(David Berger) Die ganze Welt kennt Rothenburg ob der Tauber als mittelalterliches Schmuckstück. Weniger bekannt ist das erstaunlich lebendige kulturelle Leben der fränkischen Kleinstadt. Gerade hier lässt sich beobachten, was die deutsche Provinz einmal auszeichnete und vielerorts noch immer auszeichnet: Kultur entsteht nicht erst dort, wo große Theater, Feuilletons und Kulturministerien sind. Sie wächst aus Geschichte, Bürgersinn, Vereinen, religiöser und örtlicher Bindung – und aus der Bereitschaft, das Empfangene weiterzugeben.
Wer Rothenburg ob der Tauber sagt, denkt an Stadtmauer und Fachwerk, an den Marktplatz, an Weihnachten und an Besucher aus aller Welt. Für viele Amerikaner und Japaner dürfte die fränkische Kleinstadt zu den wenigen deutschen Orten gehören, deren Namen ihnen schon vor ihrer ersten Deutschlandreise geläufig sind. Rothenburg ist längst zu einer Chiffre für das alte, ehrlich-schöne und bodenständige Deutschland geworden. Manche mögen darin bloß touristische Inszenierung sehen. Wer die Stadt etwas besser kennt, weiß, dass hinter dieser Kulisse noch immer ein erstaunliches Eigenleben existiert.
Das betrifft gerade die Kultur. Rothenburg besitzt heute kaum mehr als 11.000 Einwohner und dennoch eine kulturelle Dichte, die man einer Stadt dieser Größe nicht ohne weiteres zutrauen würde. Da gibt es die Hans-Sachs-Spiele, den historischen „Meistertrunk“, Museen, Konzerte, Vereine und seit 2008 das professionelle Toppler-Theater. Gespielt wird dort nicht in einem modernen Zweckbau, sondern im Nordhof des ehemaligen Dominikanerinnenklosters, unmittelbar an einem der ältesten Teile der Stadtmauer. Eine historische Treppe und die Mauer selbst gehören zum Bühnenraum. 138 Zuschauer finden Platz. Gerade ist die erfolgreichste Saison seit der Gründung zu Ende gegangen. Dass mit Peter Cahn, der 24 Jahre lang das Landestheater Dinkelsbühl leitete, 2028 ein ausgewiesener Theatermann die künstlerische Leitung übernehmen soll, ist ein schöner aktueller Anlass, auf dieses kulturelle Leben aufmerksam zu werden. Interessanter als die Personalie selbst ist aber die Frage, weshalb ein professionelles Theater in einer Kleinstadt wie Rothenburg überhaupt selbstverständlich erscheinen kann.
Die Antwort führt weit über Franken hinaus. Deutschland hatte kulturell nie sein Paris. Seine jahrhundertelange politische Zersplitterung, unter anderen Gesichtspunkten oft genug beklagt, erwies sich kulturell als ungeheuer fruchtbar. Residenzen und Reichsstädte, Bischofssitze und Universitätsstädte entwickelten eigene Theater, Orchester, Bibliotheken und Sammlungen. Später trat das selbstbewusste Bürgertum hinzu. Kultur konzentrierte sich nicht ausschließlich in einer Hauptstadt. Sie gehörte zur Stadt – auch zur kleinen. Bis heute begegnet man deshalb in Deutschland Theatern, Orchestern, Kirchen mit bedeutender Kirchenmusik, Bibliotheken und Museen an Orten, an denen Vergleichbares in stärker zentralistisch geprägten Ländern kaum vorstellbar wäre. Meiningen mit seinem Theater gehört ebenso in diese Geschichte wie Weimar, Bayreuth oder Dinkelsbühl. Nicht alles Große entstand in Großstädten. Und vieles, was eine Region kulturell prägte, entstand überhaupt nicht durch staatliche Planung, sondern durch Fürsten und Bischöfe, Pfarrer und Lehrer, Bürger, Vereine, Stifter und Mäzene.
