine besonders gelungene davon ist das Internetprojekt „Latin Prayer“, das die überlieferte Gebetssprache der Kirche auf ebenso schlichte wie zeitgemäße Weise neu zugänglich macht.
Die Grundidee ist denkbar einfach: Wer den Rosenkranz, das Pater noster, das Ave Maria, das Salve Regina oder andere große Gebete der Kirche auf Latein beten möchte, findet sie hier übersichtlich versammelt – versehen mit einer interlinearen Übersetzung. Man sieht also unmittelbar, was die einzelnen lateinischen Worte und Wendungen bedeuten. Hinzu kommen Audioangebote, die gerade dem Anfänger helfen können, sich mit Aussprache und Rhythmus des kirchlichen Lateins vertraut zu machen.
Mehr als eine Gebetssammlung
Bemerkenswert ist allerdings, dass sich Latin Prayer keineswegs auf einige lateinische Standardgebete beschränkt. Inzwischen entsteht hier eine kleine digitale Bibliothek katholischer Tradition. Zu finden sind unter anderem die Vulgata, ein Heiligenbereich, Hilfen zur Gewissenserforschung und Beichte sowie ein eigener Bereich zum Erlernen des Lateinischen. Dort werden nicht nur Vokabeln vermittelt, sondern ausdrücklich Begriffe aus Bibel, Liturgie, Glaubens- und Tugendlehre aufgenommen.
Besonders erfreulich dürfte für Freunde der überlieferten Liturgie der umfangreiche Messbereich sein. Er orientiert sich am Missale Romanum von 1962 und führt durch die tridentinische Messe vom Asperges und Introibo über Stufengebet, Offertorium und Canon bis zum Schlussevangelium und zu den Leoninischen Gebeten. Lateinischer Text und deutsche Übersetzung stehen dabei nebeneinander; zusätzlich finden sich kurze Erläuterungen zu einzelnen Riten und Gebeten. Auch die wechselnden Texte der jeweiligen Tagesmesse werden berücksichtigt.
Gerade darin liegt die eigentliche Stärke des Projekts: Latein erscheint hier nicht als museales Relikt und auch nicht als Gegenstand einer akademischen Liebhaberei. Es wird wieder zu dem, was es über viele Jahrhunderte für Katholiken in aller Welt gewesen ist: Sprache des Gebetes und der Liturgie.
Ein persönliches Projekt ohne kommerziellen Ballast
Hinter „Latin Prayer“ steht der Autor und Publizist Dushan Wegner, der das Angebot nach eigenen Angaben als persönliches Projekt entwickelt hat. Sympathisch ist dabei auch die demonstrative Unaufdringlichkeit: Die App soll ohne Benutzerkonto, Werbung und Tracking auskommen, offline funktionieren und dauerhaft kostenlos bleiben. Wegner beschreibt sein Projekt selbst als eine „einfache, stille App, um auf Latein zu beten“.
Vielleicht ist gerade dieses „stille“ Konzept besonders glücklich. Denn „Latin Prayer“ versucht nicht, die katholische Gebetstradition dem hektischen Rhythmus digitaler Medien anzupassen. Umgekehrt werden die Möglichkeiten moderner Technik genutzt, um einen Zugang zu etwas zu eröffnen, das sehr viel älter ist als das Smartphone.
Wer bislang vor dem Lateinischen zurückgeschreckt ist, findet hier einen denkbar niedrigen Einstieg. Wer bereits mit der überlieferten Liturgie vertraut ist, erhält ein erstaunlich umfangreiches digitales Nachschlage- und Gebetbuch. Und wer der Auffassung ist, dass die Kirche gut daran täte, einen ihrer größten kulturellen und geistlichen Schätze nicht preiszugeben, dürfte an diesem Projekt ohnehin seine Freude haben.
Ein schönes, intelligentes und unterstützenswertes Projekt – und vielleicht für manchen der Anfang einer neuen Entdeckung: Oremus.
Hier noch einmal der Link zu der Seite: https://latinprayer.org/de/
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