(David Berger) Die Bundesregierung will als Reaktion auf angeblich russische hybride Angriffe den Vertrag über das Russische Haus in Berlin kündigen. Doch ausgerechnet in einer Situation, in der die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland immer gefährlicher eskalieren, auch noch eine der letzten kulturellen Brücken zwischen beiden Ländern einzureißen, ist ein schwerer Fehler. Zumal der Leipziger Drohnenfall, der nun zur Begründung der Maßnahme herhalten muss, keineswegs so eindeutig aufgeklärt ist, wie es die politischen Reaktionen vermuten lassen.
Es gehört zu den fatalen Begleiterscheinungen der gegenwärtigen Russlandpolitik, dass ausgerechnet in dem Augenblick, in dem Gesprächskanäle wichtiger wären denn je, einer nach dem anderen beseitigt wird. Außenminister Johann Wadephul und Innenminister Alexander Dobrindt haben nun angekündigt, neben der Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn auch den Vertrag über das Russische Haus in der Berliner Friedrichstraße zu kündigen. Das geschieht als Reaktion auf eine Reihe in ziemlich fahrlässiger Weise Russland zugeschriebener hybrider Angriffe und insbesondere vor dem Hintergrund des angeblichen Anschlagsversuchs auf eine ukrainische Antonow am Flughafen Leipzig/Halle.
Über diesen merkwürdigen Fall haben wir auf PP bereits ausführlich berichtet. Eine mit Sprengstoff präparierte Drohne soll Anfang August die ukrainische Transportmaschine getroffen haben, wobei der Sprengsatz nicht detonierte. Einer der Tatverdächtigen besitzt neben einem lettischen auch einen russischen Pass, und deutsche Sicherheitsbehörden gehen offenbar von einem russischen Hintergrund aus. Was bislang öffentlich fehlt, ist jedoch eine nachvollziehbare Beweiskette dafür, dass tatsächlich russische Staatsorgane den Anschlag angeordnet haben. Deshalb gilt weiterhin, was wir bereits zu diesem Fall festgestellt haben: Sollte sich eine russische Urheberschaft beweisen lassen, wäre das ein äußerst schwerwiegender Vorgang. Aber zuerst müssen die Beweise kommen und danach die politischen Konsequenzen – nicht umgekehrt. Umso befremdlicher ist es, wenn ein bislang keineswegs vollständig aufgeklärter Vorfall nun dazu dient, weitreichende Fakten in den deutsch-russischen Beziehungen zu schaffen.
Niemand muss sich dabei Illusionen über das Russische Haus machen. Es ist kein unabhängiger Berliner Kulturverein, sondern wird von der russischen Regierungsagentur Rossotrudnitschestwo betrieben, die seit 2022 auf der immer toxischere Früchte zeitigenden Sanktionsliste der Europäischen Union steht. Seit Jahren gibt es Vorwürfe russischer Propaganda und inzwischen auch Einschätzungen von Sicherheitsbehörden, wonach die Einrichtung von Nachrichtendiensten genutzt werde. Solche Vorwürfe müssen geprüft und gegebenenfalls mit rechtsstaatlichen Mitteln beantwortet werden. Wenn Mitarbeiter für einen Nachrichtendienst tätig sind, muss gegen diese Mitarbeiter vorgegangen werden; wenn gegen deutsches Recht verstoßen wird, müssen die zuständigen Behörden einschreiten. Das Russische Haus genießt schließlich keine diplomatische Unverletzlichkeit. Was daraus aber keineswegs zwingend folgt, ist die Notwendigkeit, eine ganze Institution des kulturellen Austauschs zu beseitigen.
Kultur gehört den Völkern, nicht den Regierungen
Denn ungeachtet seiner staatlichen Trägerschaft ist das Russische Haus über Jahrzehnte zu einem Bestandteil des Berliner Kulturlebens geworden. Dort geht es um Sprache, Literatur, Musik, Film und die Begegnung zwischen Menschen beider Länder. Das entspricht übrigens ausdrücklich dem ursprünglichen Zweck des deutsch-russischen Abkommens: Die Kulturzentren sollten die Zusammenarbeit durch Informationen und Aktivitäten in Kultur, Kunst, Sprache, Literatur, Bildung und Wissenschaft fördern. Man muss die russische Regierung nicht mögen, um zu begreifen, dass Russland mehr ist als seine jeweilige Regierung. Dostojewski ist nicht Putin, Tschaikowski nicht der Kreml und die russische Kultur kein Außenposten eines Geheimdienstes. Ebenso wenig gehört Goethe der Bundesregierung. Kultur gehört in einem tieferen Sinne überhaupt nicht den Regierungen, sondern den Völkern, die sie hervorgebracht haben, und zugleich all jenen Menschen, die sich von ihr ansprechen lassen.
