„Freiheit stirbt zentimeterweise“ – Ronald Gläser warnt vor Chatkontrolle und KI-Zensur

Wer sich mit Kulturpolitik beschäftigt, kommt um das Thema Medien nicht herum. Und kaum ein Politikfeld verbindet Kultur, Medien und Digitalisierung derzeit so eng wie die öffentliche Debatte über Journalismus, KI und Meinungsfreiheit. Einer, der sich seit sehr vielen Jahren intensiv mit genau diesen Themen beschäftigt, ist der Berliner Bundestagsabgeordnete Ronald Gläser. Ed Piper hat mit ihm gesprochen.

Piper: Hallo Herr Gläser, Sie haben Amerikanistik und Betriebswirtschaft an der Freien Universität Berlin studiert, anschließend als Journalist gearbeitet, waren Pressesprecher der Berliner AfD, später Mitglied des Abgeordnetenhauses und sitzen heute im Deutschen Bundestag mit den Schwerpunkten Kultur, Medien und Digitalisierung. Ihr beruflicher Weg wirkt bemerkenswert geradlinig. Wie kam es dazu?

Gläser: Fangen wir ganz vorne an: Als ich jung war, fand ich Lois Lane, die Journalistin aus den Superman-Comics, ganz toll. Sie ist nicht nur die Freundin von Superman, sondern sie kämpft natürlich für Wahrheit und Gerechtigkeit – genau das hat mich am Journalismus-Beruf fasziniert. Dieser Anspruch ist zwar heutzutage etwas aus der Mode gekommen, sollte aber eigentlich nach wie vor den Kern des Journalismus bilden. Mit dem, was heute häufig als „Haltungsjournalismus“ bezeichnet wird, können wir zwar inhaltlich wenig anfangen. Trotzdem gibt es einen gemeinsamen Ausgangspunkt: den Wunsch, Wahrheit ans Licht zu bringen. Deshalb wollte ich Journalist werden.

Im Grunde sehe ich darin auch die Aufgabe der Opposition. Wir beobachten die Regierung, decken Fehlentwicklungen auf und informieren die Öffentlichkeit darüber. Wahrscheinlich wäre ich kein besonders guter Regierungsabgeordneter – dafür bin ich zu sehr daran interessiert, Missstände aufzudecken. Aber als Oppositionsabgeordneter bin ich genau am richtigen Platz.

Piper: Ihr politischer Schwerpunkt liegt heute in der Medienpolitik.

Gläser: Das hat sich eher zufällig ergeben. Als wir 2016 den Berliner Landesvorstand neu wählten, legte unser damaliger Pressesprecher Götz Frömming sein Amt nieder. Da ich zufällig zur Stelle war und bereits etwas Erfahrung im Umgang mit Journalisten hatte, habe ich das dann einfach übernommen. Daraus wurden inzwischen fast zehn Jahre. Zunächst war ich Pressesprecher der Partei, später habe ich mich dann auch im Parlament um Medien- und kulturpolitische Themen gekümmert.

Piper: Welche medienpolitischen Entwicklungen beschäftigen Sie derzeit besonders?

Gläser: Da gibt es eine ganze Reihe. Wenn ich auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicke, denke ich an den Fall Relotius, an den jüngsten KI-Skandal beim ZDF oder an zahlreiche Beispiele dessen, was wir als Haltungsjournalismus kritisieren. Immer wieder wurden Geschichten verbreitet, die sich später als falsch oder zumindest hochproblematisch erwiesen. Beim Spiegel war das aus meiner Sicht ein strukturelles Versagen. Ähnliche Tendenzen sehe ich auch beim ZDF. Hinzu kommen Affären wie beim RBB, wo eine ausgeprägte Selbstbedienungsmentalität sichtbar wurde. Das sind keine Einzelfälle.

Über allem steht deshalb für uns die Forderung nach einer grundlegenden Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das bestehende System stammt im Kern aus dem vergangenen Jahrhundert und wird den heutigen Anforderungen nicht mehr gerecht.

Piper: Angenommen, ein Bundesland – bspw. Sachsen-Anhalt oder Thüringen – würde den Medienstaatsvertrag kündigen. Würde das das bestehende Rundfunksystem ins Wanken bringen?

