Kardinäle gegen den Missionsbefehl Christi: Bischof Barron platzt der Kragen

(David Berger) Während sich in Teilen der katholischen Kirche die Vorstellung ausbreitet, Mission müsse vor allem aus Dialog, gegenseitiger Wertschätzung und religiöser Geschwisterlichkeit bestehen, erinnert der amerikanische Bischof Robert Barron an eine unbequeme Selbstverständlichkeit: Die Kirche hat von Christus den Auftrag erhalten, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen. Wer diesen Auftrag preisgibt, stellt letztlich den Sinn der Kirche selbst infrage.

Der bekannte US-amerikanische Bischof Robert Barron gehört zu den profiliertesten katholischen Stimmen im englischsprachigen Raum. Mit seinem Evangelisierungswerk Word on Fire erreicht er seit Jahren ein Millionenpublikum. Dabei vertritt er eine Position, die eigentlich keiner besonderen Verteidigung bedürfen sollte: Das Christentum ist nicht einfach eine religiöse Tradition unter vielen, sondern verkündet mit Jesus Christus den menschgewordenen Sohn Gottes, den einzigen Erlöser der Welt.

Umso wichtiger ist die Deutlichkeit, mit der Barron nun auf Äußerungen zweier Mitbrüder mit Kardinalswürde reagiert, die den Bekehrungsauftrag der Kirche offenbar für überholt halten. Was heute nicht selten als besonders zeitgemäße, weltoffene Haltung gefeiert wird, erscheint bei näherer Betrachtung als eine bedenkliche Entleerung des christlichen Missionsverständnisses. Denn wenn es gar nicht mehr darum gehen soll, Menschen für Christus zu gewinnen, wozu existiert dann noch die Kirche? Barron antwortet darauf mit einer Klarheit, die man sich auch von manchen europäischen, besonders freilich deutschen Bischöfen wünschen würde. Sein kurzer, pointierter Text ist zugleich eine Erinnerung daran, dass die Verkündigung des Evangeliums keine beliebige pastorale Option darstellt, sondern zum Wesen der Kirche gehört. Hier die deutsche Übersetzung des englischen Originaltextes:

Robert Barron: „Die Kirche ist nicht dazu da, Menschen zu bekehren“ – Wie bitte?

Nun hat sich also wieder ein Kardinal mit einer, sagen wir einmal, rätselhaften Auffassung von Evangelisierung zu Wort gemeldet.

Vor einigen Jahren erklärte Kardinal Américo Aguiar, damals noch Weihbischof von Lissabon, dass er und die anderen Organisatoren des Weltjugendtages in seiner Heimatstadt keinerlei Interesse daran hätten, irgendjemanden zu Christus zu bekehren.

Nun hat Kardinal Jean-Paul Vesco aus Algerien die Ansicht vertreten, „die Kirche sei nicht dazu da, Menschen zu bekehren“, und „Christen sollten anderen Religionen im Geist der Geschwisterlichkeit begegnen, anstatt Bekehrungen anzustreben“.

Entschuldigung, aber … wie bitte?

Soweit ich mich erinnere, hat der Gründer der Kirche gesagt: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“

Für mich klingt das ziemlich eindeutig nach Bekehrung.

Als der heilige Paulus nach Korinth, Athen oder Thessalonich kam, bestand sein Ziel nicht darin, zuzuhören oder einen Gesprächskreis zu gründen. Vielmehr wollte er eine ungeheuerliche Botschaft verkünden: das Euangelion, die Frohe Botschaft, dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist.

Seine Leidenschaft für diese Aufgabe war so groß, dass er erklärte: „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen“ (1 Kor 9,22–23).

Und an anderer Stelle: „Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, gebührt mir deswegen kein Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16).

Darüber hinaus war die gesamte Ausrichtung des Zweiten Vatikanischen Konzils darauf gerichtet, das Licht Christi zu den Völkern der Welt zu bringen (Lumen gentium).

