(David Berger) Mit einer Danksagung an Jesus Christus hat Abelardo de la Espriella sein Amt als neuer Präsident Kolumbiens angetreten. Eine Statue Unserer Lieben Frau von Fátima stand bei der feierlichen Amtseinführung neben der Bühne, ein Priester stellte die neue Regierung unter den Schutz des Heiligen Geistes – und seine erste große Rede beendete der Präsident mit einem für europäische Ohren fast unglaublichen Ruf: „¡Que viva Cristo Rey!“ Die Bilder aus Cali erinnern daran, dass Kolumbien trotz aller Säkularisierung noch immer zu den Ländern gehört, deren Geschichte ohne den katholischen Glauben kaum zu verstehen ist.
Es sind Bilder und Worte, die man sich bei der Amtseinführung eines deutschen Regierungschefs kaum noch vorstellen könnte. Als Abelardo de la Espriella am 7. August sein Amt als Präsident der Republik Kolumbien übernahm, wurde der katholische Glaube nicht möglichst diskret aus der staatlichen Zeremonie verbannt. Im Gegenteil: Auf der linken Seite der Bühne stand, von weißen Blumen umgeben, eine Statue Unserer Lieben Frau von Fátima. Selbst die linksliberale spanische Zeitung „El País“ stellte fest, dass die Religion bei der Amtseinführung eine ungewöhnlich große Rolle spielte.
Noch deutlicher wurde De la Espriella selbst. Seinen ersten großen Auftritt als Staatspräsident begann er mit einer Danksagung an Christus. Er sprach von seiner „tiefen Dankbarkeit gegenüber unserem Herrn Jesus Christus“ dafür, dass dieser Kolumbien gesegnet und seinen „providentiellen Blick“ niemals von diesem Land abgewandt habe. In einer zuvor veröffentlichten Botschaft zur Amtsübernahme hatte der neue Präsident bereits erklärt: „Heute beginnt eine neue Etappe für Kolumbien. Ich übernehme die Präsidentschaft der Republik mit Dankbarkeit gegenüber Gott, mit tiefer Liebe zu meinem Vaterland und mit der Entschlossenheit, mit Taten das Vertrauen zu ehren, das Millionen von Kolumbianern in mich gesetzt haben.“
Er wolle Präsident aller Kolumbianer sein, derjenigen, die ihn gewählt hätten, ebenso wie jener, die sich für seinen Gegner entschieden hätten. Er kündigte die „Wiederherstellung von Ordnung, Autorität und Sicherheit“ an und versprach einen entschlossenen Kampf gegen Korruption. „Die Stunde ist gekommen, wieder an Kolumbien zu glauben, unsere Größe zurückzugewinnen und gemeinsam das Vaterland-Wunder aufzubauen. Der Tiger ist angekommen. Und er ist angekommen, um zu dienen, zu arbeiten und das kolumbianische Volk zu verteidigen.“
Eine Madonna von Fátima neben dem Präsidenten
Für Katholiken dürfte jedoch ein anderes Detail mindestens ebenso eindrucksvoll gewesen sein wie die politische Botschaft. Während der Amtseinführung stand die Gottesmutter von Fátima sichtbar neben der Bühne. Das war keineswegs nur zufällige Folklore. ACI Prensa verweist darauf, dass sich im engsten Umfeld der neuen Regierung mehrere praktizierende Katholiken befinden, darunter Vizepräsident José Manuel Restrepo und der für den Posten des Botschafters bei der Organisation Amerikanischer Staaten vorgesehene Alejandro Ordóñez.

