Nachdem im Beitrag „Menschenbild als Grundlage der Kulturpolitik“ grob skizziert wurde, womit wir es beim Träger der Kultur – dem Menschen – zu tun haben und dass ein realistisches Menschenbild als Grundlage einer realistischen Kulturpolitik unabdingbar ist, wollen wir uns dem Begriff der Kultur selbst zuwenden. Gastbeitrag von Ed Piper.
Kaum ein Begriff ist so omnipräsent und zugleich so schwer zu fassen wie der der Kultur. Er schwebt durch die Feuilletons und wird einerseits gerne auf Hochkultur verengt; andererseits befeuert er – sofern opportun – Identitätsdebatten und dient als Projektionsfläche für kollektive Sehnsüchte und Ängste. Letzteres bevorzugt dann, wenn es um Forderungen migrantischer Minderheiten gegen die autochthone deutsche Mehrheitsgesellschaft geht. Im umgekehrten Fall jedoch, sobald es die Interessen deutscher Kultur betrifft, wird seitens der links-liberalen Hegemonie gerne so getan, als wüsste man gar nicht, was das sein soll: „Deutsche Kultur, was ist das überhaupt?“ Oder man verneint schlichtweg, dass es eine solche überhaupt gibt: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht zu identifizieren“, ließ die prominente SPD-Politikerin Aydan Özoguz einst verlauten. Vom „Kulturbürger“ über den „Kulturkasper“ bis hin zum „Kulturverächter“ ist das semantische Feld somit ebenso unübersichtlich wie erbittert umkämpft.
„Das Zusammenleben muss jeden Tag neu ausgehandelt werden“ – ein weiteres Bonmot der Bundestagsabgeordneten Özoguz, das sich 2015 in einem programmatischen SPD-Eckpunktepapier zur Flüchtlingspolitik fand. Ganz abgesehen von der zugrundeliegenden ideologischen Verblendung illustriert diese Forderung die tragische Selbsttäuschung des links-liberalen Zeitgeistes vortrefflich: Allein die Annahme, dass Gesellschaften sich durch ein bloßes Aushandeln von Interessen und die formale Prozedur des Rechtsstaates im Gleichgewicht halten ließen, ist völlig weltfremd. Denn was den sozialen Körper zusammenhält, was eine Gesellschaft im Innersten konstituiert, ist kein Verfassungsparagraf, sondern etwas viel Elementareres: Es ist die Kultur.
Das Betriebssystem
Jenseits der populären Assoziationen an Museen und Sinfonieorchester, jenseits der politischen Instrumentalisierung im Verteilungskampf um gesellschaftliche Ressourcen, offenbart sich bei näherer Betrachtung eine viel fundamentalere Dimension: Kultur ist nicht bloß angenehmes Beiwerk gesellschaftlichen Lebens, kein schmückendes Ornament, sondern das eigentliche Betriebssystem des Menschen und damit der menschlichen Gesellschaft selbst. Betrachten wir die biologischen Grundanlagen des Neugeborenen – etwa die Disposition zum Spracherwerb – als ein präinstalliertes BIOS, so wird der Mensch erst durch das Aufspielen des Betriebssystems Kultur zum funktionierenden, gesellschaftsfähigen Subjekt. Die Kultur ist die transgenerationale Erzählung, die das isolierte Einzelwesen in einen sozialen Organismus einbettet. Sie ist das unhintergehbare Fundament, auf dem spätere politische, ökonomische und soziale Programme und „Apps“ überhaupt erst laufen können.
Die Resilienz
Doch Kultur speichert nicht lediglich Bedeutungen, sondern bewahrt eine Gesellschaft auch über Krisen hinweg. Sie konserviert Handlungsmuster, Loyalitäten und kollektive Erinnerung, die selbst dann Orientierung geben, wenn politische oder ökonomische Ordnungen ins Wanken geraten. Was Institutionen allein nicht leisten können, vermag häufig die kulturelle Tiefenstruktur einer Gemeinschaft: Sie erhält Kontinuität, stiftet Vertrauen und ermöglicht kollektive Selbstbehauptung. In dieser Fähigkeit liegt ihre eigentliche Resilienzfunktion.
