Der Mensch – Plädoyer für ein realistisches Menschenbild als Grundlage der Kulturpolitik

Welche Kulturpolitik braucht eine Gesellschaft – und welches Menschenbild liegt ihr zugrunde? In einem ebenso provokanten wie grundlegenden Gastbeitrag argumentiert Ed Piper, dass die Zukunft Deutschlands weniger von Wirtschaft und Sozialpolitik als von der Antwort auf die uralte Frage abhängt: Was ist der Mensch? 

Wer über Kulturpolitik nachdenkt, muss sich zunächst die Frage stellen, die allem politischen Handeln zugrunde liegt: Was ist der Mensch? Denn als Kulturträger und gleichsam Adressat staatlicher Kulturpolitik steht er im Mittelpunkt jeden kulturpolitischen Handelns. Die Kulturpolitik, die ihrerseits Werkzeug der Gouvernementalität ist, muss wissen, mit wem sie es zu tun hat. Nicht im Sinne einer philosophischen Wesensschau, die ins Endlose führt, sondern im Sinne einer Grundannahme, von der jede Ordnung, jede Erziehung, jede Gesetzgebung ausgeht. Diese Frage erscheint gerade unserer Tage unbequem. Denn in den letzten Jahrzehnten verschwand sie nicht nur aus Feuilletons, sondern auch aus den Parlamenten und Bildungsplänen. Man tut so, als sei sie beantwortet – oder als sei sie überflüssig. Dabei ist sie die erste und letzte aller politischen Fragen.

Die aktuell massiv links-liberal geprägte vorherrschende Meinung scheint hier noch immer von einem Menschenbild auszugehen, das von Jean-Jacques Rousseau 1762 in seinem reformpädagogischen Hauptwerk „Émile oder Über die Erziehung“ geprägt wurde. Dessen Grundannahme ist, in kurz: Der Mensch sei von Natur aus gut, erst die Gesellschaft verderbe ihn. Doch diese Vorstellung ist nicht nur naiv, sie ist auch gefährlich. Denn wer den Menschen für ein von Natur aus friedfertiges Wesen hält, wird die Ursache aller gesellschaftlichen Konflikte stets außerhalb seiner selbst suchen – in den Verhältnissen, in den Strukturen, im Kapital. Und, apropos Kapital: Radikalisiert wurde diese Denkfigur von Karl Marx in seiner Lehre von „Basis und Überbau“. Danach bildet die ökonomische Basis einer Gesellschaft das Fundament, das den ideologischen Überbau – und damit auch die Kultur –  formt. Somit wären auch Bewusstsein und Moral nichts als Produkte der ökonomischen Basis. Doch obwohl sich die Hoffnung, dass sich der Mensch zum Positiven wandeln könne, wenn man nur andere Produktionsverhältnisse schaffen würde, in jedem einzelnen Versuch, sie praktisch umzusetzen, als Illusion erwies, zeigt sie sich erstaunlich resilient: „Das war ja gar kein richtiger Sozialismus“ wird an Universitäten verbreitet, und seit der westdeutschen APO der 60er Jahren erfreut sich der Ausruf „Nieder mit dem Schweinesystem“ auf Demonstrationen großer Beliebtheit. – Seit Rousseau versucht man „das System“ zu ändern und träumt vom unschuldigen „Naturzustand“ des Menschen als verlorenem Paradies.

Dem gegenüber steht als Alternative ein nicht nur älteres, sondern auch sehr viel realistischeres Menschenbild. Es nimmt seinen Weg von Thukydides über Machiavelli bis zu Hobbes. Und es stellt klar, dass menschliche Eigenschaften wie Eigeninteresse und Machtstreben nicht geleugnet werden. Es sieht den Menschen als ein Wesen, das in eine feindselige Natur geworfen ist – und dessen Überleben mitunter von Stärke, von Gruppenbildung und – ganz wichtig – von der klaren Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem abhängt. Hier geht es nicht um gut und böse – diese Kategorien sind moralisch und damit für eine realistische anthropologische Betrachtung unbrauchbar. Der Mensch ist ein Säugetier, ein soziales Wesen mit angeborenem Willen zum Eigennutz, Konkurrenzstreben und Aggressionspotenzial. In ihm wirken der Lebenstrieb und der Vernichtungstrieb gleichermaßen – beide sind funktional, beide sind überlebensnotwendig. Der Mensch ist ein Flucht- und ein Angriffstier zugleich. Er ist ein Rudeltier und ein Einzelgänger, gleichsam auf Kooperation und auf Konkurrenz angelegt. Wer das leugnet, verkennt die Natur des Menschen und wird an ihr scheitern.