Gerade diese Dezentralität gehört zu den großen Reichtümern Deutschlands. Sie erinnert daran, dass „Provinz“ ursprünglich kein kulturelles Schimpfwort sein muss. Provinziell kann eine Haltung sein; ein Ort muss es nicht sein. Man kann mitten in Berlin geistig provinziell leben und in einer fränkischen Kleinstadt an einer jahrhundertealten europäischen Kultur teilhaben. Rothenburg ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Die Besucher kommen wegen eines scheinbar konservierten Mittelalters. Hinter den Mauern aber wird gespielt, musiziert und Geschichte weitergegeben. Das Toppler-Theater ist nur ein Teil davon. Seit mehr als einem Jahrhundert gibt es die Hans-Sachs-Spiele. Noch älter ist der „Meistertrunk“, jenes historische Festspiel um die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges und die sagenhafte Rettung Rothenburgs durch Bürgermeister Georg Nusch. Seit 1881 wird das Stück aufgeführt; in diesem Jahr beging man das 145-jährige Bestehen. Bei den Pfingstfestspielen verwandelten mehr als 900 Mitwirkende die Altstadt in eine Bühne. Seit 2014 gehört der „Meistertrunk“ zum bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.
Was der „Meistertrunk“ mit Heimat zu tun hat
Man kann über solche historischen Festspiele lächeln und sie als Folklore für Touristen abtun. Damit übersieht man aber das Entscheidende. Hier geschieht etwas, das in einer zunehmend ortlosen Gesellschaft selten geworden ist: Eine Bürgerschaft erzählt sich selbst ihre Geschichte. Bürger spielen Bürger ihrer Stadt, die Jahrhunderte vor ihnen dort lebten. Kinder wachsen in Rollen hinein, die vor ihnen andere Kinder übernommen haben. Straßen und Plätze, an denen tagsüber Touristen ihre Fotografien machen, werden zu Schauplätzen einer gemeinsam erinnerten Vergangenheit.
Ob sich der berühmte Meistertrunk des Jahres 1631 tatsächlich so zugetragen hat, wie ihn die Überlieferung erzählt, ist dafür nicht einmal entscheidend. Kultur lebt nicht allein von historischer Faktizität. Sie lebt ebenso von Erinnerung und Erzählung, von Ritual und Wiederholung. Vor allem aber lebt sie davon, dass eine Generation etwas empfängt und für wertvoll genug hält, um es der nächsten weiterzugeben. Ich selbst durfte das als Kind erleben. Mit großer Begeisterung nahm ich als „Bürgerkind“ am Meistertrunk teil. Im Rückblick scheint mir diese Erfahrung weniger nebensächlich, als ich damals natürlich ahnen konnte. Vielleicht hat diese Rothenburger Tradition väterlicherseits – neben dem traditionell unterfränkischen, mütterlicherseits übergebenen Katholizismus – ganz wesentlich dazu beigetragen, dass mir Tradition und Heimat später keine abstrakten Begriffe geblieben sind.
Denn Tradition lernt man nicht zuerst aus Büchern. Man erfährt sie, lange bevor man sie begrifflich bestimmen kann. Man steht in einer bestimmten Kirche, hört bestimmte Lieder, kennt bestimmte Geschichten, geht bei bestimmten Festen mit, erlebt Erwachsene, denen diese Dinge etwas bedeuten. Erst viel später versteht man, dass man damit in etwas hineingewachsen ist, das schon vor einem da war und hoffentlich nach einem weiterbestehen wird. Genau darin liegt eine kulturelle Leistung der Provinz, die heute leicht unterschätzt wird. In der Großstadt kann Kultur ein Angebot unter tausend anderen sein. Man kauft eine Eintrittskarte, besucht eine Ausstellung, hört ein Konzert und fährt anschließend nach Hause. In kleineren Städten war Kultur dagegen häufig stärker mit der eigenen Lebenswelt verbunden. Derjenige, der am Abend auf der Bühne stand, begegnete einem am nächsten Morgen beim Bäcker. Im Kirchenchor sang der Lehrer, im Geschichtsverein saß der Apotheker, beim Festspiel wirkte die halbe Familie mit. Die Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten von Kultur war weniger ausgeprägt.
Das soll nicht romantisiert werden. Auch die Provinz kennt Mittelmaß, Enge und Selbstzufriedenheit. Aber sie besitzt eine Stärke, die der moderne Kulturbetrieb bisweilen verloren hat: Verbindlichkeit. Wer einen Verein trägt, ein Festspiel über Jahrzehnte erhält oder ein kleines Theater unterstützt, bekundet damit mehr als eine kulturelle Vorliebe. Er übernimmt Verantwortung dafür, dass etwas fortbesteht.
