Poschardt gegen Woke – und doch Gefangener desselben Denkens

(David Berger) Ulf Poschardt gilt vielen Konservativen inzwischen als scharfer Kritiker des linksliberalen Zeitgeistes. Doch wie Benedikt Kaiser überzeugend zeigt, bekämpft der ehemalige Springer-Herausgeber zwar oberflächlich die Symptome der Krise – ihren eigentlichen geistigen Ursachen bleibt er jedoch verpflichtet.

Kaum ein publizistischer Seitenwechsel ist in den vergangenen Monaten im konservativen Lager so wohlwollend aufgenommen worden wie derjenige Ulf Poschardts. Seit seinem Abschied vom Springer-Konzern gilt der langjährige Welt-Herausgeber vielen plötzlich als scharfer Kritiker jenes linksliberalen Milieus, das er zuvor selbst über Jahrzehnte mitgeprägt hat. Sein neues Buch Bückbürgertum wird entsprechend als mutige Abrechnung mit der kulturellen Hegemonie der Linken gefeiert.

Die Freude darüber ist verständlich. Schließlich benennt Poschardt Entwicklungen, die von konservativer Seite seit Jahren kritisiert werden: den Opportunismus des Bürgertums, die moralische Selbstüberhebung progressiver Eliten und die Einschüchterung Andersdenkender. Wer diese Missstände ausspricht, findet zwangsläufig Zustimmung bei denen, die sich ihnen seit langem ausgesetzt sehen.

Dennoch bleibt ein gewisses Unbehagen. Denn entscheidend ist nicht, ob Poschardt den Zeitgeist kritisiert, sondern von welchem Standpunkt aus er dies tut. Genau hier setzt die ebenso kenntnisreiche wie lesenswerte Kritik des Politikwissenschaftlers Benedikt Kaiser, soeben im Freilich Magazin erschienen, an. Sie ist deshalb so wertvoll, weil sie Poschardt weder pauschal abqualifiziert noch seine treffenden Beobachtungen bestreitet. Vielmehr zeigt sie, dass dessen Analyse gerade dort an ihre Grenzen stößt, wo die eigentlichen Ursachen der gegenwärtigen Krise beginnen.

Erst Feuer legen, dann klagen, dass das Haus brennt

Kaiser weist zunächst auf einen bemerkenswerten Widerspruch hin. Poschardt beklagt heute den Linksruck großer Medienhäuser und die kulturelle Dominanz progressiver Milieus. Gleichzeitig gehörte er über viele Jahre selbst zu den prägenden Figuren eben jenes journalistischen Establishments. Kaiser erinnert daran, dass unter Poschardts Verantwortung zahlreiche Journalisten Karriere machten, deren politische Sozialisation eindeutig im linksliberalen Spektrum lag. Dass Poschardt diesen Widerspruch heute kaum reflektiert, ja ganz totalitär nach wie vor konservative Kritiker seines Denkens auf X sperrt, schwächt zwangsläufig die Glaubwürdigkeit seiner Fundamentalkritik. Wie Kaiser süffisant bemerkt, kritisiert Poschardt jene Entwicklung, an deren Entstehung er selbst erheblichen Anteil hatte: „Er ist kein disruptiver Entrepreneur des Geistes, als der er sich punkig-krawallig vermarktet, sondern ein kluger Bewirtschafter der „End Wokeness“-Stimmung. Eloquent, aber widersprüchlich, pointiert, aber Teil des Problems.“

Doch diese biographische Inkonsistenz wäre letztlich nur eine Randnotiz. Wesentlich schwerer wiegt der eigentliche Denkfehler, den Kaiser freilegt. Poschardt vermittelt den Eindruck, das Bürgertum sei von aggressiven Linken gleichsam überwältigt worden. Dem hält Kaiser eine wesentlich plausiblere Deutung entgegen. Das verbliebene deutsche Bürgertum sei keineswegs Opfer einer feindlichen Übernahme geworden. Vielmehr habe es sich der linksliberalen Hegemonie freiwillig angepasst. Die Bürgerlichen seien, so formuliert Kaiser pointiert, »auf eigenes Verlangen hin selbst zu Shit- und Bückbürgern« geworden. Gerade darin liege das Ergebnis jahrzehntelanger kultureller Hegemoniearbeit.

Stille Selbstverwandlung der bürgerlichen Eliten

Dieser Gedanke trifft einen zentralen Punkt unserer gegenwärtigen Lage. Tatsächlich wurde der kulturelle Wandel der vergangenen Jahrzehnte nicht gegen die Eliten durchgesetzt, sondern von ihnen selbst vorangetrieben. Universitäten, Kirchen, Leitmedien, Wirtschaftsverbände und schließlich auch große Teile der Union übernahmen Schritt für Schritt die Denk- und Sprachmuster des progressiven Milieus. Nicht eine Revolution von außen hat Deutschland verändert, sondern eine stille Selbstverwandlung seiner Eliten. Gerade deshalb greift jede Analyse zu kurz, die den Linksliberalismus ausschließlich als äußeren Gegner beschreibt. Er ist längst Bestandteil des bürgerlichen Selbstverständnisses geworden.

