Volkslied Reloaded – KI, Kulturkampf und Heimatlieder

KI komponiert Volkslieder neu, konservative Kultur trifft auf Synthesizer-Sounds – und dahinter steht kein Musikprojekt im klassischen Sinne, sondern eine politische Medienstrategie. Im Gespräch mit Ed Piper erklärt Initiator Alexander Kleine, warum er traditionelle Heimatlieder mit Künstlicher Intelligenz neu interpretiert, weshalb er die deutsche Kulturszene für zu angepasst hält und warum er überzeugt ist, dass gerade Kultur im politischen Ringen eine entscheidende Rolle spielt.

Als ich eines Abends auf YouTube herumklicke, um Musik zu hören, wird mir ein Lied der Musikgruppe „Die Fiedel“ vorgeschlagen: „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ – dazu ist dann da noch „Goethe (New Wave Edit)“ zu lesen.

Das klingt nach einer potenziell interessanten Interpretation, also klicke ich drauf, und tatsächlich, so schlecht hört sich das gar nicht an. Zwar ist die Melodie des alten Liedes nicht mehr vorhanden – sie wurde komplett durch Synthesizer-Rhythmen ersetzt, was schade ist, aber immerhin ist das mal was Neues. Kurzum, man kann es sich anhören. – Und weil diese Gruppe nun schon über 50 solcher Lieder online gestellt hat und ich ja hin und wieder ganz gerne mal zu kulturellen Themen berichte, beschließe ich anzufragen, was es denn mit dieser „Fiedel“ auf sich hat. Schon kurze Zeit später befinde ich mich im Gespräch mit einem freundlichen jungen Herrn namens Alexander Kleine. Der trägt einen imposanten langen Bart und sieht damit recht urig aus – aber er ist ganz und gar nicht grimmig, sondern äußerst gut gelaunt und gibt erfreulich offen Auskunft über das Projekt.

Piper: Hallo Herr Kleine, ich interessiere mich für Ihre Musikgruppe „Die Fiedel“. Was hat es denn damit auf sich? Wie viele Mitglieder hat denn diese Gruppe, oder machen Sie das alles ganz alleine?

Kleine: Weder noch. Um ehrlich zu sein gibt es gar keine Gruppe. Denn das Ganze ist ein KI-Projekt. Und mit dessen Umsetzung habe ich einen Mitarbeiter betraut. Ich mache zwar die Endabnahme, habe aber was die Vorauswahl der Lieder und die technische Umsetzung anbelangt, mit der Produktion nichts mehr zu tun.

Piper: Das klingt ja sehr ungewöhnlich ..

Kleine: So ungewöhnlich ist das doch gar nicht. Ich hatte die Idee für das Projekt, dann haben wir ein Konzept ausgearbeitet und uns an die Umsetzung gemacht. Ich persönlich habe jetzt damit höchstens noch in puncto Rechtebeschaffung zu tun – also Rechteinhaber anschreiben, Rechte einkaufen – und dann vor allem bei der Freigabe. Zwar muss mir nicht jedes Lied persönlich super gut gefallen, aber ein gewisser Qualitätsstandard soll halt gewahrt bleiben. Mein Ziel ist dabei, dass die Lieder für möglichst viele Leute hörbar sind. Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einer bunt gewürfelten Truppe im Auto unterwegs, dann sollen alle gut damit leben können, wenn so was im Radio läuft. – Ein Bandprojekt im üblichen Sinne ist es also nicht.

Piper: Wenn ich das recht verstehe, hört sich das nach einem Agentur-Hintergrund an?

Kleine: Ja, genau, ich betreibe eine Full-Stack-Medienagentur, ganz klassisch. Das heißt, von der Visitenkarte bis zur kompletten Kampagne decken wir alles ab, was im Marketing anfällt. Jedoch hat sich bei uns mit der Zeit ein politischer Schwerpunkt herausgebildet, was daran liegt, dass ich früher als Student Aktivist bei der Identitären Bewegung war. – Zwar betreuen wir natürlich auch einige komplett unpolitische Kunden, aber politische Kampagnen zu erarbeiten macht mir persönlich einfach am meisten Spaß.

Piper: Und wie kommt man jetzt von der Agentur zum Musikprojekt?