Kulturpolitik wird häufig als Förderung von Theatern, Museen oder Orchestern missverstanden. Tatsächlich richtet sie sich jedoch immer auf den Menschen selbst. Denn Kultur existiert nicht unabhängig von ihren Trägern. Sie lebt nur insofern, als Menschen sie weitergeben, verkörpern, verändern und verteidigen. Kulturpolitik ist daher stets Arbeit am und mit dem Menschen. Gerade deshalb muss jeder kulturpolitischen Entscheidung eine anthropologische vorausgehen. Bevor wir darüber sprechen, welche Kultur erhalten, gefördert oder gestärkt werden soll, müssen wir klären, mit welchem Wesen wir es als Kulturträger überhaupt zu tun haben. Darum ist die Frage nach dem Menschenbild keine akademische Nebensache. Sie entscheidet darüber, ob Kulturpolitik zur Stabilisierung einer Gesellschaft beiträgt oder zu ihrer Auflösung.

Aus dieser anthropologischen Grundlage folgt für die Kulturpolitik eine zentrale Aufgabe: die Domestizierung und Kultivierung des Menschen. Kultur ist das Gegenprinzip zur Natur. Sie zielt darauf, die potentiell destruktiven Anlagen in konstruktive Bahnen zu lenken, sie für die Gemeinschaft nutzbar zu machen. Der Mensch ist ein vernunft- und lernfähiges Wesen; er kann erzogen, geformt, zivilisiert werden, wie jedes andere Säugetier auch, nur in höherem Maße. Aber er kann nicht neu erschaffen werden. Die linke Utopie vom neuen Menschen, von der „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“, die durch die richtigen volkspädagogischen Maßnahmen hervorgebracht werden soll, ist ein intellektueller Irrweg und ein pädagogischer Totalitarismus. Sie verwechselt die Zähmung des Menschen mit seiner Transformation.

Hier liegt der eigentliche Gegensatz zwischen den politischen Lagern: Die Linke glaubt, ein anderer Mensch werde durch eine andere Gesellschaft entstehen. Die Rechte geht davon aus, dass jede Gesellschaft mit dem realen Menschen rechnen muss. Und jetzt kommt es, – über diese Frage musste ich tatsächlich etwas grübeln: Wenn die Linke doch „nur“ die Gesellschaft verändern will, warum mündet dann wirklich ausnahmslos jeder links-politische Ansatz in maximal totalitären staatlichen Erziehungsmaßnahmen? Die Antwort liegt in der verqueren inneren Logik dieser Ideologie: Aus der linken Vorstellung, der Mensch sei weitestgehend ein Produkt seiner Umwelt, folgt zwangsläufig ein totalitärer Kampf um die Kontrolle eben dieser. Jener Kampf ist jedoch nicht mit Menschen zu gewinnen, die bereits durch die wie auch immer als schlecht, böse, feindselig empfundene Umwelt korrumpiert wurden. Deshalb braucht es zur Erschaffung der ersehnten paradiesischen Zukunft bereits den „Menschen von morgen“ als Erschaffer. Hierzu gilt es nun, die Erziehung zu beherrschen und so auf das Bewusstsein des „neuen Menschen“ hinzuwirken. Folglich wird die Erziehung zum eigentlichen staatlichen Projekt und der Staat zum eigentlichen Erzieher. Der totalitäre Kern dieser Ideologie ist also kein Betriebsunfall, sondern als strukturelle, logische Notwendigkeit der linken Prämisse. Darum kann die Linke keine eigenständigen Autoritäten wie Familien und Tradition dulden und sieht diese lediglich als Träger überkommener Machtverhältnisse. Sehr ähnlich beschrieb es Max Horkheimer mit „Familie als Keimzelle des Faschismus“ in seiner Schrift „Autorität und Familie“, – Kurzum, wo Konservative Sozialisation sehen, sieht die Linke staatliche Pädagogik. Der Konservative erzieht ein Kind für die Welt, wie sie ist, der Linke für eine imaginierte Welt der Zukunft. Deshalb bewahrt der eine Traditionen, während der andere sie überwinden will. Während linke Politik auf eine Veränderung des Menschen selbst zielt, versucht rechte Politik, eine Ordnung zu schaffen, die trotz der Unvollkommenheit des Menschen Bestand hat:. Erziehung bedeutet hier deshalb nicht die Schaffung eines neuen Bewusstseins, sondern die Weitergabe einer über Jahrhunderte gewachsenen Kultur. Familie, Nachbarschaft, Vereine, Kirche und Traditionen vermitteln dem Heranwachsenden Anstand, Selbstbeherrschung und Verantwortung. Der Staat kann dies unterstützen, aber nicht ersetzen. Wer die Familie als bloßen Träger überkommener Machtverhältnisse betrachtet und an ihre Stelle die staatliche Erziehung setzt, zerstört die Grundlagen jeder funktionierenden Gesellschaft.