Damit aber gelangen wir zu einer noch grundsätzlicheren Frage. Warum konnte sich diese Entwicklung überhaupt vollziehen? Warum erwies sich das Bürgertum als derart anfällig für den kulturellen Linksruck? Hier endet vorerst Kaisers Analyse – und hier beginnt aus meiner Sicht die eigentliche konservative Debatte.

Denn der tiefere Grund liegt nicht in mangelndem Mut oder fehlender Wehrhaftigkeit. Er liegt in einem Menschenbild, das sich seit der Aufklärung zunehmend von seinen christlichen Voraussetzungen gelöst hat. Der moderne Liberalismus verstand Freiheit immer stärker als Selbstbestimmung des Individuums. Wahrheit wurde relativiert, Tradition zum bloßen Angebot, Religion zur Privatsache. Was zunächst wie eine Erweiterung menschlicher Freiheit erschien, führte langfristig dazu, dass der Mensch selbst zum Maß aller Dinge wurde.

Die konsequente Radikalisierung des Liberalismus

Genau aus diesem Denken erwuchs später jener Progressivismus, den Poschardt heute bekämpft. Wer den Menschen als autonomes Selbsterschaffungsprojekt versteht, wird früher oder später auch Geschlecht, Familie, Nation oder sogar die menschliche Natur selbst für beliebig formbar halten. Gender-Ideologie, Transhumanismus oder die Vorstellung unbegrenzter Migration sind deshalb keine Betriebsunfälle des Liberalismus. Sie sind seine konsequente Radikalisierung.

Gerade deshalb genügt es nicht, den Liberalismus gegen seine linke Variante in Stellung zu bringen. Man muss seine philosophischen Voraussetzungen hinterfragen. Genau das aber tut der Nur-Journalist Poschardt erwartungsgemäß nicht. Seine Kritik bleibt innerhalb desselben Denkrahmens, aus dem die Krise überhaupt hervorgegangen ist. Er möchte den Westen retten, ohne dessen geistige Grundlagen neu in den Mittelpunkt zu stellen. Er fordert einen kämpferischeren Bürger, beantwortet aber nicht die entscheidende Frage: Wofür soll dieser eigentlich kämpfen?

Für mehr Liberalismus? Für den Westen? Für individuelle Freiheit? Oder für jene Ordnung, die Europa über Jahrhunderte geprägt hat: das christliche Menschenbild, das Naturrecht, die klassische Philosophie und die gewachsene kulturelle Identität unserer Völker? Diese Leerstelle ist kein nebensächlicher Mangel, sondern der Kern des Problems.

Schlauer Bewirtschafter der gegenwärtigen Bundesrepublik

Deshalb überzeugt auch Kaisers Schlussfolgerung. Poschardt, so schreibt er, sei letztlich kein wirklicher Systemoppositioneller, sondern ein »kluger Bewirtschafter der gegenwärtigen Bundesrepublik«, ein scharfer Kritiker ihrer Auswüchse, aber keiner ihrer geistigen Grundlagen. Treffender lässt sich die gegenwärtige Konjunktur vieler ehemaliger Establishment-Kritiker kaum beschreiben. Sie kritisieren Wokeness, Cancel Culture oder die Migrationspolitik – bleiben aber den weltanschaulichen Voraussetzungen treu, aus denen all dies hervorgegangen ist.

Gerade deshalb sollten Konservative der Versuchung widerstehen, jeden prominenten Zeitgeistkritiker sofort zum Verbündeten zu erklären. Nicht jede Kritik am Linksliberalismus ist bereits konservativ, und erst recht ist nicht jede konservative Kritik schon christlich. Die eigentliche Alternative beginnt dort, wo der Mensch wieder als Geschöpf Gottes verstanden wird, wo Freiheit nicht mehr Beliebigkeit bedeutet, sondern Bindung an Wahrheit und Gut, und wo Politik wieder aus einer objektiven Ordnung des Menschen heraus gedacht wird.

Hier liegt der eigentliche Unterschied zwischen einer publizistischen Revolte und einer geistigen Erneuerung. Die erste lebt von scharfen Formulierungen. Die zweite beginnt mit der Frage nach der Wahrheit. Und auf diese Frage bleibt Ulf Poschardt – trotz aller treffenden Diagnosen – bislang die entscheidende Antwort schuldig.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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