Kleine: Wir betreiben relativ viele Formate, bei denen wir auf Musik angewiesen sind – beispielsweise SocialMedia-Memes, bei dem man als Nutzer erwartet, dass beim Aufrufen im Hintergrund des Postings Musik läuft. Gleichzeitig müssen wir aber als Gewerbetreibende darauf achten, nicht wegen kommerzieller Nutzung lizenzierter Musik abgemahnt zu werden. Wir können uns also nicht einfach irgendwelche Stücke fremder Musiker aus dem Internet klauen. Also habe ich letztes Jahr angefangen, Künstler zu kontaktieren und zu fragen, ob sie mir Musik für unsere Edits produzieren können. Aber das kam, obwohl ich durchaus großzügige Angebote machte, leider nie zustande. Und so kam ich halt auf die Idee, einfach KI-Programme zu nutzen, und damit selber was zu machen.

Piper: Interessant. Und wie ist Ihr persönlicher Zugang zu diesem ganzen kreativen Treiben? Haben Sie bspw. Design studiert oder kommen Sie eher aus der betriebswirtschaftlichen Richtung?

Kleine: Ich habe ursprünglich BWL studiert, was ja eine ganz gute Grundlage ist, um eine Medienagentur zu gründen. – Die betreibe ich jetzt schon so lange, dass ich dadurch ganz automatisch mit kreativen Leuten zu tun habe, die zeichnen, Musik machen oder sich für andere Kunstformen interessieren.

Piper: Ok, Sie selbst sind kein Künstler, aber so ganz ohne Interesse an Kunst und Kultur kann man doch so etwas auch nicht machen ..

Kleine: Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich bin Sachse, da liegt einem das vermutlich im Blut. Und damit meine ich gar nicht mal, dass ich selber gerne Holzkunst schnitze oder schon seit Kindertagen an von Ölmalerei fasziniert bin. Uns wird hier quasi Weltkultur vor die Füße gelegt. Menschen reisen extra aus Japan an, um sich in der Dresdner Semperoper etwas anzuhören – die habe ich schon als Kind mit der Schulklasse besucht. Man wächst hier fast automatisch mit Hochkultur auf. Wenn man so aufwächst, fällt es eher schwer, sich nicht für künstlerische Dinge und für unsere Kultur zu interessieren.

Piper: Dann kommen wir noch einmal auf Ihr Musikprojekt zu sprechen. Sie verarbeiten da ja etliche sehr alte Quellen. Glauben Sie, dass so etwas heutzutage noch zeitgemäß sein kann?

Kleine: Ich war neulich mit meiner Tochter beim Schulabschlussfest der Grundschule. Dort wurde unter anderem Musik von Shirin David und Ski Aggu gespielt – und ich bin wirklich nicht verklemmt, aber ich weigere mich zu akzeptieren, dass so etwas für zehnjährige Grundschüler zeitgemäß sein soll. Dann schon lieber ein paar mit elektronischen Rhythmen versehene alte Volkslieder.

Piper: Sie haben ja eingangs schon geschildert, dass es kaum möglich war, Musiker für Ihre Idee begeistern zu können. Glauben Sie, dass Künstler unserer Tage zu ängstlich sind, um vom vermeintlich links-progressiv dominierten Zeitgeist auszuscheren?

Kleine: Mir ist bewusst, dass Kunst zu einem gewissen Grad immer von der herrschenden Meinung und Ideologie abhängig ist – das war historisch immer so. Aber wir schreiben das Jahr 2026, in dem sich der reichste Mann der Welt und der auf dem Papier mächtigste Mann der Welt tendenziell politisch in unsere Richtung positionieren. Da sehe ich keinen Grund, warum Künstler dahinter zurückstehen sollten.

Piper: Sind die Künstler anderer Meinung oder einfach nur zu ängstlich?

Kleine: Das kann ich nicht sagen. Aber meiner Meinung nach lebt Kunst auch davon, gesellschaftliche Spannungen aufzugreifen und über ihre Werke zu verarbeiten. Und, ganz ehrlich, die Themen, die zu bundesweit 30% AfD führen – in einigen Bundesländern sogar 40% – erlebe ich derzeit im Kunstbetrieb nicht. Stattdessen haben wir mittlerweile sogar OnlyFans Creatorinnen, die in ihren SocialMedia Nachrichten nach rechtsaußen blinken und prominente MMA-Kämpfer, die zu rechter Musik in den Ring einlaufen.

