Friedrich Merz wollte beim Deutschen Arbeitgebertag Optimismus verbreiten. Doch dann passierte ihm ein Versprecher, der seinen Kritikern wie ein Geschenk vorkommen muss. Aus dem halb vollen Glas wurde plötzlich ein halb leeres. Das Publikum lachte. Dabei hatte der Kanzler unfreiwillig das passende Bild für seine Regierungspolitik geliefert.
Bei Friedrich Merz braucht es keine Opposition, um ihn bloßzustellen. Das erledigt der Bundeskanzler ganz allein. Beim Deutschen Arbeitgebertag wollte er den Deutschen erklären, dass sie ihre wirtschaftliche Lage gefälligst optimistischer betrachten sollten. Doch dann funkte ihm die eigene Zunge dazwischen: „Das Glas ist halb voll, allenfalls halb voll … Nein, es ist halb leer!“, erklärte Merz, bevor er die Kurve zu kriegen versuchte: „Es ist halb voll und wir sind auf einem guten Weg. Ja, noch nicht ganz.“
Das Publikum brach in Gelächter aus. Schließlich erlebt man nicht alle Tage, dass ein Bundeskanzler die eigene Schönfärberei mitten im Satz sabotiert. Ein Freud’scher Versprecher? Jedenfalls hatte Merz für einen Augenblick eine Formulierung gefunden, die seine Kritiker ohne jede Korrektur unterschreiben könnten.
Schlechte Umfragewerte als Tapferkeitsmedaille
Zuvor hatte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger unbequeme Reformen gefordert. Merz erklärte daraufhin, er befinde sich bereits mitten im politischen Konflikt. Wäre das nicht so, wären seine persönlichen Umfragewerte besser. Er habe schließlich nicht vor, der „Liebling der Nation“ zu werden. „Die Trauben sind mir zu sauer“, sagte der Fuchs …
Wie beruhigend. Die mangelnde Begeisterung der Bürger wird zum Beweis politischer Entschlossenheit umgedeutet. Eine bequeme Logik: Wer Zustimmung verliert, muss besonders mutig regieren. Kritik wird zur Bestätigung, Unzufriedenheit zum Orden für staatsmännische Tapferkeit. Nach dieser Rechnung müsste ein Kanzler mit null Prozent Zustimmung der größte Staatsmann aller Zeiten sein. Dass die Bürger möglicherweise weniger Selbstbeweihräucherung und mehr Ergebnisse erwarten, kommt in dieser Rechnung nicht vor.
Merz beklagte die angeblich fatale Neigung der Deutschen, ihr Land schlechter zu sehen, als es im Ausland wahrgenommen werde. Die wirtschaftlichen Sorgen der Unternehmen verschwinden allerdings nicht dadurch, dass der Regierungschef ihnen eine optimistischere Wortwahl empfiehlt. Wer Reformen fordert, möchte keine Lektion in positiver Psychologie. Besonders komisch wurde die Szene, als Moderatorin Dagmar Rosenfeld Merz ihr volles Wasserglas anbot. Der Kanzler schob ihr sein nicht mehr ganz volles Glas hinüber: „Das halbe für Sie …“
Welch eine Symbolik! Der Kanzler redet vom vollen Glas und reicht den anderen die Hälfte. Die deutsche Regierungspolitik, zusammengefasst in einer einzigen Geste. Merz beherrscht ohnehin eine Disziplin, die im Berliner Regierungsbetrieb besonders hoch im Kurs steht: das Ankündigen. Reformen werden versprochen, Aufbrüche beschworen, Perspektiven eröffnet. Und wenn die Wirklichkeit nicht zur Regierungserzählung passt, wird eben an der Erzählung gearbeitet.
„Noch nicht ganz“ – das Motto einer Kanzlerschaft
Am schönsten war der kleine Nachsatz, mit dem Merz seine optimistische Botschaft selbst relativierte: „Ja, noch nicht ganz.“ Diese drei Wörter verdienen einen Ehrenplatz in der politischen Rhetorik der Bundesrepublik. Wir sind auf einem guten Weg. Noch nicht ganz. Die Reformen kommen. Noch nicht ganz. Deutschland wird wieder wettbewerbsfähig. Noch nicht ganz. Die passende Ausrede für weiterhin uneingelöste Versprechen hat der Kanzler gleich mitgeliefert.
Dabei ist der Unterschied zwischen einem halb vollen und einem halb leeren Glas bekanntlich eine Frage der Perspektive. Bei Merz kommt eine weitere hinzu: die Frage, wer es bezahlen muss. Der Bürger darf die Rechnung begleichen, während ihm die Regierung erklärt, dass er allen Grund zur Dankbarkeit habe. Schließlich könnte das Glas ja noch leerer sein. Für einen kurzen Moment sprachlicher Unachtsamkeit stand die halbleere Flasche auf dem Tisch. Dann besann sich Merz und erklärte sie wieder für halb voll. Schade eigentlich. Für einen Augenblick klang Friedrich Merz beinahe wie ein Oppositionspolitiker. Und damit ausnahmsweise glaubwürdig.
Unschlagbar auch der zweite Höhepunkt, als der Mimimi-Kanzler, der sich immer wieder darüber beschwert, dass die Bürger ihn kritisieren, wissen lässt: Eure Kritik geht mir am A… vorbei, … Obwohl, so möchte man ergänzen „… ich die Hose schon halbvoll habe“.
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