Der Westen stirbt nicht an toxischer Männlichkeit. Er stirbt an toxischer „Weiblichkeit“

(David Berger) Jahrzehntelang hat der neue Feminismus dem Westen eingeredet, sein Problem sei der Mann: zu aggressiv, zu dominant, zu hierarchisch, zu wenig empathisch – kurz: zu viel Testosteron, das angeblich toxische Männlichkeit hervorrufe. Inzwischen zeigt sich das Gegenteil. Eine degenerierende Gesellschaft, die Wehrhaftigkeit durch Empfindsamkeit, Urteilskraft durch Empathie und Selbstbehauptung durch grenzenlose Inklusion ersetzt, wird nicht menschlicher. Sie wird wehrlos. Der Skandal um die Erzbischöfin von Canterbury liefert dafür das perfekte Symbol.

Immer öfter übertrifft in unserer armseligen Gegenwart die Wirklichkeit jede Satire. Am 11. September 2026, auf den Tag genau 25 Jahre nach den islamistischen Anschlägen auf New York und Washington, zeichnete die Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally, Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi für seine Verdienste um „Versöhnung und interreligiöse Zusammenarbeit“ aus. Ausgerechnet Ashrafi hatte 2007 angekündigt, der Pakistan Ulema Council wolle Osama bin Laden den Titel „Saifullah“, „Schwert Gottes“, verleihen. Anlass war der britische Ritterschlag für Salman Rushdie. Bin Laden sollte für seinen Kampf gegen „Ungläubige“ geehrt werden. Und diesen Mann zeichnete die Church of England ausgerechnet am 11. September (!) für interreligiösen Dialog aus. Nach öffentlicher Kritik wurde der Preis zurückgenommen. Damit schien der unmittelbare Skandal erledigt, nicht aber die entscheidende Frage: Welche Mentalität muss in einer westlichen Institution herrschen, damit eine solche Preisverleihung überhaupt möglich wird?

Die Antwort führt zu einer Lebenslüge unserer Zeit. Seit Jahrzehnten wird dem Westen erzählt, er leide unter „toxischer Männlichkeit“: zu viel Härte, Konkurrenz, Dominanz, Hierarchie, Kampfgeist und Testosteron. Angesichts von Canterbury möchte man antworten: Schön wär’s. Denn das Problem des gegenwärtigen Westens ist längst nicht mehr ein Überschuss an männlicher Selbstbehauptung, sondern die Angst vor ihr. Der neue Feminismus hat nicht nur gleiche Rechte für Frauen gefordert. Er hat Eigenschaften unter moralischen Generalverdacht gestellt, weil sie traditionell als männlich gelten: Härte, Konkurrenzfähigkeit, Risikobereitschaft, Autorität, ritterliches Schutzbedürfnis für die Schwächeren, Durchsetzungsvermögen und die Bereitschaft, im Konflikt nicht sofort zurückzuweichen.

Jede dieser Eigenschaften kann entarten. Mut kann zur Tollkühnheit, Autorität zur Tyrannei und Durchsetzungsvermögen zur Rücksichtslosigkeit werden. Aber auch Empathie kann entarten, Fürsorge krankhaft und Friedfertigkeit feige werden. Nur wird darüber kaum gesprochen. Wir kennen endlose Debatten über toxische Männlichkeit. Es wird Zeit, über toxische Weiblichkeit zu sprechen.

Eine Kultur auf Östrogen

Damit sind nicht Frauen generell gemeint, sondern eine politische Moral, die weiblich konnotierte Verhaltensweisen absolut setzt und ihr männliches Korrektiv beseitigt: Empathie ohne Urteilskraft, Fürsorge ohne Grenze, Inklusion ohne Gegenseitigkeit und Friedfertigkeit ohne Selbsterhaltungstrieb. Man könnte es noch provokanter sagen: Der Westen leidet nicht an zu viel Testosteron. Er leidet an einer kulturellen Überdosis Östrogen. Der großartige Bernhard Lassahn hat einen entscheidenden Unterschied bereits vor Jahren auf eine denkbar knappe Formel gebracht: „Nicht die Frau ist feministisch, sondern die Situation, in der sie lebt.“ Genau darum geht es auch bei der Rede von toxischer Weiblichkeit. Nicht Weiblichkeit genrell ist toxisch, und schon gar nicht „die Frau“. Toxisch wird eine gesellschaftliche Ordnung, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen systematisch belohnt und deren notwendiges Gegenstück moralisch ächtet. Lassahn ging noch einen Schritt weiter: Der Feminismus gehe „von der Verallgemeinerung aus, nicht vom Besonderen“, und genau das mache ihn „lieblos“; er gehe „vom Vorurteil aus, nicht vom Urteil“.