Die konservative Sozialisation unterscheidet sich von der linken Umerziehung somit fundamental in ihren Mitteln: Während jene den Staat zum totalitären Erzieher aufwertet, der den Menschen im luftleeren Raum einer abstrakten Ideologie neu erschaffen will, setzt eine realistische Kulturpolitik auf Subsidiarität. Sie weiß, dass Kultur nur dort organisch wächst und zähmt, wo sie historisch gewachsen ist: in der Familie, der Gemeinde, im Glauben. Die Aufgabe des Staates ist hier nicht die Schöpfung, sondern die Bewahrung dieser gesellschaftlichen Disziplinierungsräume.

Liberale Kritiker wenden an dieser Stelle häufig ein, der Staat habe sich aus kulturellen Fragen gänzlich herauszuhalten und lediglich als neutraler Schiedsrichter zu fungieren. Diese Forderung mag zwar vorgeblich vernünftig klingen, jedoch beruht sie auf einer dramatischen Illusion. Denn ein Staat kann nicht neutral sein. Er ist per se Ausformung bestehender gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Ordnungsstrukturen. Und bereits die Entscheidung darüber, welche Traditionen bewahrt, welche Kunst gefördert, welche Feiertage geschützt und welche Normen vermittelt werden, setzt Werturteile voraus. Wer eine Bachkantate öffentlich fördert, nicht aber jede beliebige Graffiti-Schmiererei an einer Straßenbahn, hat bereits eine kulturelle Hierarchie etabliert. Neutralität existiert hier nicht. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Kulturpolitik normativ sein soll. Sie ist es immer. Die Frage lautet vielmehr, nach welchen Maßstäben sie es sein soll. Eine verantwortungsvolle Kulturpolitik benennt diese Maßstäbe offen, – eine unverantwortliche tarnt ihre Wertentscheidungen als Neutralität und betreibt Ideologie unter dem Deckmantel der Objektivität.

Besonders deutlich wird dies in der Frage der Multikulturalität. Der Mensch neigt zur Bildung von Rudeln entlang ethnischer, sprachlicher und kultureller Grenzen. Diese Neigung ist nicht das bloße Ergebnis von Vorurteilen, sondern einer evolutionären Disposition, die sich über Jahrtausende bewährt hat. Wer unterschiedlichste Ethnien und Kulturen in einem Staat zusammenführt, provoziert unweigerlich die Bildung von Parallelgesellschaften. Die Idee eines multikulturellen Schmelztiegels ist eine naive Illusion. Sie ignoriert, dass der Mensch ein Wesen ist, das in überschaubaren Gruppen operiert, dass er Hierarchien braucht, dass er sich abgrenzt. Was als „bunte“ und „diverse“ Bereicherung gefeiert wird, ist in Wahrheit die schleichende Rückkehr zum Naturzustand – zum Kampf aller gegen alle, nur diesmal innerhalb der staatlichen Grenzen.