Dieser missionarische Elan hat in den vergangenen Jahrzehnten die Idee einer „Neuevangelisierung“ hervorgebracht, also einer erneuten Verkündigung der Herrschaft Christi.

Selbstverständlich ist völlig klar, dass niemand der Meinung ist, diese Evangelisierung müsse in einer einschüchternden, aufdringlichen oder respektlosen Weise geschehen – also in Form von Proselytismus.

Aber um Gottes willen: Schütten wir doch nicht das Kind mit dem Bade aus!

Wenn ich wirklich der Auffassung wäre, dass die Kirche nicht dazu existiert, Menschen zu Christus zu führen, dann würde ich zurücktreten und mir eine ehrliche Arbeit suchen.

— Bischof Robert Barron

Nachbemerkung: Vierzig Jahre Assisi – und Barrons Abrechnung mit deutschen Theologen

Barrons Intervention fällt in eine Zeit, in der die katholische Kirche erneut über das Verhältnis zwischen christlichem Wahrheitsanspruch und interreligiösem Dialog nachdenken müsste. Am 27. Oktober jährte sich zum vierzigsten Mal das umstrittene Weltgebetstreffen von Assisi, zu dem Johannes Paul II. 1986 Vertreter verschiedener Weltreligionen eingeladen hatte. Auch in diesem Jahr wurde das Jubiläum mit einem großen interreligiösen Friedenstreffen begangen. Für viele Katholiken in aller Welt sorgte dieses Treffen für große Verwirrung.

Dabei bleibt eine Frage entscheidend: Wird der Dialog mit anderen Religionen als Gelegenheit verstanden, friedlich zusammenzuleben und zugleich Christus zu bezeugen, oder verwandelt er sich schleichend in die Vorstellung, alle Religionen seien letztlich gleichwertige Wege zu Gott, wie das Papst Franziskus leider nicht nur einmal vertrat? Gerade diese zweite Deutung wäre mit dem überlieferten katholischen Glauben unvereinbar. Der Einsatz für den Frieden ist eine wichtige Aufgabe der Christen. Er kann aber niemals den Auftrag ersetzen, Christus als den Erlöser aller Menschen zu verkünden.
Dass Barron erfreulich wenig Geduld mit einer Theologie hat, die zentrale katholische Glaubensüberzeugungen relativiert, zeigte sich übrigens erst vor wenigen Tagen auch in seiner Auseinandersetzung mit deutschen katholischen Akademikern. Nachdem die Kontroverse um die Verleihung des Josef-Pieper-Preises an ihn im vergangenen Jahr erneut aufgeflammt war, spottete der amerikanische Bischof über die „clownish irrelevance“, die geradezu lächerliche Bedeutungslosigkeit der katholischen akademischen Szene in Deutschland. Die Protestierenden gegen seine Auszeichnung bezeichnete er als rund 25 lustlos demonstrierende Siebzigjährige. Auf den Vorschlag einer öffentlichen Debatte über seine Theologie reagierte er mit der ironischen Bemerkung, er habe an diesem Abend vermutlich eine MAGA-Kundgebung.

Man mag diesen Spott für wenig bischöflich halten. Doch dass sich ausgerechnet Teile des deutschen katholischen Wissenschaftsbetriebs, die seit Jahrzehnten mit bemerkenswertem Eifer über die Überwindung traditioneller Glaubensvorstellungen diskutieren, nun an der theologischen und politischen Haltung eines international erfolgreichen Evangelisators abarbeiten, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Barrons eigentliche Provokation liegt freilich tiefer. Er erinnert an etwas, das in manchen kirchlichen Debatten beinahe schon als Zumutung erscheint: Die Kirche ist nicht dazu gegründet worden, den religiösen Pluralismus zu verwalten, sondern um Jesus Christus zu verkünden. Wer diesen Unterschied nicht mehr versteht, hat nicht nur ein Problem mit Robert Barron. Er hat ein Problem mit dem Missionsbefehl Christi und seinem eigenen Christsein selbst.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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