(David Berger) Es gibt Bilder, deren Symbolkraft sich jeder langen Erklärung entzieht. Am 26. September feierte Papst Leo XIV. auf der Place de la Concorde in Paris die heilige Messe. Rund 700.000 Menschen waren nach Angaben des Vatikans gekommen, fast 600.000 hatten sich zuvor angemeldet. Sie füllten nicht nur den Platz, sondern die Champs-Élysées weit hinauf. Am Ende sang diese gewaltige Menschenmenge das „Salve Regina“.
Ausgerechnet auf diesem Platz. Die heutige Place de la Concorde hieß während der Französischen Revolution Place de la Révolution. Hier fiel am 21. Januar 1793 unter der Guillotine das Haupt König Ludwigs XVI., wenige Monate später starb hier Marie-Antoinette; während der Schreckensherrschaft wurden auf diesem Platz weit über tausend Menschen hingerichtet. Die Guillotine wurde zum blutigen Symbol einer Revolution, die sich in ihrer radikalen Phase nicht mit der Beseitigung der alten politischen Ordnung begnügte, sondern auch den überlieferten katholischen Charakter Frankreichs treffen wollte. Mehr als zwei Jahrhunderte später stand dort wieder ein Altar.
Man muss nicht jedes historische Zusammentreffen als Zeichen des Himmels ausgeben, um die ungeheure Symbolik zu erkennen. Die Revolution brachte die Guillotine auf diesen Platz, das Instrument des Tötens, das zum Sinnbild des Terrors wurde. Leo XIV. brachte den Altar zurück, auf dem das unblutige Opfer Christi gegenwärtig gesetzt wird: jenes Opfer, durch das nach katholischem Glauben der Mensch mit Gott versöhnt wird und aus dem ein Friede kommt, den keine Revolution herstellen kann. Rund 700.000 Teilnehmer nennt der Vatikan. Und bereits am Vorabend hatten sich 80.000 junge Menschen zur Vigil im Stade de France versammelt. Was an diesen beiden Tagen sichtbar wurde, passt schlecht zu jenem Bild Frankreichs, das seit Jahren beinahe selbstverständlich gezeichnet wird: ein ehemals katholisches Land, das seine religiöse Vergangenheit abgestreift hat und dessen Zukunft zwischen einem immer entschiedeneren Säkularismus und dem wachsenden Einfluss des Islam entschieden werde. Dieses Frankreich gibt es. Aber es ist offenbar nicht das ganze Frankreich.
Frankreich hat sich selbst gesehen

Vielleicht war das Wichtigste dieses Wochenendes nicht einmal, dass die Franzosen den Papst gesehen haben. Sie haben sich gegenseitig gesehen. Sie sahen Familien und Kinder, Jugendliche und Studenten, Priester und Ordensleute. Junge Katholiken entdeckten, dass es Zehntausende andere junge Menschen gibt, für die der Glaube keine folkloristische Erinnerung ihrer Großeltern ist. Menschen, die sich in ihrem beruflichen oder gesellschaftlichen Umfeld längst daran gewöhnt haben mögen, als kleine Minderheit zu leben, standen plötzlich in einer Menschenmenge, deren Ende sie nicht sehen konnten. Eine Gemeinschaft verändert sich, wenn sie entdeckt, dass sie noch existiert.
Wer sich an die erste Polenreise Johannes Pauls II. im Juni 1979 erinnert, wird deshalb zumindest an eine historische Parallele denken. Polen war damals eine kommunistische Diktatur; Frankreich ist heute selbstverständlich keine. Vergleichbar ist nicht das politische System, sondern eine Erfahrung. Als Johannes Paul II. am 2. Juni 1979 auf dem damaligen Siegesplatz in Warschau die Messe feierte, waren Hunderttausende gekommen. Am Ende seiner Predigt rief er die Worte, die sich in das Gedächtnis Polens eingebrannt haben: „Dein Geist komme herab! Dein Geist komme herab! Und erneuere das Antlitz der Erde. Das Antlitz dieses Landes!“
Natürlich brach am folgenden Tag nicht der Kommunismus zusammen. Die erste Wirkung war viel einfacher und gerade deshalb für die kommunistische Herrschaft gefährlich: Die Polen hatten einander gesehen. Ein totalitäres System lebt nicht allein von Polizei, Zensur und Gewalt. Es lebt auch von der Vereinzelung. Jeder soll glauben, mit seinen Zweifeln, seinem Glauben und seinem Wunsch nach einem anderen Land allein zu sein. Dann kam Johannes Paul II., und plötzlich standen Hunderttausende auf einem Platz und Millionen entlang seiner Reiseroute. Die Polen erkannten: Wir sind nicht allein. Ein Jahr später entstand Solidarność. Zehn Jahre später war die kommunistische Herrschaft in Polen am Ende.