Die Prägung
Als komplexe Software umfasst sie weit mehr als die reine Sprache. Sie ist das gesamte, feingliedrige Regelwerk des sozialen Zusammenlebens: die nonverbalen Codes von Nähe und Distanz, die Tonalität der Konversation, Tischsitten, Kleiderordnungen und implizite Hierarchien – kurzum das Geflecht aus Werten, Normen und Verhaltensweisen, das Interaktion erst ermöglicht.
Dieser Prozess der frühkindlichen Prägung ist von einer kaum zu überschätzenden Tiefenwirkung. Die Märchen der Gebrüder Grimm etwa sind nicht bloß Unterhaltung; sie transportieren narrative Chiffren, die fundamentale moralische Konzepte und Weltdeutungen in das kindliche Bewusstsein einpflanzen. Sie bilden den Code, der die Beziehung zur Welt, zu Gut und Böse, zu Heldentum und Opferbereitschaft initialisiert. Mögen sich diese Erzählungen im Detail auch erheblich von den Geschichten anderer Kulturkreise unterscheiden, erfüllen sie doch überall dieselbe Funktion: Sie stiften Sinn und geben Orientierung.
Diese Prägung erweist sich von einer erstaunlichen Persistenz. Selbst in hohem Alter oder in Extremsituationen gibt sie dem Menschen Halt. In der sozialen Arbeit mit alten Menschen zeigt sich immer wieder, dass bei kognitivem Abbau die zuletzt erworbenen Informationen rasch verblassen, während die frühkindlichen Prägungen des Betriebssystems am längsten erhalten bleiben. Die Vertrautheit mit den Geschichten und Liedern der eigenen Kindheit wirkt dann wie ein letzter Anker in einer entgleitenden Welt – ein ergreifendes Zeugnis für die Macht dieser kulturellen Software. Man kann sich ihr Zeit seines Lebens nicht mehr vollständig entledigen: Sie ist der unhintergehbare Kern der Identität, das „Volk“ im Individuum.
Die Homogenität
Kultur als gesamtgesellschaftliches Betriebssystem ist nur dann dauerhaft stabil und leistungsfähig, wenn es möglichst vollständig und fehlerfrei auf den einzelnen Kulturträgern – den Menschen – installiert ist. Von diesem Grundsatz her gedacht bildet eine weitgehende kulturelle Homogenität das Fundament jeder Gesellschaft mit hoher innerer Stabilität und Zufriedenheit.
Anschauungsbeispiele für dieses Prinzip finden sich etwa bei den Amischen, deren Vorfahren im 17. und 18. Jahrhundert aus dem deutschsprachigen Raum in die USA auswanderten und die heute eine im US-Vergleich beispiellose Demografie aufweisen – eine amische Frau bringt im Durchschnitt sechs bis neun Kinder zur Welt. Ein ähnlich prägnantes Beispiel für eine stark ethnozentrisch und geschlossen organisierte Gemeinschaft bieten die orthodoxen Chabad-Lubawitscher, deren Geburtenraten mit durchschnittlich sechs bis zehn Kindern selbst im jüdischen Gesamtdurchschnitt eine Ausnahmeerscheinung darstellen. Beide Gemeinschaften zeichnen sich nicht nur durch eine weit überdurchschnittliche Fertilität aus, sondern auch durch ein streng auf der gemeinsamen Religion und Tradition basierendem Gefüge. In Befragungen verzeichnen sie extrem geringe Aussteigerquoten sowie Werte der Gesamtzufriedenheit, die in jedem Zufriedenheitsindex Spitzenplätze einnehmen würden.
