Freiheit braucht Wurzeln: Warum der Paläolibertarismus eine Zukunft haben könnte

Der Sozialstaat ist zum bürokratischen Leviathan geworden, die Konservativen haben den Kulturkampf weitgehend verloren, und der klassische Liberalismus hat auf die kulturelle Selbstauflösung des Westens kaum eine Antwort. Doch gibt es einen dritten Weg? Der Paläolibertarismus verbindet radikale Staatskritik mit der Verteidigung von Familie, Religion und kultureller Identität. Eine politische Idee, die Freiheit und Tradition nicht als Gegensätze begreift – und gerade deshalb das Potenzial besitzt, die erstarrten Fronten der deutschen Politik aufzubrechen. Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.

Das politische System der Bundesrepublik hat sich in eine Sackgasse manövriert. Der deutsche Sozialstaat – einst im Ausland als wegweisendes Vorbild betrachtet – ist dysfunktional geworden. Das jetzige Wirtschaftssystem wird einmal als „kapitalistisch“, ein anderes Mal als „sozialistisch“ bezeichnet. Je nachdem von welcher Warte aus man die politische Lage beurteilt, sind beide Bezeichnungen zutreffend: Auf der einen Seite stehen, Altersarmut, Arbeitsplatzunsicherheit und ein profitorientiertes Gesundheitssystem, bei dem der Mensch auf der Strecke bleibt. Auf der anderen Seite staatliche Rundumversorgung von illegalen Migranten, erdrückende Steuern, Bürokratieterror und ein extrem übergriffiger Staat. Überspitzt gesagt: Der heutige Sozialstaat kombiniert die schlechtesten Seiten des Kapitalismus mit den schlechtesten Seiten des Sozialismus. Er wirkt wie die Karikatur einer „mixed economy“.

Veränderung tut not, doch die Lösungen der Vergangenheit taugen nicht mehr für die gegenwärtige Situation. Bereits in über 50 Ländern hat man bisher versucht, den Sozialismus einzuführen, doch er scheitert regelmäßig an den eigenen Irrtümern, nicht ohne vorher immenses Leid und Unterdrückung verursacht zu haben. Doch auch ein schrankenloser Liberalismus passt nicht zur Gegenwart. In einer Gesellschaft ohne gemeinsame Werte und „Wir-Gefühl“ droht dieser zu einem Recht des Stärkeren auszuarten und wird zum Treiber einer weiteren Auflösung der kulturellen Identität.

Ein freiheitlicher Traditionalismus

Der Paläolibertarismus ist heute eine eher unbekannte politische Strömung. Man kann sagen, er ist eine Kreuzung von zwei weltanschaulichen Überzeugungen: Staatsskepsis und Traditionalismus. Oder anders gesagt: Paläolibertarismus bedeutet Tradition in Freiheit. Aus paläolibertärer Sicht ist der Mensch naturgemäß ein religiöses Wesen, bezogen auf Familie, Gemeinschaft und kulturelle Wurzeln. Vor dieses natürliche Streben schiebt sich jedoch heute der Staat. Er will selbst „sozial“ sein und schwächt so immer mehr das Verantwortungsgefühl der Menschen und ihre Bereitschaft zur tätigen Nächstenliebe. Frei nach dem biblischen Ausspruch „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ wird die Verantwortung für den Mitmenschen auf den Staat abgeschoben. Gerade durch den „Sozialstaatsextremismus“ beginnt ein Teufelskreis gesellschaftlicher Entsolidarisierung.

Gleichzeitig propagiert der moderne Staat Lebensformen, die traditioneller Lebensart entgegenstehen, ja diese sogar auslöschen und ersetzen wollen. Für den Paläolibertarismus ist der Mensch von Natur Traditionalist, nur der heutige Staat stört dieses menschliche Grundempfinden oder kehrt es um. So betrachtet, ist es wichtig die staatliche Regulierung entscheidend zurück zu fahren. Dann würde die Gesellschaft wieder von alleine „gesund werden“ und in ihren natürlichen Zustand zurückschwingen.

Man sieht hier also: Die beiden Grundüberzeugungen Traditionalismus und Staatsskepsis stehen zueinander nicht in einem Widerspruch, sondern bauen aufeinander auf.