Niemand weiß, welche Folgen die Pariser Bilder des September 2026 haben werden. Aber eine ähnliche Erfahrung konnte man dort beobachten: Eine gewaltige Menschenmenge betete friedlich, zerstörte nichts, zündete keine Autos an, schlug keine Schaufenster ein – und ging anschließend nach Hause mit dem Wissen, dass die Katholiken Frankreichs sehr sehr viel zahlreicher und sichtbarer sind, als viele von ihnen vielleicht selbst geglaubt hatten.
Das katholische Frankreich ist nicht tot
Diese Bilder stehen zudem nicht allein. In Frankreich wurden 2026 insgesamt 13.234 Erwachsene getauft, 28 Prozent mehr als im Vorjahr. 2016 waren es lediglich 4.124 gewesen. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die Zahl damit mehr als verdreifacht. Hinzu kamen 8.152 Taufen von Jugendlichen zwischen elf und siebzehn Jahren. Unter den erwachsenen Neugetauften bilden inzwischen die 18- bis 25-Jährigen die größte Altersgruppe. Daraus folgt noch keine flächendeckende Rekatholisierung. Frankreich ist tief säkularisiert, die kirchliche Praxis früherer Generationen ist weithin zusammengebrochen. Aber ebenso wenig lässt sich noch die bequeme Vorstellung aufrechterhalten, das Christentum werde einfach mit jeder Generation schwächer, bis irgendwann nur noch Kathedralen, Kunstwerke und Erinnerungen übrigbleiben.
Etwas geschieht dort. Und auffallend oft geschieht es unter jungen Menschen. Leo XIV. griff diesen geistlichen Hunger in seiner Predigt auf. Der Wunsch nach Gott wohne tief im menschlichen Herzen, sagte er; Christus sei die Quelle des lebendigen Wassers, die diesen Durst stillen könne. Vor 700.000 Menschen auf der Place de la Concorde bekamen solche Worte ein besonderes Gewicht. Danton, Voltaire, Robespierre sind vergangen. Die Märtyrer sind in der Ewigkeit, und heute erblüht das katholische Frankreich im Herzen des Laizismus und des Antiklerikalismus neu: „Das Christentum ist schon oft gestorben und wiederauferstanden; denn es hatte einen Gott, der den Weg aus dem Grabe kannte“, so der geniale Chesterton.
Philippe de Villiers: „Es ist eine Wiedergutmachung“
Besonders eindringlich hat Philippe de Villiers die historische Symbolik des Ortes beschrieben. De Villiers ist einer der bekanntesten Vertreter des katholisch-konservativen Frankreichs, ehemaliger Staatssekretär, langjähriger Präsident des Generalrats der Vendée, Gründer des Mouvement pour la France und Initiator des historischen Themenparks Puy du Fou. Auf die Pariser Messe reagierte er mit einem Text, der zusammenfasst, was viele Katholiken beim Anblick der Place de la Concorde empfunden haben:
„Wo die Klinge tausend einhundertzwanzig Mal gezischt hat,
wo das Blut der Könige, der Gelehrten und der Heiligen die Pflaster rot gefärbt hat,
erhebt sich heute der Altar des ewigen Opfers.
Die Sonne des Septembers und der Tod blicken sich endlich ins Antlitz.
Die eine erleuchtet. Der andere weicht zurück.
Place de la Concorde, 26. September 2026.
Es ist nicht mehr nur eine Messe.
Es ist eine Wiedergutmachung.
Es ist Frankreich, das sich besinnt, das sich kniet und das neu geboren wird.“
De Villiers schreibt hier nicht als Historiker, sondern als katholischer Publizist. Gerade deshalb bringt sein Text die Symbolik des Tages auf den Punkt: An einem der großen Schauplätze des revolutionären Terrors und der blasphemischen Abwendung von Gott stand wieder der christliche Altar.
Die Hoffnung Pius’ X.