Gläser: Zunächst müsste die vertraglich vorgesehene Kündigungsfrist von zwei Jahren eingehalten werden. Selbst wenn ein Land heute kündigte, träte das also frühestens 2028 oder 2029 in Kraft. Bis dahin würde der Rundfunkbeitrag unverändert erhoben, gleichzeitig müsste über eine Nachfolgeregelung verhandelt werden. – Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass das Bundesverfassungsgericht eine ersatzlose Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht zulassen würde. Vermutlich würde Karlsruhe verlangen, dass weiterhin eine Grundversorgung gewährleistet wird. Ein Land könnte dann allerdings selbst entscheiden, wie diese ausgestaltet wird – möglicherweise deutlich schlanker und kostengünstiger als heute.

Es ist jedoch ebenso denkbar, dass das Gericht zu dem Ergebnis kommt, dass eine Kündigung nur mit Zustimmung aller Länder möglich sei. Wie Karlsruhe entscheiden würde, lässt sich derzeit nicht sicher vorhersagen.

Unabhängig davon bleibt unser Ziel eine grundlegende Reform. Es ist schwer vermittelbar, dass Bürger verpflichtend ein System finanzieren, dessen Anspruch auf ausgewogene und objektive Berichterstattung aus unserer Sicht vielfach nicht eingelöst wird. Hinzu kommen Strukturen, die über Jahre erhebliche Ineffizienzen hervorgebracht haben. Deshalb plädieren wir für einen deutlich verschlankten öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einem klar definierten Auftrag.

Piper: Lässt sich ein so gewachsenes System überhaupt reformieren, ohne auch personell tief einzugreifen?

Gläser: Auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt es gute Leute, die einfach nur normalen, guten Journalismus machen wollen. Es wird aber natürlich nicht reichen, lediglich an der Spitze einen neuen Intendanten einzusetzen und darauf zu hoffen, dass sich dadurch alles verändert. Genau dieses Muster hat die Rundfunkpolitik der vergangenen Jahrzehnte geprägt. Wer eine ernsthafte Reform will, muss auch die Strukturen verändern.

Piper: Manche halten es für naheliegend, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Falle eines politischen Machtwechsels einfach inhaltlich neu auszurichten – also gewissermaßen mit umgekehrten Vorzeichen. Wäre das für Sie eine Lösung?

Gläser: Nein. Zunächst einmal schwindet der Einfluss der klassischen Medien ohnehin. Wäre er noch so groß wie vor zwanzig Jahren, stünden wir politisch heute nicht dort, wo wir stehen. Besonders jüngere Generationen informieren sich längst über andere Kanäle. Ich war heute bei einer älteren Dame, die mir ganz begeistert erzählte, sie höre inzwischen regelmäßig NIUS. Sie sagte, sie habe endlich ein Medium gefunden, über das sie sich nicht ständig ärgern müsse. Das zeigt: Es gibt eine Nachfrage nach Alternativen – selbst bei Menschen, die mit dem Internet ursprünglich wenig anfangen konnten. Deshalb halte ich wenig davon, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einfach politisch umzudrehen. Wir brauchen keinen „Monitor von rechts“ oder eine konservative Variante von Anja Reschke. Entscheidend ist vielmehr, dass öffentlich-rechtliche Medien ihrem Auftrag gerecht werden und unterschiedliche gesellschaftliche Positionen angemessen abbilden. Dann ergäbe sich ein ausgewogeneres Bild von selbst.

Wir wollen keine staatlich gelenkten Medien – weder von links noch von rechts. Unser Ziel sind freie und unabhängige Medien.

Piper: Sie vertreten hier ja eine ausgesprochen freiheitliche Position. Manche würden allerdings einwenden, dass ein funktionierender Staat auch ein gemeinsames kulturelles Fundament braucht, dass es mitunter aktiv durchzusetzen gilt, um eine gebotene Geschlossenheit zu erreichen.

Gläser: Sie wollen also Geschlossenheit? Sie wollen, dass die Leute zufrieden sind mit diesem Land? Dann machen wir daraus ein geiles Land!