Es liegt nahe, dass ihre außerordentliche kulturelle Homogenität in einer positiven Korrelation zur gemessenen Zufriedenheit und Gruppenvitalität steht. Denn erst sie garantiert die Voraussetzung für hohes gegenseitiges Vertrauen, für ungebrochen geteilte Selbstverständlichkeiten und für eine gemeinsame Sprache des Sozialen wie des Politischen. Kulturelle Homogenität ist dabei kein starrer, schreibgeschützter Zustand, sondern ein lebendiger, in wiederkehrenden Ritualen und Brauchtümern stetig erneuerter Prozess der kollektiven Selbstvergewisserung. Sie bildet das, was Carl Schmitt als den „substantiellen Kern“ einer politischen Einheit bestimmte.
Die Inkompatibilität
Doch Kultur ist kein erstarrtes Gefüge. Von ihren menschlichen Trägern aktiv gelebt, erweist sie sich als lebendiger Fluss ständiger Entwicklung. So kann sie nicht nur zwischenmenschlich einendes Band, sondern ebenso trennendes Element sein.
Nimmt eine Gesellschaft etwa eine kritische Masse an Kulturträgern fremder Prägung auf, deren Code nicht auf das bestehende Betriebssystem abgestimmt und somit nicht mit ihm kompatibel ist, kann es zur Herausbildung von raumfremden Parallelkulturen kommen – mit allen Begleiterscheinungen sozialer Verwerfungen bis schlimmstenfalls hin zu blutigen Disruptionen. Wenn die Folgen dieser Inkompatibilitäten dann im öffentlichen Raum sichtbar werden, offenbart sich die Tragweite des Systemfehlers: Die eingeübten Reaktionen des politisch-medialen Establishments beschränken sich meist auf ritualisierte Beileidsbekundungen und formelhafte Beschwörungen einer „freien und weltoffenen Gesellschaft“. Dabei wird verkannt, dass die Erosion der inneren Sicherheit nicht das zufällige Resultat einzelner Betriebsunfälle ist, sondern die direkte Folge einer Politik, die den schützenden kulturellen Rahmen einer High-Trust-Society zugunsten eines ungesteuerten Universalismus aufgegeben hat.
Die Hegemonie
Die erwähnten Parallelstrukturen sind also keineswegs immer bloß „multikulturelle Bereicherungen“, wie es der naiv-hegemoniale Diskurs des Links-Liberalismus suggeriert. Sondern sie sind, in Anlehnung an Antonio Gramscis Analyse der kulturellen Hegemonie, mitunter eigenständige Machtblöcke, die schrittweise Teile des sozialen Raums besetzen. Die Entstehung solcher Parallelgesellschaften ist dann ein Vorgang der inneren Kolonisation, der die Souveränität des ursprünglichen Betriebssystems im eigenen Territorium schleichend untergräbt. Doch auch einheimische soziale Milieus neigen zur Ausdifferenzierung unterschiedlicher Habitusformen, aus denen sich Subkulturen mit ganz eigenen spezifischen Codes und Werten entwickeln. So unterscheidet sich etwa eine traditionelle Arbeiterkultur grundlegend von elitär-großbürgerlichen Milieus – eine Distanz, die nicht selten in gegenseitigem Unverständnis oder gar feindseliger Entfremdung mündet. All diese Differenzierung und Diversifizierung stellt die Integrationskraft des heimischen Betriebssystems auf eine harte Probe. Denn Subkulturen und Parallelkulturen sind keineswegs nur harmlose Ausdrucksformen individueller Entfaltung, sondern potenzielle Nährböden für die Erosion des geteilten kulturellen Kanons.
Die Deutungshoheit
Das macht Kultur zu einem eminent politischen Gegenstand und zum Ziel strategischer Interventionen. Ein historisch formal belegtes, wenngleich ethisch wie politisch hochkontroverses Beispiel hierfür sind die Deutschland nach 1945 seitens der alliierten Siegermächte unter Führung der USA aufgezwungenen Re-Education-Maßnahmen. Sie stellen den gezielten Versuch dar, das kulturelle Betriebssystem des besiegten Deutschland im Sinne der Siegermächte umzuprogrammieren – ein Eingriff, dessen Implikationen bis in die Gegenwart nachwirken.
