(David Berger) Während in weiten Teilen Bayerns am kommenden Samstag die Glocken zum Hochfest Mariä Himmelfahrt läuten, rollen durch Berlin die Lautsprecherwagen der „Fuckparade“. Zwei deutsche Welten treffen am 15. August aufeinander – und der Kontrast könnte kaum symbolträchtiger sein.
Manchmal produziert der Kalender Bilder, die ein Leitartikel kaum treffender erfinden könnte. Der morgige 15. August ist ein solcher Tag. In Bayern ist Mariä Himmelfahrt in 1.708 von insgesamt 2.056 Gemeinden gesetzlicher Feiertag. In Ober- und Niederbayern gilt er flächendeckend, in der Oberpfalz, in Schwaben und Unterfranken in der großen Mehrheit der Gemeinden. Grundlage dafür ist, ob nach den Ergebnissen des Zensus die katholische oder evangelische Bevölkerung überwiegt.
Und so wird man auch an diesem 15. August in zahlreichen bayerischen Kirchen jenes Hochfest feiern, das zu den großen Marienfesten der katholischen Kirche gehört. Mancherorts werden nach alter Tradition Kräuter gesammelt, zu kunstvollen Buschen gebunden und zur Segnung in die Kirche getragen. Ein Brauch, in dem sich katholischer Glaube, Heimat und Volkskultur auf eine Weise verbinden, die noch etwas von jenem alten christlichen Europa erahnen lässt, dessen Spuren andernorts immer schneller beseitigt werden.
Und Berlin?
Berlin hat am selben Tag die „Fuckparade“. Der Name ist keine polemische Erfindung konservativer Kulturkritiker. Die Veranstaltung heißt tatsächlich so. Seit 1997 zieht sie durch die Hauptstadt, entstanden als Protest gegen die Kommerzialisierung der Techno- und Clubszene. Die Veranstalter verstehen ihre Parade als politische Demonstration und als Interessenvertretung von Sub-, Club- und Jugendkulturen. Schon ihr Manifest propagiert „kulturelle Vielfalt, Freiheit und Toleranz“ und versteht sich natürlich als „antifaschistisch“#, verteidigt alternative und teilweise illegale „Kulturprojekte“ und wendet sich gegen Kommerzialisierung und staatliche Regulierung.
Man muss der Fuckparade dabei eines zugestehen: Sie ist weniger glatt und kommerziell als manche andere Berliner Großveranstaltung. Ihre Wurzeln liegen in der alternativen und anarchischen Clubkultur, nicht in den Marketingabteilungen internationaler Konzerne. Doch gerade deshalb eignet sich dieser 15. August so hervorragend als Momentaufnahme zweier kultureller Welten. Denn während das katholische Hochfest den Blick nach oben richtet, feiert die moderne Metropole demonstrativ das Diesseits.
Tanz um den Thron Satans
Mariä Himmelfahrt verkündet eine geradezu ungeheuerliche Vorstellung vom Menschen: Der Mensch ist nicht bloß Materie, Konsument, Steuerzahler oder ein zufällig entstandenes Bündel von Bedürfnissen. Er besitzt eine Bestimmung, die über diese Welt hinausweist. An Maria zeigt sich nach katholischem Glauben exemplarisch, wozu der Mensch berufen ist: zur Gemeinschaft mit Gott, mit Leib und Seele. Die moderne Großstadtkultur hat für diese Transzendenz weithin nur noch ein müdes Lächeln übrig. Ihre Prozessionen heißen Parade, ihre Altäre sind Lautsprecherwagen, ihr Weihrauch steigt aus Nebelmaschinen oder den Drogenpfeifen auf, und ihre Liturgie besteht aus Bässen, Körpern und Ekstase.
Natürlich ist dieser Vergleich zugespitzt. Aber gerade deshalb legt er etwas frei. Denn der Mensch hört nicht auf, ein kultisches Wesen zu sein, nur weil er nicht mehr in die Kirche geht. Er sucht weiterhin Gemeinschaft, Rausch, Rituale, Symbole und Erfahrungen, die ihn aus dem Alltag herausheben. Wo die Religion verschwindet, entsteht keineswegs automatisch eine nüchterne Gesellschaft aufgeklärter Rationalisten. Häufig entstehen Ersatzrituale: „Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub’ durchs Fenster; wenn die Götter ihr verjagt, nahen die Gespenster.“ – wusste schon der deutsche Dichter Emanuel Geibel im 19. Jahrhundert. Vielleicht ist gerade Berlin dafür das große deutsche Freiluftlabor. Jene Hauptstadt, in deren Pergamonmuseum ausgerechnet der monumentale Altar aus jener antiken Stadt steht, die die Offenbarung des Johannes als den Ort bezeichnet, ‚wo der Thron des Satans steht‘ (Offb 2,13), …“
Bayern bewahrt, Berlin experimentiert
Man sollte Bayern dabei keineswegs romantisieren. Auch München ist längst keine unberührte katholische Insel´und selbst dort, wo Mariä Himmelfahrt arbeitsfrei ist, werden vermutlich erheblich mehr Menschen ausschlafen, grillen oder einen Ausflug unternehmen als das Hochamt besuchen. Ein gesetzlicher Feiertag ist noch kein Glaubensbekenntnis. Und doch macht es einen Unterschied, was eine Gesellschaft in ihren Kalender einschreibt. Der Feiertag sagt: Dieser Tag ist nicht irgendein Tag. Hier wird an etwas erinnert, das zahlreichen Generationen vor uns heilig war. Kirchen, Wegkreuze, Marienbilder, Kräuterweihe und Glockengeläut bilden ein kulturelles Gedächtnis, das selbst dort noch wirksam ist, wo der persönliche Glaube schwach geworden ist. Auch wenn es viele gar nicht mehr bemerken, ist es die Maria, die als Schutzfrau Bayerns von der Mariensäule in der Mitte Münchens ihren Schutzmantel über Bayern ausbreitet.