Ein Land, in dem die Züge pünktlich kommen, in dem einen die Steuererklärung nicht erschlägt, in dem die Autobahnen nicht bröckeln, in dem die Fußballnationalmannschaft nicht schon zum Beginn eines Turniers von einem drittklassigen Team rausgeschmissen wird. Dann stellt sich das Übrige von ganz allein ein.- Wenn man möchte, dass die Menschen sich mit ihrem Land identifizieren, dann muss dieses Land funktionieren. Ein Land, in dem die Infrastruktur funktioniert, Unternehmen investieren und Spitzenleistungen entstehen, braucht keine milliardenschweren Kampagnen, um Patriotismus zu erzeugen.

Gemeinschaft entsteht nicht durch penetrante staatliche Dauerbeschallung, sondern dadurch, dass die Bürger das Gefühl haben, in einem erfolgreichen Gemeinwesen zu leben. Darauf sollte sich Politik konzentrieren.

Piper: Trotzdem bleibt die Frage offen, wie mit den staatlichen Medien umzugehen ist.

Gläser: Da hat sich meine Sicht im Laufe der Jahre durchaus verändert. Als ich 2016 gewählt wurde, hätte ich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk am liebsten vollständig abgeschafft. Heute sehe ich das differenzierter. Denn auch viele AfD-Wähler schauen die Abendschau oder lesen Mainstream- Zeitungen. Dabei fällt auf, dass sie zwar an den Regionalnachrichten interessiert sind, jedoch darüber hinaus politischen Inhalten deutlich weniger Vertrauen entgegen bringen, als Anhänger anderer Parteien. Das zeigen auch Umfragen, die wir damals ausgewertet haben.

Doch gerade regionale Berichterstattung ist aufwendig. Ich sehe derzeit keinen privaten Anbieter, der täglich ein flächendeckendes Angebot wie die Berliner Abendschau wirtschaftlich tragen könnte. Dafür kann ein öffentlich-rechtliches System durchaus sinnvoll sein. Das heißt aber nicht, dass dieses System in seiner heutigen Größe bestehen bleiben muss. Warum sollten Gebührenzahler Unterhaltungsshows, Sportgroßereignisse oder immer neue Talkformate finanzieren? Hier ließe sich sehr viel konzentrieren und verschlanken. – Beim Sport sieht man längst, dass Wettbewerb bessere Ergebnisse hervorbringen kann. Private Anbieter bieten heute oft attraktivere Übertragungen als öffentlich-rechtliche Sender, obwohl diese mit erheblich größeren Ressourcen arbeiten. – Dieses „Beamtenfernsehen“ gehört abgeschafft.

Piper: Wie erleben Sie die Debatten darüber im Bundestag? Sind Sie da mit Ihren freiheitlichen Positionen völlig isoliert?

Gläser: Vor laufender Kamera auf jeden Fall ja. Hinter verschlossenen Türen sieht das dann schon etwas anders aus. Da ergeben sich auch mit Abgeordneten anderer Fraktionen immer mal wieder sachliche Gespräche. Und selbst bei Grünen oder Linken gibt es Kollegen, mit denen man vernünftig diskutieren kann. Öffentlich wird das allerdings kaum jemand einräumen. Denn da gilt es ja, an diesem Brandmauer-Anspruch festzuhalten.

Besonders deutlich zeigt sich das bei konkreten politischen Entscheidungen. Die unionsgeführten Länder haben beispielsweise eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags verhindert. Niemand wird öffentlich zugeben wollen, dass dies auf Druck der AfD geschehen sei. – Natürlich nicht. – Aber im Ergebnis entsprach die Entscheidung genau dem, was wir seit Langem fordern.

Ähnliches erleben wir auch in anderen Politikfeldern. Vor rund einem Jahr beantragten wir die Abschaffung der Luftverkehrssteuer. Damals wurde unser Vorschlag als unverantwortlich zurückgewiesen. Unsere Argumente wurden als rassistisch, sexistisch und im Zweifelsfall sogar faschistisch abgetan. – Wenig später legten dann CDU/CSU und SPD einen Antrag vor, der zumindest eine deutliche Senkung vorsah. Natürlich gingen sie dabei nicht so weit wie wir. Aber das Muster wiederholt sich: Unsere Positionen, die zunächst kategorisch abgelehnt werden, tauchen etwas später in abgeschwächter Form erneut auf. Dabei werden dann sogar unsere eigenen Argumente wieder verwendet – nur sind die dann halt nicht mehr pfui.