Es gibt einen päpstlichen Text über Frankreich, den man nach diesem Wochenende kaum lesen kann, ohne an die Bilder von Paris zu denken. Am 29. November 1911 sprach der heilige Pius X. über die Zukunft der ältesten Tochter der Kirche. Frankreich befand sich damals mitten in den Folgen des radikalen Laizismus und der Trennung von Kirche und Staat. Dennoch weigerte sich Pius X., an den Untergang des katholischen Frankreich zu glauben:
„Ein Tag wird kommen, und wir hoffen, dass er nicht allzu fern ist, an dem Frankreich, wie Saul auf dem Weg nach Damaskus, von einem himmlischen Licht umhüllt wird und eine Stimme hören wird, die zu ihm spricht: ‚Meine Tochter, warum verfolgst du mich?‘ Und auf seine Antwort: ‚Wer bist du, Herr?‘, wird die Stimme erwidern: ‚Ich bin Jesus, den du verfolgst. Es ist hart für dich, gegen den Stachel zu löcken, denn in deiner Verstocktheit richtest du dich selbst zugrunde.‘
Und sie, zitternd und erstaunt, wird sagen: ‚Herr, was willst du, dass ich tue?‘
Und er: ‚Steh auf, wasche die Flecken ab, die dich entstellt haben, wecke in deinem Schoß die schlummernden Gefühle und den Bund unseres Bundes, und geh, Erstgeborene Tochter der Kirche, auserwählte Nation, auserlesenes Gefäß, geh und trage, wie in der Vergangenheit, meinen Namen vor alle Völker und vor die Könige der Erde.‘“
Im französischen Wortlaut spricht Pius X. von Frankreich als „fille aînée de l’Église, nation prédestinée, vase d’élection“ – als ältester Tochter der Kirche, vorherbestimmter Nation und auserwähltem Gefäß. Hat Pius X. damit den 26. September 2026 vorausgesagt? Eine solche Behauptung wäre vermessen. Aber man darf fragen, ob an diesem Wochenende nicht wenigstens etwas von jener Hoffnung sichtbar geworden ist, die der heilige Papst vor 115 Jahren nicht aufgeben wollte: dass unter der Asche des laizistischen Frankreich ein katholisches Frankreich weiterlebt.
Denn dieses Frankreich hat sich gezeigt. Es war nicht klein, nicht grau und vor allem nicht alt. Achtzigtausend Jugendliche im Stade de France, Hunderttausende am folgenden Tag im Herzen von Paris, steigende Erwachsenentaufen und eine Generation junger Katholiken, die offenbar immer weniger Hemmungen hat, öffentlich katholisch zu sein. Ob das, was wir an diesem Wochenende sehen, ein französischer „Solidarność-Moment“ ist? Das wird erst die Geschichte zeigen. Aber eine Voraussetzung jenes polnischen Aufbruchs von 1979 war auch in Paris zu beobachten: Menschen, denen lange das Gefühl vermittelt worden war, einer verschwindenden Welt anzugehören, haben einander gesehen. Und manche von ihnen dürften anders nach Hause gegangen sein, als sie gekommen waren – mit der schlichten Erkenntnis: Wir sind nicht allein.
Und Frankreich sang das „Salve Regina“
Am 21. Januar 1793 wurde auf der damaligen Place de la Révolution Ludwig XVI. enthauptet. Am 26. September 2026 feierte dort der Nachfolger Petri die heilige Messe. Wo einst die Guillotine stand, erhob sich der Altar. Und am Ende sang Frankreich das „Salve Regina“.
Auch darin liegt eine historische Symbolik, die zu diesem Tag passt. Die große marianische Antiphon ist eng mit der Überlieferung der Kreuzzüge verbunden. Einer alten Tradition zufolge war es Adhémar de Monteil, Bischof von Le Puy und päpstlicher Legat des Ersten Kreuzzuges, der das „Salve Regina“ vor dem Aufbruch ins Heilige Land verbreitete. In der älteren kirchengeschichtlichen Literatur erscheint es deshalb sogar als „war-song of the crusade“, als Kriegsgesang des Kreuzzuges – freilich nicht als martialisches Schlachtenlied, sondern als Gebet der Kreuzfahrer um die Fürsprache der Himmelskönigin. Die Zuschreibung seiner Entstehung an Adhémar ist historisch nicht gesichert; häufig wird die Antiphon Hermann von Reichenau zugeschrieben. Die Verbindung des Gesangs mit der Kreuzzugsbewegung gehört jedoch zu seiner alten Überlieferung. So endete die Messe auf der Place de la Concorde mit einem Gebet, das weit zurück in die christliche Geschichte Europas führt. Wo die Revolution den christlichen König enthauptete, sangen Hunderttausende wieder zur Himmelskönigin: „Salve Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra, salve: Sei gegrüßt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Wonne und unsere Hoffnung.“
Vielleicht konnte dieser Tag gar nicht anders enden.
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