Nach den politischen Akten folgte zudem ein religiöser Teil. Neben jüdischen und evangelischen Vertretern sprach der neue Kaplan des Präsidentenpalastes, Pater Rodolfo Londoño, ein Gebet und stellte die neue Regierung unter das Wirken des Heiligen Geistes. Auch der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz, Bischof Javier Múnera, war anwesend. Der Heilige Stuhl wurde durch Erzbischof Dagoberto Campos vertreten. Damit nicht genug. Seine Rede vor den Soldaten im Militärkomplex Pichincha beschloss De la Espriella mit den Worten: „Alles für das Vaterland, Landsleute, alles für das Vaterland, nichts ohne es. Fest für das Vaterland! Es lebe Christus König!“
Gerade dieser letzte Ruf besitzt in einem lateinamerikanischen Land eine historische Sprengkraft, die in Europa leicht übersehen wird. „¡Viva Cristo Rey!“ ist kein unverbindliches religiöses Wohlfühlbekenntnis. Der Ruf erinnert an jene katholischen Bewegungen Lateinamerikas, die sich im 20. Jahrhundert gegen die gewaltsame Säkularisierung und Christenverfolgung stellten. Untrennbar verbunden ist er insbesondere mit den mexikanischen Cristeros, von denen zahlreiche vor ihrer Hinrichtung „¡Viva Cristo Rey!“ riefen. Dass nun ein frisch vereidigter Staatspräsident seine erste Rede mit denselben Worten beendet, ist deshalb ein starkes Symbol.
Gott, Familie, Vaterland
Auch inhaltlich beschränkte sich De la Espriellas Bekenntnis nicht auf religiöse Gesten. Er kündigte ausdrücklich eine „kulturelle Schlacht“ an, um den Wert der Familie, Leistung, Disziplin, Respekt vor dem Gesetz, Liebe zum Vaterland und den Glauben an Gott wiederzugewinnen: „Ich werde nicht zulassen, dass weiterhin das lächerlich gemacht wird, was unsere Gesellschaft über Generationen groß und stark gemacht hat“, erklärte der neue Präsident. Keine staatliche Politik könne ersetzen, was eine geeinte Familie für ihre Kinder und für ein Land leisten könne.
Damit zeichnet sich ein Kulturkampf ab, der auch deshalb interessant werden dürfte, weil De la Espriella ein schwieriges Erbe der linksgerichteten Regierung Gustavo Petros übernimmt. Während des Wahlkampfes unterzeichnete er den „Compromiso por la Vida y la Familia“, eine Selbstverpflichtung zum Schutz des Lebens und der Familie. Seine Vorgängerregierung hatte dagegen unter anderem Regelungen zur Euthanasie ausgeweitet und den Rückzug Kolumbiens aus der Genfer Konsenserklärung vollzogen, die sich gegen die internationale Etablierung eines sogenannten Rechts auf Abtreibung richtet. Der Regierungswechsel könnte deshalb auch gesellschaftspolitisch eine erhebliche Zäsur darstellen.
Kolumbien und das Heiligste Herz Jesu
Dass solche Worte gerade in Kolumbien fallen, besitzt eine besondere historische Bedeutung. Das Land hat eine der ausgeprägtesten katholischen Traditionen Lateinamerikas. Die Verfassung von 1886 bezeichnete die katholische, apostolische und römische Religion ausdrücklich als Religion der Nation und als wesentliches Element der gesellschaftlichen Ordnung. Der Staat verpflichtete sich zu ihrem Schutz.
Noch eindrucksvoller ist ein Ereignis aus dem Jahr 1902. Nach Jahrzehnten politischer Auseinandersetzungen und am Ende des verheerenden „Krieges der Tausend Tage“ wurde die Republik Kolumbien dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht. Papst Johannes Paul II. erinnerte hundert Jahre später ausdrücklich daran: Am 22. Juni 1902 hätten die Bischöfe, staatlichen Autoritäten und das kolumbianische Volk gemeinsam die Republik dem Heiligsten Herzen Jesu geweiht und den Bau einer Votivkirche als Bitte um Frieden für die Nation versprochen. Die Weihe wurde anschließend über Jahrzehnte in Pfarreien, Ordensgemeinschaften und Familien erneuert.
Damit gehörte die Verbindung von katholischem Glauben und nationalem Selbstverständnis lange geradezu zur politischen DNA Kolumbiens. Erst die Verfassung von 1991 vollzog den Übergang zu einer religiös pluralistischen Staatsordnung. Doch auch deren Präambel beginnt keineswegs atheistisch: Das kolumbianische Volk gibt sich seine Verfassung „unter Anrufung des Schutzes Gottes“.
