Scharia statt Schulordnung: Wie eine NGO Berliner Schulen unter Druck setzt

Kopftuchzwang, religiöses Mobbing, Missionierungsversuche: Was sich an einem Berliner Gymnasium abspielt, zeigt, wie weit islamischer Anpassungsdruck an deutschen Schulen inzwischen reichen kann. Dass eine Schule dagegen vorgeht, rief ausgerechnet selbsternannte Freiheitsverteidiger einer linken NGO auf den Plan. Nun hat ein Gericht dem Spuk vorerst ein Ende gesetzt. Doch mit einer möglichen rot-rot-grünen Regierung droht bereits die nächste Gefahr. Von David Berger

Es ist eine dieser Nachrichten, die eigentlich einen politischen Aufschrei auslösen müssten, im Deutschland des Jahres 2026 aber beinahe schon als Normalität durchgehen. An einem Berliner Gymnasium werden Mädchen unter Druck gesetzt, weil sie kein Kopftuch tragen, Schüler sollen zum Fasten angehalten und Mitschüler zum islamischen Glauben bekehrt werden. Die Schulleitung versucht, diesem Treiben Einhalt zu gebieten – und landet deshalb vor Gericht. Nicht etwa, weil sie zu wenig gegen religiöse Einschüchterung unternommen hätte, sondern weil sie es gewagt hat, demonstrative religiöse Rituale auf dem Schulgelände zu verbieten.

Das Verwaltungsgericht Berlin hat nun entschieden, dass das Diesterweg-Gymnasium im Stadtteil Wedding an seinem Verbot festhalten darf. Die Klage der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), die darin eine Diskriminierung muslimischer Schüler erkennen wollte, wurde abgewiesen. Das Urteil vom 15. Oktober ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Dazu habe ich einen kurzen Kommentar beim KONTRAFUNK gesprochen:

Hier längere Ausführungen dazu:

Wenn das Kopftuch zur sozialen Pflicht wird

Besonders aufschlussreich ist nicht einmal die juristische Auseinandersetzung, sondern das, was im Zuge des Verfahrens über den Schulalltag bekannt wurde. Schulleiter Volker Lehmann berichtete von religiösen Bekehrungsversuchen, erheblichem Anpassungsdruck und Konflikten zwischen strenggläubigen und liberaleren muslimischen Schülern. Mädchen seien angefeindet worden, weil sie kein Kopftuch trugen. Selbst bei einer Abiturzeugnisverleihung soll eine Schülerin wegen ihrer angeblich zu freizügigen Kleidung verbal angegriffen worden sein. Während des Ramadan soll ein muslimischer Schüler in eine Klasse gekommen sein und verkündet haben: „Jetzt fasten wir alle.“

Hier geht es längst nicht mehr um die private Religionsausübung einzelner Jugendlicher, sondern um den Versuch, islamische Verhaltensregeln innerhalb einer staatlichen Schule zum Maßstab für andere zu machen. Wer sich ihnen nicht unterwirft, muss offenbar damit rechnen, unter Druck gesetzt oder öffentlich zurechtgewiesen zu werden.

Das ist keine harmlose kulturelle Besonderheit und auch keine folkloristische Bereicherung des Schulalltags. Es sind Erscheinungsformen eines religiösen Autoritarismus, der gerade jene muslimischen Jugendlichen trifft, die selbstbestimmt leben möchten.

Die angeblichen Freiheitskämpfer auf der falschen Seite

Noch bemerkenswerter ist die Rolle der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Der Verein hatte zahlreiche Berliner Schulordnungen wegen vermeintlich diskriminierender Bestimmungen beanstandet. Nach eigenen Angaben änderte die Mehrheit der betroffenen Schulen daraufhin ihre Regeln. Das Diesterweg-Gymnasium blieb standhaft – und wurde deshalb verklagt.

Die GFF argumentiert, das Verbot sichtbarer Gebete verletze die Religionsfreiheit muslimischer Schüler. Diese müssten sich teilweise hinter Büschen oder Müllcontainern verstecken, um ihre religiösen Pflichten zu erfüllen. Die Schule bestreitet allerdings, dass ihr solche Fälle bekannt seien, und verweist darauf, dass stilles Beten weiterhin möglich ist.

Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Verkehrung der Prioritäten. Während Mädchen wegen fehlender Kopftücher angefeindet werden und liberale Muslime unter religiösem Anpassungsdruck stehen, konzentriert sich der Einsatz der selbsternannten Freiheitsverteidiger darauf, demonstrative islamische Gebetsrituale gegen den Widerstand der Schule durchzusetzen.

Man könnte sich durchaus vorstellen, dass eine Organisation, die sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat, zunächst jene Schüler verteidigt, die nicht fasten, kein Kopftuch tragen und sich nicht missionieren lassen wollen. Doch deren Freiheit scheint in dieser Auseinandersetzung erstaunlich wenig Aufmerksamkeit zu erhalten.