Noch problematischer als ethnische Unterschiede sind religiöse Differenzen. Denn Religionen stiften nicht nur Heilsversprechen, sondern auch Wertefundamente und gesellschaftliche Ordnung. Unterschiedliche Religionen mit universalem Anspruch führen in einem dicht besiedelten Raum unweigerlich zu Konflikten. Die europäische Geschichte – insbesondere die stets mit machtpolitischen Interessen verknüpften Konfessionskriege – liefert dafür hinreichend Belege. Die Forderung nach einer einheitlichen, gemeinsamen, kulturell prägenden Leitreligion ist daher keine Frage der Intoleranz, sondern eine Frage der politischen Vernunft. Der Islam beispielsweise ist mit seinem durchaus als ganzheitlich zu bezeichnenden Anspruch aus unserer Warte und vor dem Hintergrund westlicher Aufklärung weniger eine Religion  im herkömmlichen, privatisierten Sinne, sondern ein theokratisches Gesellschafts- und Rechtssystem. Und genau deshalb muss er kulturpolitisch defensiv behandelt werden. Religiöse Glaubensfreiheit meint die innere Bekenntnisfreiheit, die in die private Sphäre gehört; eine uneingeschränkte öffentliche Ausübungsfreiheit hingegen ist mit dem Ziel gesellschaftlicher und kultureller Homogenität unvereinbar.

Kulturpolitik ist daher keine altruistische Förderung der Künste, sondern eine Disziplin der Formung und Einhegung. Sie muss den Menschen als das nehmen, was er ist: ein potentiell gefährliches, aber kultivierbares Wesen. Ihre Aufgabe ist es, aus diesem Naturwesen ein Kulturwesen zu machen – nicht durch Romantik, sondern durch klare Werte, klare Grenzen und einen unbeirrbaren Willen zur Einheit.

Wem das nun zu sehr nach Domestizierung klingt und er ob dessen um die viel zu oft beschworene „Freiheit der Kunst“ fürchtet, dem sei gesagt: Die Rede von der Kunstfreiheit ist eine aus kleinbürgerlicher Ehrfurcht erwachsene Erfindung des 19. Jahrhunderts – und sie war von Anfang an eine Legende. Die Kathedralen des Mittelalters entstanden im Auftrag der Kirche, die Fresken der Renaissance im Auftrag der Medici, die Sinfonien der Wiener Klassik im Auftrag des Adels. Niemand fragte Michelangelo, ob er lieber etwas anderes malen würde. Die Frage stellte sich nicht. Kunst war Ausdruck einer Ordnung, nicht Flucht aus ihr. Die monumentalen Bauwerke vergangener Epochen dienten der Repräsentation von Macht, Glauben und Gemeinschaft. Kunst hatte stets eine Funktion. Sie vermittelte Werte, stiftete Identität, erzeugte Ehrfurcht oder stärkte den gesellschaftlichen Zusammenhalt. – Was sich im 19. Jahrhundert mit der Erzählung vom erhabenen, begnadeten, irgendwie „freien“ Künstler-Genie veränderte, war nicht die noch immer fundamentale ökonomische Abhängigkeit des Kunstschaffenden, sondern schlicht das Marketing der Künstler. Denn mit dem zunehmenden Wohlstand des Bürgertums entwickelte sich auch ein Repräsentationsbedürfnis eben dessen, und so erschlossen sich dem Markt bis dato ungeahnte Käuferschichten. Seitdem boomt der Kunstmarkt, und noch nie gab es so viele Künstler wie heute. Doch die Idee einer wirklich freien – also auch von Marktmechanismen unabhängigen – Kunst bleibt eine Fiktion. Sie mag eine mitunter durchaus produktive Fiktion sein, die bisweilen sehr illustre Werke hervorbringt – das will ich gar nicht leugnen – aber Fiktion bleibt halt Fiktion. Und auch der romantische Rebell muss finanziert werden: vom Verleger, vom Mäzen, vom Bildungsbürgertum, vom Herrn Papa oder eben vom Staat. Und weil unser Staat nicht nur über enorme Budgets verfügt, sondern gerade dieser Tage ein gesteigertes ideologisches Mitteilungsbedürfnis an den Tag legt, hat er sich zum größten Ernährer der stets hungrigen Künstlerschaft aufgeschwungen. Er subventioniert, alimentiert und steuert mit enormem finanziellem Aufwand den Kulturbetrieb abseits jeglicher Marktlogik. Dabei geriert er sich paradoxerweise als Hüter einer vermeintlichen „Kunstfreiheit“. Das ist die eigentliche Heuchelei der links-liberalen Kulturpolitik: nicht dass sie normiert und steuert, sondern dass sie es schamhaft verleugnet.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht die nach dem Grad der Unfreiheit, sondern: Kann eine Gesellschaft, die auf einer falschen Anthropologie beruht, auf Dauer bestehen? Die Geschichte gibt eine klare Antwort: Nein. Die links-liberale Gesellschaftsordnung, wie sie sich heute versteht, ist eine gefährliche Illusion. Sie basiert auf der Annahme, dass beliebig verschiedene Individuen und Gruppen durch einen neutralen Rechtsrahmen und ökonomischen Wohlstand friedlich zusammengehalten werden können. Diese Annahme ist falsch. Der Mensch ist kein abstraktes Subjekt der Menschenrechte; er ist ein konkretes, traditionsgebundenes und gruppenorientiertes Kulturwesen. Eine Politik, die diese Tatsache ignoriert, wird unweigerlich scheitern.

