Migrations-Dschihad

Mohammeds Hidschra, die Unterwerfung der Ungläubigen und der politische Islam in Europa. Von David Berger

Die islamistische Bedrohung Europas wird gewöhnlich als Folge einer Radikalisierung dargestellt, die mit dem eigentlichen Islam wenig zu tun habe. Doch diese Erklärung lässt eine historische Tatsache außer Acht: Der Begründer des Islams war nicht nur religiöser Verkünder, sondern vor allem politischer Herrscher, Gesetzgeber und Kriegsherr. Der Aufstieg seiner Bewegung begann mit einer Auswanderung, die im islamischen Geschichtsverständnis bis heute eine herausragende Stellung einnimmt. Wer den Zusammenhang zwischen Migration, Dschihad und islamischem Herrschaftsanspruch verstehen will, muss deshalb beim Leben Mohammeds selbst beginnen.

Im Jahre 622 verließ Mohammed Mekka und zog nach Medina. Diese Hidschra gilt als so bedeutendes Ereignis, dass sie den Ausgangspunkt der islamischen Zeitrechnung bildet. In Medina entstand eine politische Ordnung, in der Mohammed religiöse und weltliche Autorität vereinigte. Er führte Kriege, schloss Bündnisse, sprach Recht und bestimmte die Regeln des Zusammenlebens bis hin zur richtigen Verrichtung des täglichen Geschäfts. Acht Jahre später nahm er Mekka ein. Aus einer zunächst bedrängten religiösen Bewegung war eine militante Macht geworden, deren Nachfolger innerhalb weniger Jahrzehnte große Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas eroberten.

Von der Auswanderung zur Herrschaft

Die Hidschra war zunächst die Flucht einer bedrängten Gemeinschaft aus Mekka. Ihre Bedeutung erschöpft sich jedoch nicht in diesem Schutzmotiv. In Medina entstand ein Gemeinwesen, dessen Ordnung auch die Beziehungen zu anderen Stämmen und Religionsgemeinschaften regelte. Das sogenannte Gemeindeabkommen von Medina ist ein frühes Zeugnis dieser Entwicklung.

Darin liegt ein grundlegender Unterschied zwischen den Lebensgeschichten Jesu Christi und Mohammeds. Christus führte keine Armee, gründete keinen Staat und eroberte keine Städte. Seine Botschaft ist eine der zärtlichen Liebe Gottes zu den Menschen, die diesen selbst heldenhafte Formen der Nächstenliebe ermöglicht. Mohammed hingegen vereinigte religiöse Verkündigung und politisch-kriegerische Führung mit aus heutiger Sicht menschenverachtenden Praktiken in seiner Person. Sein Handeln besitzt innerhalb der islamischen Tradition besondere Autorität, weil die Sunna des Propheten neben dem Koran eine wesentliche Quelle religiöser und rechtlicher Normen bildet.

Die spätere islamische Expansion beruhte auch auf militärischen, wirtschaftlichen und machtpolitischen Voraussetzungen. Sie konnte jedoch an ein Herrschaftsmodell anknüpfen, dessen Grundlagen bereits in Medina gelegt worden waren. Der politische Islam ist deshalb keine bloße Erfindung der Neuzeit. Die Verbindung von Unterwerfung unter religiöse Autorität, Recht und Herrschaft gehört zur Entstehungsgeschichte des Islams selbst, ja hat ihm seinen Namen gegeben.

Besonders deutlich tritt der politische Anspruch in Sure 9,29 hervor. Dort wird zum Kampf gegen bestimmte Nichtmuslime aufgerufen, bis diese die Dschizya entrichten. Diese besondere Abgabe wurde in der klassischen islamischen Rechtsordnung von bestimmten nicht-muslimischen Untertanen erhoben. Der Vers wurde zu einer wichtigen Grundlage des sogenannten Dhimmi-Systems. Juden und Christen konnten unter islamischer Herrschaft ihre Religion behalten, erhielten jedoch einen besonderen rechtlichen Status, der mit der Gleichberechtigung moderner Staatsbürger nicht zu verwechseln ist. Je nach Epoche und Herrschaftsgebiet waren damit steuerliche, rechtliche und gesellschaftliche Einschränkungen verbunden. Religionszugehörigkeit entschied damit nicht nur über persönliche Glaubensüberzeugungen, sondern auch über Rechte, Pflichten und gesellschaftlichen Rang.

