
Der nordrhein-westfälische Landtag lädt Collien Fernandes als Sachverständige für digitale Gewalt ein. Eine Schauspielerin soll den Abgeordneten erklären, wie man Deepfakes bekämpft und das Internet reguliert. Die Frage, wo persönliche Betroffenheit endet und fachliche Kompetenz beginnt, stellt sich dabei durchaus.
Am 1. Oktober wird der Ausschuss für Kultur und Medien des nordrhein-westfälischen Landtags über digitale Gewalt, Deepfakes und eine mögliche Klarnamenpflicht im Internet beraten. Unter den geladenen Sachverständigen befindet sich neben Medienrechtlern, Ermittlern und Vertretern einschlägiger Organisationen auch die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes. Fernandes hatte schwere Vorwürfe gegen ihren früheren Ehemann Christian Ulmen erhoben. Im Mittelpunkt stehen unter anderem der Missbrauch ihrer digitalen Identität und die Verbreitung pornografischen Materials unter ihrem Namen. Ein Teil der Vorwürfe ist gerichtlich als unstreitig eingeordnet worden, andere werden bestritten. Seither nenne die Dame aus dem schauspielerischen Gewerbe böse Zungen auch Collien Erfandes.
Dass eine Betroffene über ihre Erfahrungen berichtet, ist selbstverständlich legitim. Wenn sie dabei etwas in die richtige Richtung übertreibt, würdigen das die Nannymedien ganz besonders. Aber seit wann macht ein persönliches Schicksal jemanden zum Sachverständigen für Internetrecht und Digitalpolitik? Nach dieser Logik könnte der Verkehrsausschuss demnächst einen Fahrgast zum Bahnexperten ernennen, weil sein ICE dreimal ausgefallen ist. Der Gesundheitsausschuss lädt jemanden ein, der schon einmal Fieber hatte. Und über die Reform des Bildungswesens berät künftig ein ehemaliger Schüler, der in Mathematik sitzen geblieben ist.
Sie hat keine Ahnung, aber ist umso brauchbarer
Immerhin dürfte Fernandes aus ihrer Zeit beim „Traumschiff“ wissen, wie man auf hoher See die Orientierung behält. Eine Fähigkeit, die im deutschen Politikbetrieb keineswegs selbstverständlich ist. Der eigentliche Witz liegt allerdings woanders: Während sich die Politik mit der Frage beschäftigt, wie viel Anonymität im Internet künftig noch erlaubt sein soll, erhält eine prominente Betroffene einen Platz am Sachverständigentisch. Dass sie dort auch über die Folgen digitaler Gewalt berichten kann, steht außer Frage. Ob daraus bereits besondere Kompetenz zur Beurteilung einer allgemeinen Klarnamenpflicht folgt, ist eine andere Frage.
Vielleicht sollte man die Kategorien künftig einfach abschaffen. Experten, Betroffene, Prominente – Hauptsache, der Name steht auf der Einladung. Und sie sagt das, was die Politiker von ihr erwarten bzw. was im Interesse der Agenda ist. Früher musste man etwas wissen, um als Sachverständiger gehört zu werden. Heute genügt es offenbar, wenn man etwas erlebt hat und das Bürgergeld-TV einen kennt.Das ist zwar keine wissenschaftliche Qualifikation. Aber für eine Karriere im deutschen Politikbetrieb möglicherweise die zeitgemäßere Voraussetzung.
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