Wie der Paläolibertarismus den Staat sieht

„Der Staat regelt“ – das ist heute leider die Auffassung vieler Deutscher. Man richtet an den Staat eine enorme Erwartungshaltung. Er wird nicht als etwas potenziell Bedrohliches wahrgenommen, sondern mehr wie ein „Sugar Daddy“, der am besten zu jedem Problem gleich die passende Lösung liefern soll. Dies widerspricht jedoch völlig der traditionellen Auffassung vom Staat, wonach dieser das „Schwert der Gerechtigkeit“ trägt und man sich freiwillig nicht in seine Nähe begibt.

Bereits Immanuel Kant kritisiert die Vorstellung einer Vater-Kind-Beziehung von Regierung und Bürgern. Der Staat ist aus seiner Sicht für Gerechtigkeit zuständig, nicht aber für das Glück des Einzelnen, dieses muss ein jeder selbst besorgen. Wenn die Regierung sich anmaßt, die Bürger glücklich zu machen entsteht für Kant die schlimmste Form der Entmündigung und des Totalitarismus. Er sagt dazu: „Die natürliche Regierung, wo für das Wohl der Untertanen gesorgt werden soll, ist die gefährlichste, weil die Untertanen unter dem Zwang sind und wie Kinder behandelt werden. (…) Für Gerechtigkeit muß der König sorgen, aber für das Wohl eines jeden kann er [es] nicht (…) denn dieses kann nicht als ein Ganzes dirigiert werden, weil ein jeder für sich selbst lebt.“

Der Paläolibertarismus knüpft stark an diese Vorstellungen an. Er will mit der gerade für die Moderne typischen Staatsvergötzung, die gleichsam alles Heil vom Staat erwartet, radikal brechen. Dabei hat der Paläolibertarismus kein Autoritätsproblem, ganz im Gegenteil. Er begrüßt Autorität und Hierarchie als natürlichen Bestandteil traditioneller Gesellschaften, zieht jedoch in Zweifel, dass Macht immer nur vom Staat ausgehen muss. Autorität soll wieder viel stärker an Familien, soziale und religiöse Gemeinschaften und einzelne Regionen zurückgegeben werden. Dadurch entsteht ein Gegengewicht zur Staatsmacht. Macht wird auf mehrere Schultern verteilt und ist dadurch für den Menschen weniger drückend. Der Milei-Berater und Ökonom Philipp Bagus schreibt dazu über die Paläolibertären: „Besondere Bedeutung geben sie Institutionen wie der traditionellen Familie oder auch der Religion, häufig in Form der katholischen Kirche; sind diese doch Institutionen, die dem Allmachtstreben des Staates entgegenstehen. Sie sind das zivilgesellschaftliche Bollwerk gegen den Etatismus.“

Der Paläolibertarismus bekämpft den Staat als Leviathan und will ihn wieder auf seine Kernfunktionen reduzieren: Schutz der Bürger und Rechtsprechung. Gerade dadurch, dass der Staat von unnötigen Aufgaben befreit wird, kann er wieder durchsetzungsfähiger und starker Staat sein. Er sagt den Bürgern hier nicht, wie sie zu denken und zu leben haben, er wird zu einer Hintergrundmacht, die den Bürgern größtmögliche Freiheit lässt.

Für eine geistig-moralische Wende

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Konservativen über Jahrzehnte hinweg den Kulturkampf verschlafen haben. Oft hatte man auch schlicht und einfach angst vor einer direkten Auseinandersetzung mit den Linken. Man duckte sich weg und hoffte, die Sache würde schon so schlimm nicht werden. Aber weit gefehlt: Die Linken betrieben relativ ungestört den Umbau einer ganzen Gesellschaft und haben den heutigen Stadtbildern das Gesicht gegeben.