Der Dschihad und der Schrecken

Der Begriff Dschihad wird häufig mit der allgemeinen Anstrengung auf Gottes Weg erklärt. Diese Bedeutung existiert, doch der bewaffnete Dschihad hat bereits in der klassischen islamischen Rechtslehre einen hervorragenden Platz eingenommen. Die mittelalterlichen Rechtsschulen behandelten ausführlich militärische Unternehmungen, Friedensverträge, Kriegsbeute und die rechtliche Stellung unterworfener Bevölkerungen. Dabei spielte die Ausweitung islamischer Herrschaft mit allen vorstellbaren Schrecken eines Krieges als legitimes Ziel eine wichtige Rolle.

In Sure 8,12 ist davon die Rede, den Ungläubigen Schrecken einzujagen. Sure 3,151 enthält eine entsprechende Ankündigung. Der Hadith Sahih al-Bukhari 2977 überliefert Mohammeds Aussage, ihm sei durch den Schrecken seiner Gegner zum Sieg verholfen worden. Sie zeigen, dass die nach Charlie Hebdo u.a. Terrorakten äußerst erfolgreiche Einschüchterung des Gegners in den islamischen Quellen ausdrücklich religiös gedeutet und empfohlen wird. Heutige Dschihadisten greifen auf solche Überlieferungen zurück, um ihre Gewalttaten zu legitimieren.

Hidschra und Dschihad: Auswanderung als religiöse Tat

Mehrere Koranstellen verbinden Auswanderung und Kampf auf Gottes Weg unmittelbar miteinander. Sure 8,72 nennt diejenigen, die glaubten, auswanderten und mit ihrem Vermögen und ihrem Leben für Gottes Sache kämpften. Sure 9,20 hebt ebenfalls diejenigen hervor, die glaubten, auswanderten und sich mit ihrem Besitz und ihrem Leben auf Gottes Weg einsetzten. Auswanderung bzw. Migration und Kampf werden dabei als fast identisch betrachtet. In Sure 4,95 wird den Kämpfenden ein höherer Rang zugesprochen als denjenigen, die ohne entsprechenden Grund zurückbleiben. Die Hidschra erscheint damit als religiös heldenhafte Handlung, die im historischen Zusammenhang mit dem Einsatz für die islamische Gemeinschaft steht.

Kurzum: Der politische Islam braucht nicht immer Bomben und Messer. Während Dschihadisten ihre Herrschaftsansprüche mit Terror durchsetzen, setzen andere Islamisten auf Missionierung, gesellschaftliche Unterwanderung und politischen Einfluss. Die Daʿwa dient ihnen nicht bloß der Glaubensverbreitung, sondern der langfristigen Durchsetzung islamischer Normen. Muslimische Einwanderung soll solchen Strategien neue Möglichkeiten eröffnen. Wo Islamisten Moscheevereine, Bildungsstätten und Verbände kontrollieren, können sie diese als Instrumente politischer Einflussnahme nutzen. Besonders brisant ist dabei die Berufung auf westliche Freiheitsrechte, um Forderungen durchzusetzen, die mit eben diesen Freiheiten kollidieren. Der gewaltfreie Islamismus ist deshalb nicht schon harmlos. Wo er dieselbe religiöse Herrschaftsordnung anstrebt wie militante Islamisten, unterscheidet er sich von ihnen vor allem in der Wahl seiner Mittel: Die einen setzen auf Terror, die anderen auf langfristigen politischen Einfluss. Dass sie dabei die Linken als dumme Steigbügelhalter benutzen ist kein Geheimnis und die Geschichte des Iran veranschaulicht es eindringlich.