Die Frage, wer die Erzählung kontrolliert und wer die Deutungshoheit über die zentralen Symbole und Mythen besitzt, ist somit eine der fundamentalsten Machtfragen überhaupt: Der Kampf um die kulturelle Erzählung ist stets ein Kampf um das Selbstverständnis und die Seele eines Volkes. Hierin liegt die unmittelbare Aktualität einer Kulturpolitik als Resilienzarchitektur.
Die Systempflege
Die imperative Schlussfolgerung lautet deshalb: Kulturpolitik ist kein nachgeordnetes Ressort, das lediglich über die Verteilung von Subventionen an Theater und Orchester entscheidet. Sie ist vielmehr die elementare Pflege der Systemarchitektur jenes Betriebssystems, das die soziale Resilienz unseres gesamten Gemeinwesens zu generieren hat. Wer die Kultur vernachlässigt, spart nicht nur am Ornament, sondern untergräbt das Fundament des sozialen Zusammenhalts. Ein Betriebssystem, das nicht mehr gewartet wird, wird instabil, anfällig für Viren und Abstürze.
Die vordringlichste Aufgabe der Kulturpolitik ist es daher, die Souveränität des eigenen kulturellen Codes zu bewahren und gegen innere wie äußere Zersetzung zu verteidigen. Dies erfordert eine bewusste Pflege jener Prinzipien und Hierarchien, die einer Kultur zugrunde liegen. Es erfordert den grundsätzlichen Vorrang des Kollektiven vor dem Individuellen und der Verbindlichkeit vor der Beliebigkeit. Dabei gilt es nicht nur, Viren und Fehlercodes zu beseitigen, die das Betriebssystem in den vergangenen Jahrzehnten politischer Fehlentwicklung befallen haben, sondern vor allem die Bedingungen zu schaffen, unter denen die eigene kulturelle Prägung wieder aufleben und zukunftsfähig bleiben kann. Denn das Ziel ist nicht die nostalgische Restauration einer vergangenen Welt, sondern ein funktionales Update – nicht die sentimentale Flucht ins Gestern, sondern eine evolutionäre Entwicklung zum Schutz des unerschütterlichen Fundaments.
Die Leitkultur
Das bedeutet aber auch, dass man sich der längst überfälligen Debatte zur Durchsetzung einer deutschen Leitkultur stellen muss – ohne reflexartig in eine lähmende, weil negativ dominierte Selbstwahrnehmung zu verfallen, wie sie nicht zuletzt aus der von der Frankfurter Schule geprägten intellektuellen Hegemonie der Nachkriegszeit erwachsen ist. Im Gegenteil erfordert dies die affirmative Bejahung des eigenen Erbes: nicht aus dumpfem Nationalismus, sondern aus dem nüchternen Wissen um die Notwendigkeit eines starken, einheitlichen Fundaments für jedes prosperierende und friedliche Gemeinwesen. Ein Volk, das seine eigene Geschichte nicht mehr erzählt und seine eigenen Mythen nicht mehr pflegt, wird sich früher oder später von fremden Mächten seine Geschichte – und damit seine Zukunft – diktieren lassen müssen.
Das Fazit
Kultur ist kein Luxus. Sie ist die Software, die den Menschen zum sozialen Wesen macht. Sie ist die Sprache, in der eine Nation mit sich selbst spricht. Wer an diesem Betriebssystem rührt, greift an den Kern des gesellschaftlichen Seins. Es ist an der Zeit, diese fundamentale Wahrheit wieder ins Zentrum des politischen Handelns zu rücken – und den Kulturbegriff von seiner seichten Bedeutung zu befreien, um ihn in seiner ganzen, existentiellen Wucht zu begreifen.