Gerade Deutschland, besonders Berlin und Russland verbindet eine jahrhundertelange Geschichte, die neben furchtbaren Kriegen immer auch von einem außergewöhnlich intensiven geistigen und kulturellen Austausch geprägt war. Deutsche Wissenschaftler wirkten in Russland, russische Schriftsteller, Komponisten und Künstler prägten das deutsche Geistesleben. Deutsche lasen Tolstoi, Dostojewski und Solschenizyn, Russen Goethe, Schiller und Thomas Mann. Musik, Literatur, Wissenschaft und Religion schufen Verbindungen, die Kaiserreiche, Revolutionen, Diktaturen und politische Systeme überdauerten. Darin liegt gerade die besondere Bedeutung von Kultur. Sie ist nicht einfach ein dekorativer Annex der Außenpolitik, den man sich in friedlichen Zeiten leistet und bei politischen Spannungen als Erstes entsorgt. Im Gegenteil: Ihren eigentlichen politischen Wert entfaltet sie gerade dann, wenn die Politik an ihre Grenzen gelangt. Wo Regierungen kaum noch miteinander sprechen, können Bücher gelesen, Sprachen gelernt, Musik gehört und persönliche Beziehungen gepflegt werden. Auf dieser Ebene begegnen sich nicht mehr abstrakte geopolitische Blöcke, sondern Menschen.
Selbst während des Kalten Krieges wusste man, dass der kulturelle Austausch zwischen verfeindeten Machtblöcken nicht Schwäche bedeutete. Die Begegnung mit der Kultur des anderen konnte vielmehr gerade jene Totalisierung der Feindschaft verhindern, bei der aus dem politischen Gegner schließlich ein schlechthin feindliches Volk wird. Diese Unterscheidung ist heute vielleicht notwendiger denn je. Denn die gefährlichste Folge einer dauerhaften Konfrontation besteht nicht allein in Sanktionen, Aufrüstung und militärischen Zwischenfällen. Sie besteht auch darin, dass sich Gesellschaften daran gewöhnen, im Angehörigen des anderen Volkes nur noch den Feind zu sehen. Kultur durchbricht diese Logik. Wer Dostojewski liest oder Rachmaninow hört, begegnet nicht „dem Kreml“, sondern einer menschlichen Erfahrungswelt, die sich nicht auf die Politik des Jahres 2026 reduzieren lässt. Dasselbe gilt umgekehrt für einen Russen, der Goethe liest, Beethoven hört oder die deutsche Sprache lernt.
Gerade deshalb ist die inzwischen eingetretene Gegenreaktion Moskaus so bedauerlich wie vorhersehbar. Das Abkommen von 2011 regelte ausdrücklich sowohl die Tätigkeit des Russischen Hauses in Berlin als auch diejenige der Goethe-Institute in Russland. Nun hat Russland angekündigt, die Goethe-Institute in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg als Reaktion auf die deutschen Maßnahmen zu schließen. Damit lässt sich geradezu exemplarisch beobachten, wohin die Logik kultureller Vergeltung führt. Putin wird seinen politischen Kurs nicht ändern, weil in Berlin weniger russische Kultur vermittelt wird. Die Bundesregierung wird umgekehrt ihre außenpolitischen Ziele nicht dadurch erreichen, dass Russen künftig weniger Möglichkeiten haben, Deutsch zu lernen und deutsche Kultur kennenzulernen. Am Ende haben beide Seiten eine Brücke zerstört und niemand etwas gewonnen.
Aus deutschem und europäischem Interesse
Das ist umso kurzsichtiger, als niemand weiß, wie lange der Krieg in der Ukraine dauern wird, wohl aber feststeht, dass er eines Tages enden wird. Dann werden Deutschland und Russland wieder miteinander reden müssen. Russland wird schon aufgrund seiner Größe, seiner geographischen Lage und seines politischen und militärischen Gewichts nicht von der europäischen Landkarte verschwinden. Wer glaubt, eine europäische Friedensordnung könne dauerhaft darauf beruhen, Russland zu isolieren und möglichst alle Kontakte abzubrechen, verwechselt moralische Demonstration mit Außenpolitik.
Natürlich muss Deutschland russische Spionage und tatsächliche Sabotage entschieden bekämpfen. Aber gerade ein souveräner Staat sollte fähig sein, zwischen der Abwehr konkreter Gefahren und dem Abbruch kultureller Beziehungen zu unterscheiden. Wenn Agenten tätig werden, verfolgt man Agenten; wenn Anschläge verübt werden, verfolgt man die Täter. Man schließt deswegen nicht einen Ort, an dem Menschen eine Sprache lernen, Konzerte besuchen und Literatur kennenlernen. Noch bedenklicher wird dieser Schritt, wenn der politische Anlass ein Drohnenfall ist, dessen entscheidende Beweise die Öffentlichkeit bislang gar nicht kennt. Gerade wenn die möglichen Folgen bis zu einer direkten Konfrontation zwischen Deutschland und einer Atommacht reichen, ist Skepsis gegenüber nicht offengelegten Beweisketten keine „Kremlpropaganda“, sondern eine elementare Pflicht politischer Vernunft.
Die Bundesregierung sollte ihre Entscheidung deshalb überdenken – nicht aus Sympathie für Putin und nicht aus Naivität gegenüber russischen Geheimdiensten, sondern aus deutschem und europäischem Interesse. In einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland gefährlicher sind als seit Jahrzehnten, brauchen wir nicht weniger Möglichkeiten des Gesprächs, sondern mehr. Denn Brücken braucht man nicht dort, wo sich alle einig sind. Man braucht sie über Abgründen. Und der Abgrund zwischen Deutschland und Russland ist inzwischen tief genug.
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