Berlin dagegen hat sich seit Jahrzehnten geradezu darauf spezialisiert, mit dem Bruch solcher Überlieferungen sein Image zu pflegen. Schrill, sexuell entgrenzt, alternativ, rebellisch, möglichst weit entfernt von allem, was nach Tradition, Provinz und katholischer Moral riecht: Daraus ist längst selbst eine Art Hauptstadtfolklore geworden. Das einstige Gegenkulturelle ist dabei paradoxerweise zum Berliner Mainstream geworden. Wer hier provozieren will, kriegt das nicht mehr mit Perversionen und bizarren Fetischen hin, sondern mit dem Rosenkrank und der eindeutigen Botschaft überzeugter Katholik zu sein.
So bekommt dieser Samstag eine beinahe unfreiwillige Symbolik. Hier die katholische Prozession: Maria, Blumen, Weihrauch, Glocken und das jahrhundertealte „Salve Regina“. Dort die Fuckparade: Soundsysteme, Techno, politische Parolen, exzessiver Drogenkonsum und der demonstrativ vulgäre Name. Hier eine Kultur, die das Heilige kennt. Dort eine Kultur, die ihre Identität nicht selten daraus zu gewinnen sucht, dass nichts mehr heilig sein soll.
Zivilisationen erkennt man an ihren Festen
Das ist selbstverständlich nicht das ganze Bayern und nicht das ganze Berlin. Auch in Berlin werden am 15. August katholische Gläubige das Hochfest feiern; ebenso besteht Bayern nicht nur aus Barockkirchen, Trachten und Kräuterbuschen. Wer aus dem Gegensatz eine soziologische Totalbeschreibung beider Länder machen wollte, würde sich lächerlich machen. Als kulturelles Symbolbild ist gerade für mich, der in beiden Welten zuhause war bzw. ist, die Gleichzeitigkeit aber besonders auffällig.
Über meine persönlichen Erfahrungen hinaus, gilt m.E. dennoch: Zivilisationen erkennt man nicht zuletzt daran, was sie feiern. Man denke nur an das muslimische Opferfest. Der christliche Festkalender hat Europa über viele Jahrhunderte einen Rhythmus gegeben. Weihnachten und Ostern, Pfingsten und Fronleichnam, Allerheiligen und die Marienfeste unterbrachen den Alltag und erinnerten daran, dass Arbeit, Produktion und Vergnügen nicht das Ganze menschlicher Existenz sind. Wenn diese Feste verschwinden oder zu bloßen freien Tagen werden, bleibt die Sehnsucht nach dem Fest trotzdem bestehen. Berlin ist der Versuch, diese Sehnsucht irgendwie flüchtig aufzufangen, hat angefangen das Transgressive inzwischen beinahe routinemäßig zu zelebrieren. Aber eine Provokation, die seit Jahrzehnten wiederholt wird, hört irgendwann auf, Provokation zu sein. Das Rebellische wird Konvention, die Subkultur Institution, die Grenzüberschreitung Gewohnheit. Selbst der Name „Fuckparade“, der einmal nach maximalem Affront klang, wirkt nach fast drei Jahrzehnten schon fast nostalgisch.
Warum dem „Salve Regina“ die Zukunft gehört
Vielleicht liegt darin die tiefere Ironie dieses 15. August. Das vermeintlich Alte besitzt plötzlich etwas Widerständiges. Eine junge Frau, die an diesem Samstag mit einem Kräuterbuschen zur Kirche geht, steht kulturell womöglich stärker gegen den Zeitgeist als jemand, der auf einem Techno-Wagen „gegen den Mainstream“ tanzt. Ein Rosenkranz kann im Berlin des Jahres 2026 provokanter sein als ein Piercing. Und das „Ave Maria“ womöglich subversiver als die Fuckparade. So werden am kommenden Samstag zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen davon sichtbar, was ein Fest sein kann. In katholisch geprägten Teilen Bayerns erinnert der 15. August daran, dass der Mensch für den Himmel geschaffen ist. Berlin lässt derweil die diabolisch hämmernden Bässe dröhnen. Jeder möge selbst entscheiden, welche der beiden Prozessionen mehr über die Zukunft unseres Landes erzählt.
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