(David Berger) Zitat der Woche: Der österreichische Aktivist Martin Sellner, vor allem als Vordenker der Identitären Bewegung und Verfechter der sogenannten Remigration bekannt, hat sich am heutigen Allerheiligenfest mit einer Würdigung des geistlichen Lebens zu Wort gemeldet. Seine Worte über Priester, Mönche und Nonnen sind ein Bekenntnis zur Bedeutung jener Menschen, die ihr Leben ganz Gott geweiht haben – und damit einen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft verkörpern, die den Wert des Menschen zunehmend an seiner Nützlichkeit misst.
Es sind ungewohnte Töne in einer politischen Öffentlichkeit, in der über Religion meist nur noch im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Konflikten gesprochen wird. Martin Sellner richtet den Blick auf jene Menschen, die sich bewusst dem politischen Tagesgeschäft, dem Streben nach Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung entziehen, um ihr Leben einer Wirklichkeit zu widmen, die über das Diesseits hinausweist.
Auf seinem X-Account schreibt Sellner:
Ich habe großen Respekt vor Aktivisten, Politikern, etc. Aber vor niemandem habe ich größeren Respekt als vor authentischen Priestern, Mönchen und Nonnen, etc.. Diese massive Entsagung, das unglaubliche Wagnis, das Leben vollkommen auf einen Glauben auszurichten, sich einer derartigen Praxis und Askese zu unterwerfen um bereits in dieser Welt ein ständiger Verweis auf die mögliche, geglaubte, aber unsichere Nachwelt zu sein. Wer jemals einen Menschen getroffen hat, der in dieser Berufung völlig aufgeht, weiß, wovon ich spreche. Sie zu treffen ist wie eine kleine Epiphanie. Ich denke, dass diese Menschen, die das Menschsein schon teils übersteigen, auf einer anderen Ebene fechten, dass sie wichtige Werke vollbringen, die gerade in ihrer schreienden Nutzlosigkeit in einem „von den Ingenieursgesichtern und Betriebswissenschaftlern herbeigeführte“ Weltzustand. „Allein den Betern kann es noch gelingen, Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten Und diese Welt den richtenden Gewalten Durch ein geheiligt Leben abzuringen.“ Aber ich fokussiere mich inzwischen weiter auf die Remigration.
Geschaffen für die Ewigkeit
Faszinierend ist vor allem Sellners Gespür für das Paradox des geistlichen Lebens: Gerade das, was einer durchökonomisierten Gesellschaft als nutzlos erscheinen muss – das Gebet, die Kontemplation, die freiwillige Armut, der Verzicht auf Ehe und Familie um des Himmelreiches willen –, besitzt aus christlicher Perspektive einen unschätzbaren Wert. Der Mönch, der hinter Klostermauern betet, leistet keinen unmittelbar messbaren Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Und doch erinnert er durch seine bloße Existenz daran, dass der Mensch für mehr geschaffen ist als für Arbeit, Konsum und politische Selbstbehauptung.
Dass Sellner diese Lebensform nicht nur respektiert, sondern geradezu bewundert, ist auch vor dem Hintergrund seiner Nähe zu konservativ-katholischen Milieus interessant. Seine Äußerung steht jedenfalls in deutlichem Gegensatz zu einem rein funktionalistischen Menschenbild. Sie berührt einen Gedanken, der im traditionellen katholischen Verständnis des Ordenslebens selbstverständlich ist: Das kontemplative Leben besitzt seinen Wert nicht erst durch seinen gesellschaftlichen Nutzen, sondern durch seine unmittelbare Ausrichtung auf Gott.
Rangordnung der Güter
Besonders eindrucksvoll ist das von Sellner angeführte Gedicht des katholischen Schriftstellers Reinhold Schneider aus dem Jahr 1936, die dieser angesichts des antichristlichen Wütens der Nationalsozialisten schrieb. Es ist ein Gedanke, der angesichts einer Welt permanenter politischer Erregung beinahe provozierend wirkt: Es sind nicht allein die Politiker, Strategen und Aktivisten, die über das Schicksal der Welt entscheiden, sondern auch jene unbekannten Beter, die vor dem Allerheiligsten knien. Die abschließende Rückkehr Sellners zu seinem politischen Hauptthema, der Remigration, verleiht der Äußerung eine eigentümliche, fast selbstironische Pointe. Gerade darin wird jedoch eine Spannung sichtbar, die weit über seine Person hinausreicht: zwischen politischem Handeln, das auf unmittelbare Veränderungen zielt, und geistlicher Hingabe, deren eigentlicher Horizont die Ewigkeit ist.
Für Christen ist die Antwort auf diese Spannung nicht die Geringschätzung des politischen Engagements, wohl aber die Erinnerung an eine Rangordnung der Güter. Das Heil der Seelen ist wichtiger als jeder politische Erfolg. Und eine Gesellschaft, die keine Menschen mehr hervorbringt, die bereit sind, um Gottes willen auf alles zu verzichten, hat weit mehr verloren, als ihre wirtschaftlichen Kennzahlen erkennen lassen.
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