Piper: Neben Medien- und Kulturpolitik beschäftigen Sie sich inzwischen auch mit Digitalisierung.

Gläser: Ich bin Mitglied im Ausschuss für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Dort geht es unter anderem um die Regulierung sozialer Netzwerke und um Fragen der digitalen Infrastruktur. Künstliche Intelligenz spielt dabei natürlich ebenfalls eine immer größere Rolle.

Piper: Wie intensiv beschäftigen Sie sich mit KI-Systemen?

Gläser: Ich arbeite selbstverständlich damit – inzwischen dürfte das im politischen Betrieb fast jeder tun. Gleichzeitig gibt es intensive Diskussionen darüber, wie weit der Einsatz von KI gehen darf. Es wurde sogar untersucht, in welchem Umfang Abgeordnete KI für Reden oder parlamentarische Arbeit nutzen.

Ich selbst habe bislang keine Rede von einer KI schreiben lassen. Dafür sind die Systeme noch nicht zuverlässig genug. Man merkt das schon an einfachen Beispielen: Fragt man nach aktuellen politischen Zusammenhängen, taucht mitunter noch die „Ampelregierung“ auf, obwohl die ja längst Geschichte ist. Das zeigt, dass man sich trotz des enormen Fortschritts noch nicht darauf verlassen kann, dass dabei immer korrekte Ergebnisse herauskommen.

Piper: Viele Kritiker sehen weniger die technischen Grenzen als vielmehr die politische Prägung der Modelle. Sie argumentieren, dass KI-Systeme keineswegs neutral seien.

Gläser: Das ist tatsächlich ein Punkt, der mich beschäftigt. KI-Modelle werden von Menschen entwickelt und trainiert – selbstverständlich fließen dabei auch Wertvorstellungen ein. Wer bestimmte politische Fragen stellt, bekommt deshalb mitunter Antworten, die eher wie politische Bewertungen als wie neutrale Informationen wirken.

Piper: Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?

Gläser: Claude ist gerade ganz heiß. Gefühlt arbeiten gerade alle mit Claude. Also wollte ich das auch. Nur musste ich dabei leider die traurige Erfahrung machen, dass meine Liebesbeziehung zu Claude nach etwa zehn Minuten schon wieder erloschen war. Ich hatte Claude gebeten, irgendein eigentlich wenig bedeutendes Einladungsschreiben für ein AfD-Treffen zu verfassen, und die Antwort war, dass diese Partei als gesichert rechtsextrem gelte und Claude deshalb nicht dafür arbeiten wolle.

Das war schon brutal. Denn ich spreche hier ja nicht von irgendeinem kostenlosen Testzugang, sondern von einem professionellen Produkt, für das ich voll bezahlt hatte. – Seitdem nutze ich Claude nicht mehr.

Piper: Müsste ein Staat vor diesem Hintergrund nicht selbst ein möglichst neutrales KI-Modell entwickeln?

Gläser: Ich würde den umgekehrten Weg gehen. Statt staatliche KI aufzubauen, sollten wir bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen solche Modelle in Deutschland entwickeln können. Dazu gehören günstigere Energie, weniger Bürokratie und innovationsfreundliche Regeln. Wenn sich unterschiedliche Anbieter am Markt behaupten, entsteht Wettbewerb – und damit auch Auswahl. Wer sich von einem Modell nicht fair behandelt fühlt, kann zu einem anderen wechseln. Man sieht das bereits heute mit dem Modell „Grok“ von Elon Musk oder anderen Angeboten. Je nach Bedarf entstehen Alternativen, die unterschiedliche Ansätze verfolgen. Ich halte das für den besseren Weg, als ein staatliches KI-Modell aufzubauen.

Piper: Hinter der KI-Debatte steht letztlich auch die Frage nach Kontrolle und Überwachung.