Der Paläolibertarismus unterscheidet sich nun von gängigen konservativen Strömungen gerade dadurch, dass er den Kulturkampf nicht schamvoll umschifft, sondern ins Zentrum seiner Politik setzt. Philipp Bagus stellt hierzu fest: Die Paläolibertären „sind der Auffassung, eine freie Gesellschaft brauche neben dem Wert der Freiheit noch andere kulturelle Werte, um langfristig zu florieren. Es braucht gewachsene Institutionen, die ein tugendhaftes Verhalten fördern. Paläolibertäre verteidigen Traditionen und klassische Werte. Nach ihrer Auffassung gibt es universelle Prinzipien der Gerechtigkeit und Ethik: Es gibt objektive moralische Standards. Daher sind sie auch Verteidiger des Naturrechts. Paläolibertäre lehnen eine egalitäre Ethik als moralisch verwerflich und zivilisatorisch zerstörerisch ab. Zudem erachten sie die westliche Kultur als bewunderns- und erhaltenswert.“

Aus paläolibertärer Sicht hat linke Politik vor allem ein geistiges Klima geschaffen, dass das Gemeinschaftsgefühl einer Gesellschaft zerstört: Verachtung der eigenen Geschichte und Kultur, Misstrauen, Neid, Zwietracht und Klassenkampf. Demgegenüber betont der Paläolibertarismus klassische Bürgertugenden: Patriotismus, Eigeninitiative, Fleiß, Sparen und tätige Nächstenliebe. Der Paläolibertarismus verbreitet seine Kulturkampfideen, sein dem Sozialismus entgegengesetztes Lebensgefühl vor allem über die digitalen Massenmedien. Parallel dazu nutzt er jedoch, wie etwa in Argentinien, die klassischen politischen Mittel der Linken: Politische Vortragsveranstaltungen, Popkultur, Spontankundgebungen, Demonstrationen usw. Im Kulturkampf gilt es aufs Ganze zu gehen und möglichst kein Mittel ungenutzt zu lassen. „Wer die Kulturträger dominiert, dominiert auch die Kultur. Sind die Ideen einmal an die Massen geleitet, ist die Herrschaft über die Kultur und damit die Macht gewonnen,“ so Bagus zusammenfassend.

Den Geist der Freiheit reaktivieren

Trotz seinem Fokus auf der kulturellen Tradition ist der Paläolibertarismus kein reaktionäres System. Er bedeutet nicht die „Rolle rückwärts“ in die Vergangenheit. Der Paläolibertarismus nimmt die Freiheit des Menschen sehr ernst. Die Hochschätzung der Tradition bedeutet nicht, dass bestimmte Lebensformen einfach aufgezwungen werden. Wer sich traditionellen Gemeinschaften anschließt, tut dies freiwillig. Vor dem Gesetz sind, unabhängig von Einstellung und Lebensart, alle gleich. In einem paläolibertären System haben deshalb auch gesellschaftliche Minderheiten ihren selbstverständlichen Platz. Der Paläolibertarismus lehnt es lediglich ab, Minderheiten zu vergötzen oder abweichende Lebensformen zum Ideal hochzujubeln.

Gerade durch ihren freiheitlichen Charakter sind die paläolibertären Ideen keine bloße Utopie, sondern im Ganzen durchaus anschlussfähig an die heutige politische Realität. Freilich ist der Paläolibertarismus, wie jede politische Idee, nicht perfekt und hat seine offenen Flanken. Aus meiner Sicht sieht er den Staat einseitig negativ und tendiert dazu, die Vergötzung des Staates mit der Vergötzung des freien Marktes zu vertauschen. Für die reale Politik kann er deshalb keine Blaupause, sondern eher eine Inspirationsquelle sein. Durch sein radikal anderes Denken über Staat, Politik und Kultur kann er neue und interessante Einsichten vermitteln und zu weiterer Überlegung anregen.

Blicken wir einmal auf die Situation in Deutschland. Betrachtet man die letzten 150 Jahre der deutschen Geschichte, so hat die Freiheit oft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Meistens stand blinder Staatsgehorsam im Vordergrund. Schon im Jahr 1873 sprach Nietzsche (Foto l.) spöttisch von der „Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches“. Und im Zarathustra doppelte er nochmal nach, indem er „Volk“ und „Staat“ sogar als Gegensätze darstellte:

„Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ‚Ich, der Staat, bin das Volk.‘ […] Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.“ Nichts war aus Nietzsches Sicht dem deutschen Geist mehr zuwider als der Konformismus, Bürokratismus und Kadavergehorsam, den zentralistische Machtstaaten zwangsläufig mit sich bringen. Der wahre deutsche Geist war für ihn philosophisch, kreativ, individuell, gelegentlich auch unberechenbar und rebellisch. Wäre es nicht an der Zeit, diesen Geist neu zu entfesseln?

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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