Piper: Also sind Künstler zu ängstlich?

Kleine: Ich kann mich da nicht so pauschal festlegen. Aber ja, ich nehme an, dass sich viele Kulturschaffende aus Angst vor der Cancel Culture vorauseilend selbst zensieren. Ich will das nicht klein reden, diese Cancel Culture war lange Zeit sehr stark und konnte tatsächlich Karrieren ruinieren. Aber nun verliert sie schon seit etwa zwei Jahren spürbar an Kraft. – Spätestens mit der zweiten Trump-Wahl begann die gesellschaftliche Stimmung, sich merklich zu verschieben. Zwar braucht es auch heute noch etwas Mut, um als Künstler rechte Musik zu machen, aber das ist lange nicht mehr so dramatisch wie früher. Und mittlerweile lässt sich damit sogar ordentlich Geld verdienen. Mein Tipp an talentierte junge Musiker wäre deshalb, genau jetzt mit rechten Musikprojekten zu starten. – Insgesamt braucht die deutsche Kulturlandschaft meiner Meinung nach ein bisschen mehr Theodor Körner und etwas weniger Mark Forster, dann geht es wieder voran.

Piper: Wie hat denn das konservative Milieu auf Ihre KI-Produktionen reagiert? Es wundert mich ehrlich gesagt, dass diese KI-Sache doch so gut angenommen wird ..

Kleine: Ja, das war anfangs tatsächlich ein Thema. „Ist das noch Kunst“? – Da mussten wir einige Kritik aus den eigenen Reihen einstecken. Doch inzwischen, wo sich so langsam der Erfolg einstellt, wird die Kritik schon deutlich weniger. – Ich habe neulich mal gelesen, dass über 90% der Menschen nicht unterscheiden können, ob ein Lied von einer KI stammt oder nicht. Falls das stimmen sollte, wäre es natürlich dramatisch. Aber mal abgesehen davon gibt es uns doch Recht damit, jetzt technikoffen voranzugehen und uns mit neuen Produktionsbedingungen anzufreunden. Denn wenn die Entwicklung so weiter gehen sollte, wird es für die breite Masse an Kulturschaffenden, die unterhaltsamen Durchschnitt produzieren, bald sehr eng im Markt. Das trifft dann vermutlich nicht auf Ausnahmetalente und klassische Musiker zu. Aber gerade Musik, die nebenbei läuft, wenn man im Auto fährt oder wenn man sich irgendwelche SocialMedia Beiträge anschaut, wird künftig vermutlich nicht mehr aufwändig von Musikern im Studio eingespielt.

Piper: Das wären ja dann eher so semi-rosige Aussichten für den Kulturbetrieb. Apropos, würden Sie sich wünschen, dass sich die AfD hier stärker engagiert? Sollte man da also sagen „Hör mal, liebe AfD, tu mehr für die Kultur und finanziere Kulturprojekte, damit dieser Bereich mitwachsen kann“?

Kleine: Natürlich würde ich mir wünschen, dass sich die Partei hier aktiver zeigt, zumal das ja auch sehr klug wäre. Man muss nur mal nach links schauen – dort geschieht das systematisch, was ja der richtige Weg ist. Aber auch wenn das bei uns nicht der Fall ist, müssen wir doch trotzdem weiter machen. Denn die persönliche Motivation hat doch nichts mit irgendwelchen Parteien zu tun. – Wir bewegen uns ja hier eher im Bereich Propagandakunst. Und da geht es nicht in erster Linie ums Geld: Die Musik muss ihren Zweck erfüllen. Oder allgemeiner: Wir wollen hier Kulturbeiträge schaffen, die politisch nutzbar sind. Und wenn wir das gut machen, dann setzt es sich hoffentlich auch ohne äußere Finanzierung durch.

Piper: Ist das nicht etwas sehr idealistisch gedacht?