Braucht unsere Kultur wieder mehr Provinz?
Vielleicht muss man deshalb die übliche Frage umdrehen. Nicht nur: Braucht die Provinz mehr Kultur? Sondern: Braucht unsere Kultur wieder mehr Provinz? Damit ist selbstverständlich kein Provinzialismus gemeint und keine Abschottung gegenüber Neuem. Gemeint ist die Bindung an einen konkreten Ort und an Menschen, die sich für diesen Ort verantwortlich fühlen. Ein kleines Theater lebt nicht von einer abstrakten „Zielgruppe“. Es braucht Publikum und Förderer, Schauspieler und Regisseure, Vereine, ehrenamtliche Helfer, Unternehmer und Kommunalpolitiker, denen nicht gleichgültig ist, ob es diese Institution in zwanzig Jahren noch gibt.
Hier liegt auch der Unterschied zwischen Kultur und Kulturindustrie. Die Produkte der Kulturindustrie können überall konsumiert werden. Netflix sieht in Rothenburg genauso aus wie in Berlin, New York oder Tokio. Eine Aufführung im Hof eines ehemaligen Dominikanerinnenklosters vor einer mittelalterlichen Stadtmauer lässt sich dagegen nicht beliebig verpflanzen. Der Ort gehört dazu. Und Heimat besteht eben nicht aus Gebäuden allein. Man kann historische Häuser restaurieren, Straßen pflastern und Fassaden denkmalgerecht sanieren und dennoch einen toten Ort schaffen. Gerade Rothenburg könnte leicht zu einem abschreckenden Beispiel dafür werden: eine hervorragend erhaltene Kulisse, durch die sich tagsüber Besucherströme bewegen und in der nach Geschäftsschluss die Lichter ausgehen. Dass die Stadt mehr geblieben ist, verdankt sie auch Menschen, die dort in Eigeninitiative Museen gründen, Vereine führen, Theater spielen, Feste organisieren, Musik machen und Traditionen weitergeben. Sie bewahren nicht lediglich alte Bräuche. Sie verhindern, dass aus Heimat Kulisse wird.
Über die Verödung der Provinz wird meist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesprochen. Dann geht es um fehlende Ärzte und geschlossene Geschäfte, um Bahnverbindungen, Schulen, Arbeitsplätze und schnelles Internet. All das ist wichtig. Aber ein Ort kann wirtschaftlich einigermaßen funktionieren und kulturell dennoch sterben. Wenn das alte Gasthaus schließt, der Chor keinen Nachwuchs mehr findet, der Verein sein Fest nicht mehr veranstalten kann, die Buchhandlung verschwindet und aus immer mehr Häusern Ferienwohnungen werden, geht etwas verloren, das sich in keiner Wirtschaftsstatistik ablesen lässt. Es verschwinden die Orte, an denen eine Gemeinschaft sich ihrer selbst vergewissert. Deshalb sind die 138 Plätze des Toppler-Theaters keine belanglose Fußnote. Menschen wollen offenbar nicht ausschließlich vor Bildschirmen sitzen. Sie wollen anderen Menschen dabei zusehen, wie diese wenige Meter vor ihnen auf einer Bühne stehen. Sie wollen gemeinsam lachen, applaudieren, sich langweilen oder ärgern und anschließend darüber sprechen. Und beim Meistertrunk wollen Hunderte nicht bloß Zuschauer sein, sondern selbst Teil einer Geschichte werden, die schon ihre Vorfahren erzählt haben. Vielleicht liegt ein Teil der Zukunft der deutschen Kultur deshalb gerade dort, wo die großen Feuilletons selten hinschauen. Nicht ausschließlich in Berlin, Hamburg oder München, sondern auch in Meiningen und Dinkelsbühl, in Görlitz und Bayreuth – und eben in Rothenburg ob der Tauber.
Die ganze Welt kennt Rothenburg. Vielleicht sollten gerade wir Deutschen genauer hinsehen, was sich hinter der schönen Kulisse erhalten hat. Denn dort lässt sich im Kleinen beobachten, was eine Kultur lebendig hält: Erinnerung, Bürgersinn, Verwurzelung und die Bereitschaft, etwas, das man selbst empfangen hat, nicht einfach mit der eigenen Generation enden zu lassen.
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