„Allahu akbar“- Schlachtruf bei Grenzübertritt

Eine besondere Bedeutung besitzt der bei islamistischen Anschlägen wiederholt verwendete Ruf „Allahu akbar“. Die Formel bedeutet sinngemäß „Gott ist der Größte“, gehört zum täglichen Gebet der Muslime und besitzt zugleich eine lange Geschichte als militärischer Schlachtruf. Wenn ein dschihadistischer Attentäter diese Worte während seiner Gewalttat ruft, liegt darin ein ausdrückliches religiöses Bekenntnis. Der Täter stellt seine Handlung damit aus seiner Sicht unter göttliche Autorität. Bei Anschlägen, deren Täter sich auf den Dschihad berufen, ist diese religiöse Dimension ein wesentlicher Bestandteil ihrer Motivation.

Aufhorchen lassen deshalb auch die Bilder von den massenhaften Grenzübertritten in den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla im Sommer 2026. Aus Melilla wurden „Allahu akbar“-Rufe beim Überwinden der Grenzanlagen gemeldet, aus Ceuta bei anschließenden Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Derselbe Ruf, der islamistische Anschläge begleitet, erschallte damit auch bei diesen gewaltsamen Grenzkonflikten. Kann man noch offensichtlicher die Motivation dieser Invasion zum Ausdruck bringen?

Terrorismus und Migration: Europas Sicherheitsproblem

Dass dschihadistischer Terrorismus eine reale schwerwiegende Bedrohung für Europa darstellt, ist kein Geheimnis und das belegen die Berichte der Sicherheitsbehörden. Europol registrierte für 2024 insgesamt 24 dschihadistische Anschläge und Anschlagsversuche innerhalb der EU, darunter sechs vollendete und 18 vereitelte. Bei den vollendeten Anschlägen wurden fünf Menschen getötet und 18 verletzt. Zu den dokumentierten Fällen gehört der Anschlag von Solingen am 23. August 2024, bei dem drei Menschen ermordet wurden und zu dem sich der sogenannte Islamische Staat bekannte. Als Merkel vor Jahren behauptete, über ihre offenen Grenzen sei kein einziger IS-Terrorist nach Deutschland gekommen, belog sie das Parlament und damit die deutsche Bevölkerung wider besseres Wissen. Um uns später schulterzuckend zu sagen: „Jetzt sind sie halt da!“

Aber das ist nur die Spitze eines Eisbergs der Islamisierung: Mohammeds Hidschra, die Entstehung seiner politischen Herrschaft in Medina und die anschließende islamische Expansion bilden einen historischen Zusammenhang, der für das Verständnis des politischen Islams grundlegend ist. Die klassische Rechtslehre entwickelte daraus Vorstellungen über Krieg, Herrschaft und die Stellung der Nichtmuslime, auf die sich islamistische Bewegungen bis heute berufen können.

Für Europa ergibt sich daraus ein enormes Problem, das über die Bekämpfung terroristischer Anschläge hinausgeht. Auch gewaltfreie islamistische Bewegungen erfolgen politische Ziele verfolgen, die mit der Gleichberechtigung der Bürger, der Freiheit des Religionswechsels und der Geltung einer gemeinsamen staatlichen Rechtsordnung unvereinbar sind. Nicht jede muslimische Migration ist Dschihad. Doch Migration ist innerhalb islamistischer Strategien zum Instrument religiöser Expansion und politischer Einflussnahme geworden. Die historischen Grundlagen dafür reichen bis zu Mohammeds Hidschra und der Verbindung von Glauben, Recht und Herrschaft in der Frühgeschichte des Islams zurück.

Wer diese Zusammenhänge ausblendet und den politischen Islam ausschließlich als moderne Fehlentwicklung betrachtet, verkennt einen wesentlichen Teil seiner historischen und theologischen Grundlagen. Und übersieht in seinem Islam-Appeasement die größte Gefahr, die Europa derzeit droht. Wo bleibt der neue Karl Martell, wo ein neuer Richard Löwenherz, ein El Cid, ein Don Juan de Austria, wo Herrscher wie Johann III. Sobieski und ein Heiliger wie Bernhard von Clairvaux?

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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