(David Berger) Jahrzehntelang schien es als ausgemacht zu gelten: Das Gehirn produziert Bewusstsein, Freiheit und Vernunft. Doch ausgerechnet ein renommierter Neurochirurg kommt nach Tausenden Gehirnoperationen zu einem anderen Schluss. Seine Beobachtungen stellen nicht nur den Materialismus infrage – sie führen überraschend nahe an die Anthropologie des Thomas von Aquin heran.
Die deutschsprachige Epoch Times hat kürzlich eine lesenswerte Artikelserie über den amerikanischen Neurochirurgen Michael Egnor (Egnor & Denyse O’Leary, The Immortal Mind) veröffentlicht. Sie nimmt Beobachtungen eines Mediziners zum Anlass, der nach jahrzehntelanger klinischer Tätigkeit zu der Überzeugung gelangt ist, dass das materialistische Menschenbild die Wirklichkeit des Menschen nicht erschöpfend erklären kann. Seine Überlegungen verdienen Aufmerksamkeit – nicht nur für Christen, sondern für jeden, der nach dem Wesen des Menschen fragt. Seit Jahrzehnten dominiert in den Neurowissenschaften die Vorstellung, das Gehirn produziere Bewusstsein so, wie die Leber Galle produziert. Gedanken, Freiheit und Gewissen erscheinen in diesem Modell als bloße Nebenprodukte neuronaler Aktivität. Michael Egnor stellt dieses Paradigma nicht aus theologischen Gründen, sondern aufgrund seiner klinischen Erfahrung in Frage.
Musik entsteht nicht im Holz des Instruments
Egnor operierte über viele Jahre Gehirne, behandelte Tumore, Blutungen und angeborene Fehlbildungen. Gerade diese Arbeit ließ ihn erkennen, dass zwischen Gehirn und Geist zwar eine enge Beziehung besteht, diese Beziehung aber nicht notwendig Identität bedeutet. Ein beschädigtes Gehirn beeinträchtigt den Ausdruck geistiger Fähigkeiten – daraus folgt jedoch nicht, dass der Geist im Gehirn entsteht. Sein Vergleich ist einprägsam: Eine beschädigte Violine lässt die Musik verstummen; dennoch entsteht die Musik nicht im Holz des Instruments.
Besonders nachdenklich stimmen seltene Fälle eines extremen Hydrocephalus, bei denen nur ein geringer Teil des Hirngewebes vorhanden ist und Patienten dennoch erstaunliche geistige Leistungen erbringen. Solche Fälle beweisen die Existenz der Seele nicht im naturwissenschaftlichen Sinn. Sie zeigen jedoch, dass die einfache Gleichung ‚mehr Gehirn = mehr Geist‘ keineswegs selbstverständlich ist.
„Unmöglich, dass der menschliche Intellekt eine Funktion eines körperlichen Organs ist“

An dieser Stelle wird die Nähe zu Thomas von Aquin erstaunlich. Der große Scholastiker fragt in der Summa Theologiae, ob der Intellekt ein körperliches Organ sei. Seine Antwort lautet: „Impossibile est intellectum esse actum alicuius organi corporalis: Es ist unmöglich, dass der menschliche Intellekt eine Funktion eines körperlichen Organs ist.“ (ST I, q.75, a.2). Der menschliche Intellekt erkenne allgemeine Wahrheiten wie Gerechtigkeit oder Zahl. Materielle Dinge seien dagegen stets individuell. Was Allgemeines erkennt, könne deshalb nicht selbst bloß materieller Natur sein.
Thomas versteht die Seele nicht als zweiten Menschen neben dem Körper. Sie ist die forma corporis, das Lebensprinzip des ganzen Menschen. Der Mensch ist weder bloße Materie noch ein gefangener Geist, sondern die Einheit von Leib und Seele. Gerade deshalb besitzt jeder Mensch eine unverlierbare Würde.
Nobelpreisträger Eccles: Geist und Gehirn sind nicht identisch
Auch bedeutende Neurowissenschaftler gelangten zu ähnlichen Fragen. Wilder Penfield stellte bei tausenden Operationen fest, dass elektrische Reize zwar Bewegungen oder Erinnerungen auslösen konnten, niemals aber den freien Willen selbst. Sir John Eccles, Nobelpreisträger für Medizin, hielt den Materialismus für philosophisch unzureichend und vertrat, Geist und Gehirn seien nicht identisch. Er geht davon aus, dass das Ichzentrum bzw. doe Seele des Menschen sich des Gehirns wie ein Klavierspieler des Klaviers bedient.
Joseph Ratzinger warnte immer wieder davor, Vernunft auf das empirisch Messbare zu reduzieren. Wahrheit, Freiheit und moralische Verantwortung entziehen sich naturwissenschaftlicher Messung, gehören aber zu den grundlegendsten Erfahrungen des Menschen. Wissenschaft verliert nichts, wenn sie diese Grenzen anerkennt; sie gewinnt vielmehr an intellektueller Redlichkeit. Gerade deshalb reicht die Debatte weit über die Medizin hinaus. Wenn der Mensch lediglich ein biologischer Computer ist, verlieren Freiheit, Verantwortung und Menschenwürde ihren objektiven Grund. Dann wäre auch die Überzeugungskraft eines Arguments nichts anderes als das Ergebnis biochemischer Prozesse. Der Materialismus würde sich damit selbst den Boden entziehen.
Moderne Hirnforschung näher bei Thomas vom Aquin als beim Materialismus
Michael Egnor beansprucht nicht, die Existenz der unsterblichen Seele naturwissenschaftlich bewiesen zu haben. Seine eigentliche Leistung besteht darin, auf die philosophischen Voraussetzungen aufmerksam zu machen, die häufig unbemerkt als wissenschaftliche Ergebnisse ausgegeben werden. Er fordert, den Materialismus wieder als das zu behandeln, was er ist: eine philosophische Position und kein Laborbefund.
Hier liegt die eigentliche Pointe. Über Jahrhunderte glaubte man, die Naturwissenschaft werde die christliche Anthropologie widerlegen. Heute deutet manches darauf hin, dass ausgerechnet die moderne Hirnforschung Fragen neu aufwirft, welche Aristoteles und Thomas von Aquin bereits gestellt hatten. Die Wissenschaft entdeckt damit nicht den Glauben, wohl aber ihre eigenen Grenzen. Und genau dort beginnt die Frage nach dem Menschen in ihrer ganzen Tiefe.
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