(David Berger) Eine mit Sprengstoff beladene Drohne ist auf bulgarischem Staatsgebiet explodiert. Laut Regierung in Sofia handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen Typ, der häufig von der Ukraine eingesetzt wird. Besonders pikant: Bulgarien hatte erst vor wenigen Wochen eine Beteiligung an der „Koalition der Willigen“ abgelehnt. Leider war in Bulgarien offenbar kein todesmutiger Busfahrer zur Stelle.
Fast könnte der Eindruck entstehen, die Ukraine befinde sich derzeit auf einer unfreiwilligen Drohnen-Tournee durch Europa. Bleibt nur die Frage, wo die nächste Vorstellung stattfindet. Am Samstagmorgen drang eine Drohne aus Richtung Rumänien in den bulgarischen Luftraum ein und explodierte nahe Kardam in einem Sonnenblumenfeld. Menschen wurden glücklicherweise nicht verletzt. Ganz ungefährlich war die Angelegenheit dennoch nicht: Die Drohne war mit Sprengstoff beladen und detonierte nur rund einen Kilometer von einer Verdichterstation der Transbalkan-Gaspipeline entfernt.
Nach erster Analyse des bulgarischen Verteidigungsministeriums handelte es sich höchstwahrscheinlich um eine „Maja“-Köderdrohne, einen Typ, der häufig von den ukrainischen Streitkräften eingesetzt wird. Hinweise auf einen vorsätzlichen Angriff gebe es nicht. Kiew erklärte sich zur Aufklärung bereit.
Was tun, wenn die Drohne kommt?
Zum Glück hat das Handelsblatt praktisch zeitgleich einen Ratgeber veröffentlicht, der dem zunehmend ratlosen europäischen Bürger erklärt, was bei einer Drohnensichtung zu tun ist. Anlass war ausgerechnet eine Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig. Der Ratschlag für den Normalbürger fällt beruhigend deutsch aus: Im Zweifel Fotos oder Videos machen und die Polizei unter 110 verständigen. Bei einer Drohne über dem eigenen Grundstück könne man zunächst sogar versuchen, den Piloten ausfindig zu machen und die Situation persönlich zu klären.
Für eine Begegnung mit einer sprengstoffbeladenen Militärdrohne dürfte sich diese Empfehlung allerdings nur eingeschränkt eignen. Vielleicht sollte der Ratgeber deshalb noch um einen Hinweis ergänzt werden: Nicht jeder hat zufällig einen Busfahrer zur Hand, der das Problem unter Einsatz seines Lebens erledigt. Auch das Gespräch mit dem Piloten könnte sich schwierig gestalten.
Ernster ist eine andere Frage: Wie kann eine mit Sprengstoff beladene Drohne über NATO-Gebiet fliegen, ohne rechtzeitig entdeckt zu werden? Nach Angaben des bulgarischen Ministerpräsidenten Rumen Radew wurde das Fluggerät weder in Rumänien noch in Bulgarien rechtzeitig identifiziert. Radew verwies auf Defizite bei der Drohnenerkennung. Bulgarien hat nach dem Zwischenfall seine Überwachung an der rumänischen Grenze verstärkt.
Diesmal landete die Drohne in einem Sonnenblumenfeld. Wenige hundert Meter weiter hätte die Geschichte anders ausgehen können. Interessant wäre auch das Gedankenexperiment, wie europäische Regierungen und Medien reagiert hätten, wäre eine russische Sprengstoffdrohne einen Kilometer neben wichtiger Energieinfrastruktur eines NATO-Staates explodiert. Bei der mutmaßlich ukrainischen Drohne lautet die Botschaft bislang: Ein Versehen. Das kann durchaus stimmen. Seltsam bleibt der Vorgang trotzdem.
Ausgerechnet Bulgarien
Eine besondere politische Pointe bekommt die Geschichte durch Bulgariens jüngsten Kurs gegenüber Kiew. Ministerpräsident Radew hatte erst im Juli erklärt, Bulgarien werde sich nicht an der sogenannten „Koalition der Willigen“ beteiligen, die auf eine weitere militärische Unterstützung der Ukraine setzt. Stattdessen forderte er verstärkte diplomatische Bemühungen um ein Ende des Krieges. Wenige Wochen später explodiert nun ausgerechnet in Bulgarien eine mit Sprengstoff beladene Drohne eines Typs, der nach Angaben Sofias häufig von der Ukraine eingesetzt wird.
Natürlich gibt es keinen Beleg, dass zwischen beiden Ereignissen irgendein Zusammenhang besteht. Erst recht gibt es derzeit keinen Hinweis darauf, dass Kiew die Drohne absichtlich nach Bulgarien geschickt hätte. War also keine Absicht. Logisch. Auch wenn es nur zu gut in die Eskalationsstrategie von Selenskyj passt. Bleibt nur zu hoffen, dass die ukrainische Drohnen-Tournee durch Europa damit beendet ist. Falls nicht, wissen wir dank Handelsblatt immerhin, was zu tun ist: Handy herausholen, filmen und 110 wählen. Und vielleicht vorsichtshalber nach einem Busfahrer Ausschau halten.
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