Kleine: Mag sein. Aber ich sehe mich auch nicht als Künstler. Und ich glaube, dass man Künstler und Kulturschaffende grundsätzlich auch in die Pflicht nehmen sollte, ihre Arbeiten selber zu vermarkten. – Wenn Künstler wenigstens ein Stück weit auch mehr Unternehmer werden oder zumindest ein Gefühl für ihre eigene Vermarktung entwickeln, sind sie auch weniger auf Unterstützung von Parteien oder vom Staat angewiesen.

Piper: Was diese Eigenvermarktung anbelangt, hatte ich gerade in Gesprächen mit ausländischen Künstlern schon häufiger den Eindruck, dass sich deutsche Künstler hier besonders widerspenstig zeigen und dass hierzulande die Grenze zwischen angewandter und freier Kunst ganz besonders strikt gezogen wird.

Kleine: Ich finde diese ganze Debatte darüber, was Kunst „ist“ absolut zweitrangig. Entscheidend ist für mich nur, ob etwas in den Menschen ausgelöst wird. Darum finde ich auch diese ganze Kunst-Debatte, die aktuell im rechten Lager von bestimmten Magazinen geführt wird, viel zu abgehoben und fern von dem, was wir eigentlich erreichen wollen. Es mag sein, dass ich das sehr pragmatisch sehe, weil ich vom Marketing her komme. Aber entscheidend ist für mich, dass Kunst – in welcher Form auch immer – funktioniert. Sie muss es schaffen, Menschen in eine gewünschte Verfassung zu versetzen, sie muss etwas kommunizieren, vermitteln. – Das ist vermutlich eines der wenigen Dinge, die man sich beim Kommunismus abschauen kann: Dort galt die weit verbreitete Auffassung „Kunst ist Waffe“. Und wenn wir uns in scheinbar unlösbaren Krisensituationen befinden, sollten wir jeden Strohhalm ergreifen, den wir finden können. Darum muss unsere Musik einfach nur funktionieren.

Piper: Apropos funktionieren, haben Sie denn wirklich gar kein schlechtes Gewissen, wenn Sie all diese schönen alten Lieder hernehmen und die Musik komplett verändern? Immerhin bleiben bei Ihnen ja wirklich nur die Texte erhalten, aber all die Melodien – die ja die ursprüngliche Musik ausmachen – gehen verloren.

Kleine (Foto l.): Ich verstehe die Kritik. Aber ich glaube, dass wir aktuell leider nicht den Luxus haben, lange darüber nachzudenken. Denn die politische Gegenseite zeigt in sehr vielen Belangen absolut kein Gewissen. Da werden sogar Abtreibungen bis spät in der Schwangerschaft gerechtfertigt, Messerangriffe in Parks relativiert und massenhafte Vergewaltigungen und Zwangsprostitution unter den Teppich gekehrt: Angesichts dessen stellt sich für mich nicht die Frage, ob wir ein schlechtes Gewissen haben sollten, weil ein Lied nicht mehr wie im Original klingt. – Darum ganz ehrlich, ohne „die Fiedel“ würden nicht einmal die alten Texte noch überleben. Welcher 16-, 17- oder 18-Jährige würde sich denn ansonsten das Schlesierlied oder das Donauschwabenlied anhören? Erst durch Projekte wie „die Fiedel“ bekommen junge Leute die Möglichkeit, diese Lieder wieder für sich zu entdecken. Und was die musikalischen Arrangements anbelangt – ja, manchmal muss man leider Abstriche machen. Wichtiger als die Melodien zu retten ist meiner Meinung nach momentan, dass die inhaltliche Essenz dieser deutschen Heimatlieder erhalten bleibt. Und ich glaube, dass auch keiner der ursprünglichen Liedermacher etwas dagegen hätte, wenn man sie dazu befragen könnte. Denn gerade diese alten Heimatlieder – Schlesierlied, Donauschwabenlied und wie sie alle heißen – sind ja aus einem sehr patriotischen Geist heraus entstanden. Könnte man jetzt also mit einer Zeit-Maschine ins Jahr 1850 zurückreisen und diesen Menschen erklären, warum wir das heute tun und wie es gerade um unsere Heimat bestellt ist, würde vermutlich keiner von denen sagen: „Nein, bitte nicht.“

Im Gegenteil glaube ich, dass alle sagen würden:

„Macht, was ihr wollt, Hauptsache, das Land kommt wieder auf die Beine!“

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