Vorwürfe gegen Asow-Einheit: Das ungeklärte Schicksal eines 14-Jährigen

Ein Jugendlicher wirft maskierten Männern vor, ihn in einer ukrainischen Militärunterkunft bei Kiew schwer misshandelt zu haben. Die Behörden widersprechen; ein Ermittlungsverfahren soll die Vorgänge aufklären. Die unterschiedlichen Darstellungen haben in den sozialen Netzwerken heftige Debatten ausgelöst – bis hin zu einer Forderung des Chefredakteurs einer konservativen Zeitung, die Kritiker als Ruf nach Internetzensur verstehen.

Die Aufnahmen eines in eine Decke gehüllten Jugendlichen sorgen im Internet für Empörung. Sie stammen aus Petropawliwska Borschtschahiwka am westlichen Stadtrand von Kiew. Dort kam es am 2. November vor einem von der ukrainischen Nationalgarde genutzten Privathaus zu heftigen Auseinandersetzungen. Zuvor hatten sich Meldungen verbreitet, in dem Gebäude würden Männer rechtswidrig festgehalten und gefoltert. Das 1. Korps „Asow“ bestätigte, dass die dort untergebrachte Militäreinheit 3121 zu seinem Verband gehört. Nach seiner Darstellung diente das Haus als vorübergehende Unterkunft, unter anderem für Soldaten, die nach unerlaubter Abwesenheit zurückgebracht worden waren.

Auch ukraiinische Medien berichten von Misshandlungen des Jungen

Besonders schwer wiegen die Vorwürfe eines Jugendlichen, der erklärt, der auf den verbreiteten Aufnahmen gezeigte 14-Jährige zu sein. Das ukrainische Portal ANTIKOR berichtete am späten Abend des 3. November ausführlich über seine auf TikTok veröffentlichte Schilderung.

Quelle: X/TikTok

Demnach war der Junge aus der Nachbarschaft zu den Protesten gekommen und auf den Grundstückszaun geklettert. Nachdem er von den Soldaten heruntergeprügel worden sei, hätten maskierte Männer ihn ins Haus gezerrt, nackt ausgezogen, geschlagen und im Obergeschoss verhört. Dabei seien Schaufeln, Fäuste und Füße zum Einsatz gekommen. Er berichtet von Schlägen gegen den Kopf und erklärt, inzwischen wegen seiner Verletzungen im Kiewer Gebietskrankenhaus behandelt zu werden. Eine Frau habe sich schützend vor ihn gestellt. Seinen Aussagen nach wurde er, nachdem er von den Soldaten heruntergeschlagen wurde, verprügelt und gewaltsam verhört. Dass er später eingewickelt in eine Decke und völlig traumatisiert nach draußen getragen wurde, spricht für diese Darstellung.

Ukrainische Behörden: Folterknechte waren diesmal barmherzige Samariter

Die ukrainischen Behörden schildern den Vorgang anders. Nach einem Bericht von Interfax-Ukraine erklärten Vertreter der Sicherheitsbehörden am 3. November, der Junge sei über einen Baum und den Zaun auf das Grundstück gelangt und gestürzt. Angehörige der Nationalgarde hätten ihm geholfen, ihn in eine Decke gehüllt und anschließend freigelassen. Die Behauptung, er sei geschlagen worden, wiesen sie zurück. Zugleich sagte Nationalgardekommandeur Oleksandr Piwnenko Konsequenzen zu, falls Verfehlungen von Militärangehörigen festgestellt würden. Auch die ukrainische Investigativredaktion Slidstvo.Info recherchierte vor Ort. Ihrem bereits am frühen 3. November veröffentlichten Bericht zufolge gelangte der Jugendliche erst während der Zusammenstöße auf das Grundstück. Er sei zuvor nicht gemeinsam mit den dort untergebrachten Männern festgehalten worden. Ein von der Redaktion befragter Veteran, der das Haus betreten hatte, erklärte zudem, keine Folterstätten gesehen zu haben.

Damit wird die verbreitete Darstellung eines bereits vor den Protesten dort gefangenen Kindes infrage gestellt. Ob der Junge nach seinem Eindringen misshandelt wurde, ist jedoch eine andere Frage. Sein vorheriges Klettern auf den Zaun widerlegt einen anschließenden Übergriff ebenso wenig, wie sein Zustand beim Verlassen des Gebäudes allein dessen Ursache beweist.

Das Staatliche Ermittlungsbüro DBR eröffnete am 3. November ein Strafverfahren wegen möglicher militärischer Amtsüberschreitung. Geprüft werden sollen insbesondere die Bedingungen der Unterbringung und Berichte über möglichen Zwang gegen Soldaten. Die Behörde betonte, dass widersprüchliche und teilweise unbestätigte Darstellungen kursierten. Ein abschließendes Untersuchungsergebnis enthält ihre Mitteilung nicht. Die schweren Anschuldigungen verdienen eine unabhängige Aufklärung. Dass ukrainische Medien darüber berichten, verbietet ihre pauschale Abfertigung als bloße russische Erfindung. Umgekehrt ersetzen die verbreiteten Videos keine Überprüfung der konkreten Vorwürfe. Für eine belastbare Beurteilung sind insbesondere medizinische Befunde, Zeugenaussagen und eine nachvollziehbare Rekonstruktion der Vorgänge im Haus erforderlich.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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