Das trifft einen Kern des neuen Feminismus. Er hat aus der teilweise berechtigten Kritik konkreter Ungerechtigkeiten eine allgemeine Verdachtslehre gemacht. Nicht mehr ein bestimmter Mann handelt ungerecht, sondern „Männlichkeit“ selbst wird problematisch; nicht eine konkrete Form von Herrschaft wird kritisiert, sondern „Patriarchat“ wird zur allgegenwärtigen Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse. Am Ende stehen nicht mehr Personen und ihre Handlungen zur Debatte, sondern ganze Kategorien menschlichen Verhaltens.

Der neue Feminismus hat das natürliche Gleichgewicht verschoben. Der Mann sollte lernen, seine Aggression zu beherrschen. Richtig. Daraus wurde allmählich der Verdacht gegen männliche Durchsetzungsfähigkeit überhaupt. Männer sollten Gefühle zeigen dürfen. Daraus entstand das Ideal eines therapeutisierten Mannes, der permanent seine Rollenbilder, Privilegien und „toxischen Verhaltensmuster“ spätestens ab der Grundschule reflektieren muss. Aus dem Gentleman wurde der Teilnehmer am Sensibilisierungsworkshop, aus dem er am besten bereit für eine Geschlechtsumwandlung entlassen wird. Während er dort noch seine Mikroaggressionen analysiert, trifft seine Gesellschaft auf Kulturen und Ideologien, die von der Pflicht zur permanenten Selbstrelativierung noch nie etwas gehört haben.

Diese therapeutische Anthropologie prägt inzwischen nahezu sämtliche Institutionen des Westens. Staaten sollen nicht abgrenzen, sondern aufnehmen, Schulen weniger fordern als auffangen, Kirchen nicht mehr urteilen, sondern begleiten, Politiker nicht führen, sondern moderieren. Autorität gilt als verdächtig, Grenzen bedürfen einer moralischen Rechtfertigung, Härte wird zum Charakterfehler. Die Leitbegriffe lauten zuhören, verstehen, sensibilisieren, einbeziehen und abholen. Und wenn der andere – die PP-Leser wissen, wer der andere ist – dieses Entgegenkommen als Schwäche versteht, sollen wir ihn offenbar noch besser verstehen.

Deshalb ist Canterbury ein so treffendes Symbol. Hier begegnet eine feminisierte westliche Institution einer Religion, deren traditionelle Strömungen mit Kategorien operieren, die der Westen seit Jahrzehnten dekonstruiert: Autorität, Gehorsam, religiöse Gewissheit, Hierarchie, Ehre und patriarchalische Ordnung. Gegenüber der eigenen christlichen Tradition können westliche Kirchen erstaunliche Härte entwickeln. Patriarchale Strukturen werden bekämpft, traditionelle Sexualmoral überwunden, die eigene Geschichte einer endlosen masochistisch-moralischen Prüfung unterzogen. Sobald aber der Islam ins Spiel kommt, verwandelt sich dieselbe Institution in eine therapeutische Gesprächsgruppe. Nun wird zugehört, gewürdigt und ausgezeichnet – notfalls sogar am 11. September.

Michel Houellebecq hat diese Mechanik verstanden. Deshalb heißt sein Roman nicht „Eroberung“, sondern „Unterwerfung“. Die entscheidende Frage lautet nicht, warum der Islam so stark ist, sondern warum der Westen so schwach geworden ist. Niemand zwang die Church of England, Ashrafi auszuzeichnen. Niemand stand mit dem Schwert vor Lambeth Palace. Die Unterwerfung erfolgt freiwillig. Sie kommt mit einem freundlichen Prevostschen Lächeln daher, trägt das Namensschild „interreligiöser Dialog“ und fühlt sich dabei moralisch überlegen. Darin zeigt sich zugleich die narzisstische Seite grenzenloser Empathie. Der Angehörige der westlichen Funktionselite möchte sich als tolerant, weltoffen und vorurteilsfrei erleben. Der Fremde wird so zur Requisite der eigenen moralischen Selbstinszenierung. Je größer die kulturelle Distanz, desto eindrucksvoller lässt sich die eigene Toleranz demonstrieren. Ob sie erwidert wird, interessiert kaum. So entsteht eine eigentümliche Co-Abhängigkeit: Der eine beharrt selbstbewusst auf seiner Religion, seiner Kultur und seinen Interessen; der andere beweist seine moralische Überlegenheit dadurch, dass er die eigenen immer weiter relativiert.