Ein katholisches Land – trotz Säkularisierung
Natürlich ist auch Kolumbien längst von jener Säkularisierung erfasst, die fast die gesamte westliche und lateinamerikanische Welt verändert hat. Der Anteil der Katholiken ist deutlich zurückgegangen. Nach den neuesten Zahlen des Pew Research Center bezeichnen sich dennoch rund 60 Prozent der erwachsenen Kolumbianer als katholisch. Damit besitzt das Land weiterhin eine katholische Bevölkerungsmehrheit.
Noch wichtiger als solche Zahlen ist jedoch die kulturelle Tiefenprägung des Landes. Kirchen, Wallfahrten, Marienverehrung, Heiligenfeste und katholische Familienfrömmigkeit gehören vielerorts bis heute zum Alltag. Auch die jahrzehntelange Gewaltgeschichte Kolumbiens lässt sich ohne die Rolle der Kirche kaum verstehen: Priester, Ordensleute und Bischöfe wirkten immer wieder als Vermittler, Helfer und nicht selten als Opfer der Gewalt.
Vor diesem Hintergrund erhält auch die Madonna von Fátima bei der Amtseinführung eine zusätzliche Bedeutung. Fátima steht in der katholischen Erinnerung des 20. Jahrhunderts für Umkehr, Gebet und Frieden, zugleich aber auch für die Warnung vor einer gottlosen politischen Ideologie und ihren Folgen. Dass ausgerechnet dieses Marienbild den Amtsantritt eines Präsidenten begleitet, der nach vier Jahren linker Regierung eine konservative „kulturelle Schlacht“ ankündigt, besitzt eine kaum zu übersehende Symbolik.
Nach vier Jahren Petro eine politische Kehrtwende
Politisch könnte der Kontrast zum bisherigen Präsidenten kaum größer sein. De la Espriella gewann die Stichwahl vom 21. Juni knapp gegen den linken Kandidaten Iván Cepeda. Das offizielle Ergebnis bestätigte einen Vorsprung von rund 250.000 Stimmen. Der neue Präsident kündigt einen härteren Kurs gegen Drogenkartelle und bewaffnete Gruppen, eine Stärkung von Polizei und Militär, wirtschaftliche Liberalisierungen und eine Abkehr von zentralen politischen Projekten der Petro-Ära an. Auch außenpolitisch zeichnet sich eine Neuausrichtung ab. Internationale Medien sprechen entsprechend von einer deutlichen Rechtswende Kolumbiens.
Doch für Katholiken dürfte mindestens ebenso interessant sein, ob der Präsident seine angekündigte „kulturelle Schlacht“ tatsächlich führt. Denn zwischen einem öffentlich getragenen Marienbild und einer katholisch inspirierten Politik liegt naturgemäß ein weiter Weg. Entscheidend wird sein, was aus den angekündigten Grundsätzen in der konkreten Gesetzgebung wird: beim Lebensschutz, bei der Familie, bei der Erziehung der Kinder, bei der Religionsfreiheit und bei der Stellung christlicher Überzeugungen im öffentlichen Raum.
„¡Que viva Cristo Rey!“
Dennoch besitzt dieser 7. August 2026 bereits jetzt eine starke Symbolkraft. Während sich in Deutschland Politiker bei jeder Gelegenheit darin zu überbieten scheinen, christliche Traditionen aus dem öffentlichen Raum in eine vermeintlich neutrale Privatsphäre zurückzudrängen, beginnt der neue Präsident eines demokratischen Millionenstaates seine Amtszeit mit dem Dank an Jesus Christus.
Neben seiner Bühne steht Unsere Liebe Frau von Fátima. Ein Priester bittet um den Beistand des Heiligen Geistes. Der Präsident spricht von Familie, Vaterland und Glauben an Gott. Und seine erste große Rede als Staatsoberhaupt endet nicht mit einer unverbindlichen Beschwörung abstrakter „Werte“, sondern mit drei Worten, für die Katholiken in der Geschichte Lateinamerikas bereit waren, ihr Leben hinzugeben:
„¡Que viva Cristo Rey!“ – Es lebe Christus König!
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