Der deutsche Staat muss sich nicht der Scharia unterwerfen

Das Berliner Verwaltungsgericht hat immerhin eine Grenze gezogen. Zwar erkannte es an, dass das Verbot demonstrativer religiöser Rituale vor allem muslimische Schüler betrifft und sie mittelbar benachteiligt. Angesichts der konkreten Konflikte sei diese Einschränkung jedoch gerechtfertigt, um den Schulfrieden und einen geordneten Schulbetrieb zu gewährleisten.

Auch die Forderung nach einem eigenen Gebetsraum überzeugte die Richter nicht. Der Schule fehlten dafür Räume und Aufsichtspersonal. Außerdem bestehe die Gefahr, dass die bereits vorhandenen Konflikte dadurch noch verschärft würden.

Damit ist etwas ausgesprochen, das eigentlich keiner gerichtlichen Bestätigung bedürfen sollte: Eine staatliche Schule ist keine Moschee, und ihre Schulordnung muss sich nicht nach islamischen Ritualvorschriften richten. Der Staat hat die Religionsfreiheit zu gewährleisten, aber nicht die Aufgabe, den Schulbetrieb nach den religiösen Bedürfnissen besonders durchsetzungsfähiger Gruppen auszurichten.

Niemand hindert muslimische Schüler daran, ihren Glauben zu praktizieren. Entscheidend ist vielmehr, ob aus persönlicher Religionsausübung ein demonstrativer Anspruch wird, der in einem bereits aufgeheizten Umfeld zusätzlichen Druck auf andere erzeugt.

Rot-Rot-Grün: Wenn die Islam-Verharmloser regieren

Noch gefährlicher könnte die Entwicklung werden, wenn in Berlin tatsächlich eine rot-rot-grüne Regierung unter Führung der Linkspartei die Macht übernimmt. Nach dem Wahlsieg der Linken im September haben sich die drei Parteien bereits auf ein gemeinsames Sondierungspapier verständigt. Damit droht ausgerechnet in einer Stadt, deren Schulen zunehmend mit religiösem Anpassungsdruck kämpfen, eine politische Konstellation, die solche Probleme womöglich lieber unter dem Schlagwort „antimuslimischer Rassismus“ abhandelt, als ihre Ursachen entschlossen zu bekämpfen.

Diese Sorge ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Der Berliner Bildungsexperte Michael Hammerbacher warnt ausdrücklich vor einer Verharmlosung des politischen Islams unter Rot-Rot-Grün. Er befürchtet sogar, dass Projekte, die Schulen bei der Auseinandersetzung mit islamistischen Einflüssen unterstützen, künftig ihre Förderung verlieren könnten. Gleichzeitig wollen die künftigen Koalitionspartner eine neue Antidiskriminierungs-Beschwerdestelle im Bildungsbereich schaffen. Ob diese tatsächlich bedrängten Schülern hilft oder vor allem entschlossene Schulleitungen unter zusätzlichen Rechtfertigungsdruck setzt, wird sich zeigen müssen.

Das wäre die nächste Stufe einer verhängnisvollen Entwicklung: Während islamische Sittenwächter ihren Mitschülern religiöse Vorschriften aufzwingen wollen, müssten Lehrer und Schulleiter womöglich fürchten, bei konsequentem Einschreiten selbst als diskriminierend gebrandmarkt zu werden. Ausgerechnet diejenigen, die Mädchen ohne Kopftuch und liberale Muslime schützen, könnten so politisch ins Abseits geraten.

Eine integrationspolitische Bankrotterklärung

Über Jahre wurde der Öffentlichkeit eingeredet, die entscheidende Gefahr für das friedliche Zusammenleben gehe von einer angeblich intoleranten Mehrheitsgesellschaft aus, die muslimischen Minderheiten zu wenig Raum für ihre religiösen Besonderheiten lasse. Der Fall des Diesterweg-Gymnasiums zeigt eine andere, politisch erheblich unbequemere Wirklichkeit: Religiöse Intoleranz kann auch innerhalb muslimischer Milieus entstehen und sich gegen jene richten, die nicht streng genug glauben oder leben.

Wer diese Entwicklung aus falsch verstandener Toleranz verharmlost, überlässt gerade die liberalen Muslime den religiösen Hardlinern. Dass selbst an staatlichen Schulen elementare Freiheiten offenbar nicht mehr überall selbstverständlich sind, ist eine Bankrotterklärung deutscher Integrationspolitik.

Die Scharia hat auf deutschen Schulhöfen nichts verloren. Wer islamischen Zwang als Religionsfreiheit verkauft, macht sich zum Komplizen der Unterdrückung.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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