Der Westen braucht wieder männliche Tugenden

Eine solche Gesellschaft braucht tatsächlich mehr Testosteron. Sie braucht Mut, Risikobereitschaft, Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen. Sie braucht Männer, besonders Väter, die eine Grenze ziehen und ein Nein aussprechen können, ohne anschließend einen Stuhlkreis einzuberufen. Das bedeutet weder Machismo noch einen Kult der Gewalt. Die klassische christliche Tradition wusste sehr genau zwischen gerechter und ungerechter Aggression zu unterscheiden. Thomas von Aquin räumt selbst dem Zorn einen legitimen Platz ein, wenn er der Vernunft folgt und sich gegen Unrecht richtet. Eine Gesellschaft, die angesichts des Bösen keinen Zorn mehr kennt, ist nicht moralisch überlegen. Sie ist sediert und dem Untergang geweiht. Das Christentum fordert Barmherzigkeit, aber keine Dummheit. Feindesliebe bedeutet nicht, den Feind zum Friedenspreisträger zu erklären. Nächstenliebe bedeutet nicht, jeden Anspruch des Nächsten zu erfüllen, und Friedfertigkeit ist nicht Feigheit. Caritas braucht eine hierarchische Ordnung und Veritas. Ohne Wahrheit wird Barmherzigkeit sentimental, ohne Gerechtigkeit wird Mitgefühl ungerecht und ohne Klugheit wird Offenheit zur Einladung an den Rücksichtsloseren.

Der Westen braucht deshalb wieder Männer – und männliche Tugenden. Männer, die Verantwortung übernehmen, führen und schützen können, die ein Nein aussprechen, ohne sich dafür zu entschuldigen, und die Schwächere gerade deshalb verteidigen können, weil sie gelernt haben, stark zu sein. Ebenso braucht eine Zivilisation Fürsorge, Geduld, Empathie und Bindungsfähigkeit. Ohne sie wäre sie kalt und barbarisch. Doch eine Gesellschaft, die nur noch diese Seite gelten lässt und ihr männliches Korrektiv moralisch kastriert, wird wehrlos. Darin besteht die toxische Weiblichkeit unserer Zeit: nicht in echter Weiblichkeit selbst, sondern in ihrer ideologischen Verabsolutierung einer die Frau letztlich demütigenden Karikatur des Frauseins. Der alte Feminismus wollte Frauen von ungerechter Bevormundung befreien. Der neue Feminismus ist dabei, eine ganze Zivilisation mit Hilfe eines komplett das wahre Bild der Frau entstellenden Stereotyps zu domestizieren.

Und so stehen wir 25 Jahre nach 9/11 vor einem Bild von fast literarischer Perfektion, das alles sagt und das inzwischen unter traditionellen Katholiken jedes mal vorgezogen wird, wenn wieder die abstruse Forderung nach einer Priesterweihe für Frauen erhoben wird: Die Erz“bischöfin“ von Canterbury zeichnet am Jahrestag des islamistischen Massenmordes einen muslimischen Geistlichen für „interreligiöse Verständigung“ aus, der Osama bin Laden einst zum „Schwert Gottes“ erheben wollte. Auf den Bildern der Preisverleihung erscheint Ashrafi mit seiner Familie: seine Frau vollständig verhüllt, seine Tochter weitgehend verschleiert. Ausgerechnet diese Szenerie wird unter dem Signum von Dialog, Fortschritt und Verständigung präsentiert – von einer Kirche, die sich zugleich gern als Vorkämpferin weiblicher Selbstbestimmung dort versteht, wo sie sich gegen die Lehre Jesu vom Priestertum selbst positioniert. Der Preis wurde zurückgenommen. Die Mentalität, die seine Verleihung möglich machte, ist geblieben.

Der Westen stirbt nicht an toxischer Männlichkeit. Ganz im Gegenteil. Sein Problem ist eine toxisch gewordene Pseudo-Weiblichkeit, die bipolare Empathie über Urteilskraft, ideologische Inklusion über Grenzen und das gute Gefühl über den Selbsterhaltungstrieb stellt. Nicht zu viel Testosteron ist unser Problem. Unser Problem ist eine Zivilisation, die sich dafür schämt, welches zu besitzen.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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