Gläser: Ganz genau. Ein Beispiel ist die sogenannte Chatkontrolle. Nachdem das Bankgeheimnis in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt aufgeweicht wurde, geraten nun private Kommunikationsräume in den Blick. Natürlich will niemand Kinderpornografie verharmlosen oder ihre Verbreitung dulden. Das Problem beginnt dort, wo Unternehmen verpflichtet werden sollen, sämtliche Kommunikation ihrer Nutzer automatisiert zu durchsuchen. Damit würde eine technische Infrastruktur geschaffen, die weit über den ursprünglichen Anlass hinaus genutzt werden könnte.

Aus unserer Sicht liegt darin die eigentliche Gefahr.

Piper: Sie befürchten also einen schleichenden Ausbau staatlicher Überwachung?

Gläser: Genau. Heute wird eine solche Maßnahme mit der Bekämpfung schwerster Straftaten begründet. Morgen richtet sie sich gegen sogenannten Extremismus und übermorgen wird dann plötzlich völlig legitime und nicht justiziable Kritik an einer Asylunterkunft in der Nachbarschaft zum Anlass, den Verfassungsschutz über die Inhalte auf dem eigenen Telefon zu informieren. „Freiheit stirbt immer zentimeterweise“ – Deshalb geht es hier nicht nur um Strafverfolgung, sondern um eine grundsätzliche Frage: Sind wir bereit dazu, die Freiheitlich Demokratische Grundordnung zu verteidigen?

Piper: Finden Sie mit dieser Position bei anderen Parteien Verbündete?

Gläser: Zwar hatte die FDP dieses Feld früher besetzt, doch die spielt derzeit kaum noch eine Rolle. Einzelne liberale Positionen finden sich durchaus auch bei anderen Parteien, allerdings selten so konsequent wie bei uns. Gerade während der Corona-Pandemie hat sich für uns gezeigt, dass viele frühere Bürgerrechtspositionen von den übrigen Parteien komplett aufgegeben wurden. Darum versteht sich die AfD heute als die Partei, die Fragen der Meinungs-, Versammlungs- und Berufsfreiheit besonders stark betont.

Piper: Bleiben wir beim Thema Freiheit. Während der Corona-Pandemie wurde vielfach darüber diskutiert, wie weit der Staat in Grundrechte eingreifen darf. Hat diese Zeit Ihr politisches Verständnis verändert?

Gläser: Gerade damals zeigte sich für mich, wie schnell Freiheitsrechte unter Druck geraten können. Besonders betroffen waren davon Menschen, die sich aus Gewissensgründen gegen bestimmte staatliche Vorgaben entschieden haben. In meinem Wahlkreisbüro habe ich deshalb den Film „Standhaft“ gezeigt. Er erzählt von Bundeswehrsoldaten, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollten und dafür erhebliche Konsequenzen tragen mussten – bis hin zu Arrest und Entlassung aus dem Dienst. Rückblickend erscheint mir der Umgang mit diesen Menschen besonders problematisch. Soldaten verpflichten sich, im Ernstfall ihr Leben für dieses Land einzusetzen. Gerade ihnen gegenüber sollte der Staat eine ganz besondere Verantwortung tragen. Umso schwerer wiegt es, wenn sie in einer solchen Situation allein gelassen werden.

Piper: Sie haben Amerikanistik studiert. Gleichzeitig kritisieren Sie punktuell den kulturellen Einfluss der Vereinigten Staaten auf Europa. Ist das kein Widerspruch?

Gläser: Nein. Ich interessiere mich sehr für die Vereinigten Staaten und ihre Geschichte. Das bedeutet aber nicht, jede kulturelle Entwicklung übernehmen zu müssen.

Mich stört vor allem, dass gegenwärtige gesellschaftspolitische Vorstellungen zunehmend auf historische Stoffe übertragen werden. Kürzlich habe ich eine Serie über das antike Rom gesehen, in der auffallend viele schwarzafrikanische Senatoren und Würdenträger auftraten, die es in diesem Umfeld zu dieser Zeit sicher so nicht gegeben hat. Diese Form der Besetzung folgte offensichtlich sehr viel weniger historischen Quellen als heutigen links-progressiven politischen Vorstellungen. Ähnliche Entwicklungen sieht man inzwischen in mittelalterlichen Stoffen oder klassischen europäischen Erzählungen. Geschichte wird nicht mehr erzählt, sondern in der Rückbetrachtung politisch opportun umgedeutet. Das halte ich für problematisch.