Der Begriff des Politischen lebt aus der Unterscheidung von Freund und Feind. Diese Unterscheidung ist nicht etwa das Produkt einer übersteigerten Phantasie, sondern die anthropologische Grundlage jeder politischen Ordnung. Der Staat, der diese Unterscheidung nicht mehr trifft – der nicht mehr weiß, wer zu ihm gehört und wer nicht –, hat aufgehört, ein Staat zu sein. Er wird zerrieben zwischen den Partikularinteressen identitärer Gruppen, die in ihm im Ringen um gesellschaftliche Ressourcen um die Vorherrschaft kämpfen. Die eigentliche Aufgabe der Kulturpolitik ist es daher, diese Partikularinteressen zu bündeln, zu formen und in einen gemeinsamen Rahmen zu überführen. Sie muss den Menschen nicht befreien: Er ist bereits zu frei! Zu ungebunden! Zu sehr sich selbst überlassen! Sie muss ihn binden: an Normen, an Traditionen, an eine gemeinsame Vorstellung vom Guten und Richtigen.

Das steht dem links-liberalen Freiheitsfetisch der modernen Gesellschaft diametral entgegen. Denn diese versucht aus ideologischen Gründen zu leugnen, dass sogenannte „Freiheit“ für die Menschen niemals Selbstzweck war. Der Mensch ist ein im Grunde sehr einfach strukturiertes Wesen, das nicht nach unbegrenzten Wahlmöglichkeiten sucht. Stattdessen strebt er als kooperativer Primat mit Hang zur Rudelbildung nach Orientierung, Zugehörigkeit und Sinn. Die Vorstellung, ein Maximum an individueller Freiheit führe automatisch zu einem Maximum an Glück, gehört zu den zentralen Irrtümern der Moderne.

Zutreffend ist vielmehr, dass viele der stabilsten und zufriedensten Gemeinschaften durch gemeinsame Normen, gemeinsame Werte und klare soziale Erwartungen geprägt sind. Der Mensch scheint nicht dort aufzublühen, wo jede Bindung aufgelöst wird, sondern dort, wo er sich als Teil eines größeren Ganzen begreifen kann. Freiheit ist wichtig, aber sie ist kein Ersatz für eine Gemeinschaft. Nur eine geeinte Gesellschaft ist eine friedliche Gesellschaft – und nur eine friedliche Gesellschaft ist auf Dauer überlebensfähig.

Wer das bestreitet, wer weiterhin an der Illusion des guten Menschen festhält und die kulturelle Homogenität für ein reaktionäres Relikt erklärt, wird die Früchte seiner Naivität ernten: Chaos und Zerfall. Die Geschichte ist voll von Beispielen. Sie zu ignorieren ist kein Zeichen von Fortschrittlichkeit, sondern von geistiger Verweigerung.

Nicht Wirtschaft, nicht Verfassung und nicht Sozialpolitik, sondern eine auf einem realistischen Menschenbild beruhende Kulturpolitik bildet das eigentliche Rückgrat unserer Gesellschaft.

Die entscheidende Frage lautet daher: Betrachten wir den Menschen als ein formbares Produkt äußerer Einflüsse, das sich durch politische Maßnahmen beliebig umgestalten lässt? Oder akzeptieren wir ihn als das, was er ist: ein widersprüchliches Wesen, das zu Liebe und Loyalität ebenso fähig ist wie zu Feindschaft und Gewalt; das erschaffen und zerstören kann; das sich kultivieren, aber niemals von Grund auf neu erschaffen und transformieren lässt?

Die Zukunft wird zeigen, welchem Menschenbild die bundesdeutsche Kulturpolitik folgt.

Die Natur hat ihre Entscheidung bereits vor Hunderttausenden von Jahren getroffen.


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PP-Redaktion
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