Lieber Elon Musk, ein Gott, der eine Steckdose braucht, ist kein Gott!

(David Berger) Elon Musk, die künstliche Intelligenz und der alte Traum des Menschen, Gott zu werden

Elon Musk hat eine Zukunft vor Augen, in der der Mensch nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Mehr als 99 Prozent der Intelligenz könnten eines Tages auf künstliche Systeme entfallen. Selbst die geistigen Fähigkeiten aller acht Milliarden Menschen zusammengenommen würden dann gegenüber der übermächtigen künstlichen Intelligenz kaum noch ins Gewicht fallen. Was Musk als Zukunftsszenario beschreibt, ist keine gesicherte Prognose. Doch seine Schlussfolgerung ist ebenso radikal wie bezeichnend: Will der Mensch nicht von seinen eigenen Maschinen überflügelt werden, muss er sich mit ihnen verbinden.

Hier trifft sich Musk mit dem amerikanischen Zukunftsforscher Ray Kurzweil, einem der bekanntesten Propheten des Transhumanismus. Dieser träumt von einer Verschmelzung des menschlichen Gehirns mit künstlicher Intelligenz, von einer direkten Verbindung unseres Denkens mit der Cloud. Die Grenzen des menschlichen Geistes sollen fallen. Wissen, Intelligenz und schließlich sogar die Überwindung des Todes erscheinen als technische Probleme, die sich mit genügend Rechenleistung lösen lassen. Der Mensch, wie wir ihn kennen, wäre damit ein Auslaufmodell. An seine Stelle träte ein hybrides Wesen, halb Mensch, halb Maschine, ausgestattet mit Fähigkeiten, die uns heute nahezu göttlich erscheinen.

Der alte Traum von der Selbstvergöttlichung

Wer die Bibel kennt, dem dürfte diese Verheißung bekannt vorkommen. „Ihr werdet sein wie Gott“ (Gen 3,5), verspricht die Schlange den ersten Menschen im Paradies. Es ist die Urversuchung des Menschen: nicht länger Geschöpf sein zu wollen, sondern sich selbst an die Stelle des Schöpfers zu setzen. Auch der Turmbau zu Babel folgt dieser Logik. „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen“ (Gen 11,4). Der Mensch will aus eigener Kraft den Himmel erobern. Nicht die technische Leistung ist dabei das eigentliche Problem, sondern die Hybris, die sich in ihr ausdrückt.

Der moderne Turmbau zu Babel besteht nicht mehr aus gebrannten Ziegeln, sondern aus Mikrochips, Rechenzentren und neuronalen Schnittstellen. Seine Baumeister heißen nicht Nimrod, sondern Musk, Kurzweil und die Ingenieure des Silicon Valley. Ihre Verheißung lautet nicht mehr bloß, den Himmel zu erreichen, sondern den Menschen selbst in ein gottähnliches Wesen zu verwandeln. Dabei kennt das Christentum durchaus eine Vergöttlichung des Menschen. Der heilige Athanasius formulierte den berühmten Gedanken, Gott sei Mensch geworden, damit der Mensch vergöttlicht werde. Doch diese deificatio geschieht durch die Gnade, durch die Teilhabe am göttlichen Leben, nicht durch die Steigerung technischer Leistungsfähigkeit. Der Mensch wird nicht Gott aus eigener Macht. Er empfängt, was er sich niemals selbst geben könnte.

Der Transhumanismus kehrt dieses Verhältnis um. An die Stelle der Gnade tritt die Technologie, an die Stelle der Erlösung die technische Optimierung, an die Stelle des ewigen Lebens die Hoffnung auf digitale Unsterblichkeit.

Bei all diesen grandiosen Zukunftsvisionen drängt sich allerdings eine geradezu banale Frage auf: Was geschieht eigentlich, wenn der Strom ausfällt? Die vermeintlich allwissende Superintelligenz benötigt gewaltige Energiemengen, funktionierende Rechenzentren, Kühlsysteme und Kommunikationsnetze. Der Mensch, der sein Gehirn mit der Cloud verbunden hat, mag sich für einen Übermenschen halten. Doch seine zusätzlichen Fähigkeiten hängen dann von einer Infrastruktur ab, über die er womöglich nicht einmal selbst verfügt. Ein Stromausfall würde einen solchen Menschen nicht notwendig töten oder seines natürlichen Denkvermögens berauben. Aber die vermeintlich göttlichen Fähigkeiten, die ihm seine Maschinen verleihen, könnten augenblicklich verschwinden.

Und wenn Gott den Strom abdreht?

Und wer kontrolliert diese Infrastruktur? Wer entscheidet, welche Gedankenverbindungen zugelassen, welche Informationen bereitgestellt und welche technischen Fähigkeiten freigeschaltet werden? Die versprochene Befreiung des Menschen könnte sich als seine vollkommenste Abhängigkeit erweisen. Die Ironie ist kaum zu überbieten: Der Mensch will sich von seiner Geschöpflichkeit befreien und macht sich dafür zum Anhängsel einer Maschine. Er will die Endlichkeit überwinden und bindet seine Zukunft an die Funktionsfähigkeit eines Stromnetzes.

Welch ein Gegensatz zur christlichen Vorstellung von Gott! Während der transhumanistische Übermensch seine vermeintliche Göttlichkeit aus einer Steckdose bezieht, verdankt der wirkliche Mensch sein Sein einer göttlichen Schenkung. Gott hält seine Geschöpfe nicht wie Marionetten an einem Kabel, sondern schenkt ihnen mit dem Sein zugleich die Möglichkeit, frei zu handeln, zu erkennen und zu lieben. Seine Allmacht zeigt sich gerade darin, dass er Wesen hervorbringt, die nicht seine willenlosen Werkzeuge und daher zur Liebe fähig sind. Die technische Selbstvergöttlichung hingegen verspricht grenzenlose Freiheit und endet in einer geradezu lächerlichen Abhängigkeit von Maschinen, Stromlieferanten und Netzbetreibern. Gott schenkt dem Menschen das Sein und damit die Freiheit. Die Maschine verleiht ihm zusätzliche Fähigkeiten – und verlangt dafür einen Stromanschluss.

Natürlich wissen wir nicht, ob Gott dem neuen Turmbau zu Babel eines Tages tatsächlich den Strom abdrehen wird. Die Bibel ist kein Handbuch zur Vorhersage technischer Katastrophen. Aber sie erinnert daran, dass jeder menschliche Allmachtsanspruch an der Wirklichkeit seiner Geschöpflichkeit seine Grenze findet. Vielleicht braucht es dazu nicht einmal einen besonderen göttlichen Eingriff. Vielleicht genügt irgendwann ein ganz gewöhnlicher Blackout, um den Propheten der digitalen Unsterblichkeit vor Augen zu führen, wie zerbrechlich ihre vermeintliche Allmacht ist. Der alte Turm zu Babel scheiterte an der Verwirrung der Sprachen. Der neue könnte schon an einer unterbrochenen Stromleitung scheitern. Und während der Mensch davon träumt, Gott zu werden, bleibt er, was er immer war: ein endliches Geschöpf, das seine Existenz nicht sich selbst verdankt. Daran ändert auch die leistungsfähigste künstliche Intelligenz nichts.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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