Piper: Sie sprechen von einem Kulturimport aus den USA?

Gläser: Ja. Hollywood prägt weltweit die Unterhaltungsindustrie. Entsprechend werden auch gesellschaftliche Debatten exportiert – von „Affirmative Action“ über woke Identitätspolitik bis hin zu aktuellen Queer-Geschlechterdiskursen.

Mich stört dabei weniger, dass Künstler frei arbeiten. Das sollen sie selbstverständlich tun. Problematisch wird es, wenn historische Stoffe gezielt heutigen politischen Botschaften unterworfen werden. Ein Beispiel ist für mich Game of Thrones. Die Fernsehserie weicht in einigen Punkten bewusst von der literarischen Vorlage ab und übernimmt Elemente, die erkennbar dem Zeitgeist geschuldet sind. Das ist das gute Recht der Produzenten. Dennoch zeigt es, wie stark kulturelle Produktionen inzwischen politischen Strömungen folgen.

Piper: Welche Antwort sollte deutsche Kulturpolitik darauf finden?

Gläser: Ich glaube nicht an Quoten oder staatliche Vorgaben.

Viel wichtiger wäre eine Reform der Filmförderung. Deutschland verfügt über einen enormen historischen Stoffreichtum. Von der Hermannsschlacht über die Befreiungskriege bis zum deutschen Widerstand gäbe es zahlreiche Geschichten, die internationales Publikum finden könnten. Wenn deutsche Filme im Ausland erfolgreich sind, dann häufig gerade mit historischen Themen. Der Film „Das Leben der Anderen“ ist dafür das beste Beispiel. – Wir sollten unsere Geschichte selbst erzählen – sorgfältig recherchiert, ohne ideologische Überformung, aber auch ohne politische Gegenvorgaben.

Ich möchte keine Diversitätsvorschriften. Genauso wenig möchte ich allerdings staatliche Vorschriften, nach denen bspw. nur noch blonde oder blauäugige Schauspieler auftreten dürften. Beides wäre eine überzogene politische Instrumentalisierung von Kunst. Stattdessen sollte der Staat gute Rahmenbedingungen schaffen und dem Publikum selbst überlassen, was es sehen möchte -. der Markt regelt

Piper: Zum Schluss noch ein aktueller Fall: Uwe Bolls neuer Film „Citizen Vigilante“ sorgte ja unlängst für erhebliche Kontroversen.

Gläser: Für mich zeigt dieser Fall vor allem, wie kontraproduktiv Verbote häufig wirken.

Seit den Diskussionen um die Freigabe kennt plötzlich jeder diesen Film. Gestern hatte ich zwei Besuchergruppen im Bundestag – Menschen unterschiedlichen Alters aus Sachsen und Niedersachsen. Selbst dort war „Citizen Vigilante“ Gesprächsthema. – Ich habe dann Auszüge des Films kürzlich in meinem Wahlkreisbüro gezeigt und dazu mit den Besuchern sehr interessante Diskussionen geführt..

Piper: Sie haben ihn also bereits gesehen?

Gläser: Ja. Und ich verstehe durchaus, warum er polarisiert. Der Film ist ausgesprochen hart. Es gibt Szenen, die viele Zuschauer als verstörend empfinden werden. Doch ich halte trotzdem nichts davon, die Veröffentlichung von Kunstwerken und Kulturproduktionen staatlich verordnet vorsorglich zu unterbinden.

Ich erinnere mich da an Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“. auch den fanden damals viele gut, denn irgendwie hatte er ja seine Rechtfertigung. Aber selbst der ist nicht mit – wie Uwe Bolls Vigilante -. auf seine Opfer losgegangen und hat ihnen mit
Schalldämpfer von hinten mit eindeutiger Mordabsicht in den Kopf geschossen – das fand ich in diesem neuen Boll-Film schon sehr hart.

Piper: Aber diese ganze Zensur-Debatte hat dem Film doch letztlich eher zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft.

Gläser: Genau das passiert häufig. Die Menschen werden halt ungern bevormundet und möchten selbst entscheiden, was sie sehen oder lesen. Sobald der Eindruck entsteht, jemand wolle ihnen diese Entscheidung abnehmen, wächst das Interesse erst recht.

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PP-Redaktion
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