Warum Kerkeling seinem Großvater nachträglich ins Grab spuckte

(David Berger) Es war eine von inzwischen vielen Szenen, die Schauriges über den Zustand der politischen Auseinandersetzung in Deutschland erzählen. Am 30. September beriet der Justizausschuss des Thüringer Landtags über einen Antrag der Linksfraktion, die Landesregierung solle auf ein AfD-Verbotsverfahren hinwirken. Geladen waren Verfassungsrechtler und andere Fachleute – und Hape Kerkeling. Der Entertainer erklärte selbst, nicht als Verfassungsrechtler zu sprechen, sondern als Enkel eines vom NS-Regime verfolgten Kommunisten, der im KZ Buchenwald inhaftiert gewesen war.

Dann griff Kerkeling nach dem größtmöglichen historischen Hammer, der in der Regel immer schief geht. „Angst, Lügen und Hass“ seien Zutaten der nationalsozialistischen Ideologie gewesen und heute Zutaten der „Marschrichtung“ der AfD. Ihre angeblich beschönigende Haltung zur NS-Diktatur mache sie in seinen Augen bereits verfassungswidrig. Wer Rechtspopulisten wähle, ruiniere wissentlich seine eigene Zukunft und die seiner Kinder. Und schließlich kam der Satz, der von diesem Auftritt bleiben dürfte: Bei einer Partei, bei der „alles möglich“ sei, sei „unter Umständen auch Buchenwald möglich“.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Über das schärfste Instrument des deutschen Parteienrechts wird beraten, und ein Unterhaltungskünstler, der ausdrücklich erklärt, kein Verfassungsrechtler zu sein, liefert als Beitrag die historische Apokalypse: Nationalsozialismus, Faschismus, Buchenwald. Dazu jene bedeutungsschwere Mimik und Gestik, mit der Kerkeling früher seine Pointen vorbereitete: Nur rief diesmal niemand „Hurz!“.

Dabei hätte „Hurz!“ der Veranstaltung etwas Befreiendes gegeben. Man hätte wenigstens gewusst: Das ist Dada. Ein Mann trägt Unsinn mit maximaler Bedeutungsschwere vor, und das Publikum versucht verzweifelt, darin einen tieferen Sinn zu entdecken. Im Thüringer Landtag sollte man dagegen ernsthaft darüber nachdenken, ob aus einem AfD-Wahlslogan der Weg zum Konzentrationslager führt.

Verharmlosung des Nationalsozialismus?

Kerkelings Familiengeschichte verdient Respekt. Umso geschmackloser ist es, sie zur Beglaubigung einer solchen Analogie einzusetzen. Sein Großvater hat das wirkliche Buchenwald erlebt: nationalsozialistische Diktatur, Entrechtung, Verschleppung, Zwangsarbeit, Folter und Tod. Wer denselben Namen heute zum Endpunkt einer parteipolitischen Warnung macht, weil ihm Programm und Rhetorik einer legalen Oppositionspartei unerträglich erscheinen, läuft selbst Gefahr, die historische Dimension Buchenwalds zu banalisieren. Kerkeling erklärte in Erfurt: „Wer die verbrecherische Vergangenheit dieses Landes verharmlost und umdichtet, verwirkt jede politische Daseinsberechtigung in unserer Demokratie.“ Diesen Satz sollte er noch einmal langsam lesen. Denn wer „Buchenwald“ zur politischen Chiffre für eine hypothetische Zukunft unter einer heutigen Partei macht, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht selbst jene historischen Maßstäbe verrückt, deren Bewahrung er von anderen verlangt. Noch härter gesagt: Wenn Kerkeling seinem Großvater wirklich ein ehrendes Andenken bewahren will, sollte er dessen Leiden nicht als Requisite des heutigen Parteienkampfes benutzen. Mit der Banalisierung des Namens Buchenwald spuckt man am Ende ausgerechnet denen nachträglich ins Grab, die das wirkliche Buchenwald erleiden mussten.

Nazikeule statt Verfassung

Aber gerade wer über die Angst homosexueller Menschen spricht, müsste an einer nüchternen Bestandsaufnahme sämtlicher Formen von Homophobie interessiert sein. Die Frage nach homophober Gewalt in migrantisch geprägten Milieus ist seit Jahren Gegenstand der Berliner Debatte; sie verschwindet nicht dadurch, dass sie schlecht in die politische Erzählung vom allgegenwärtigen rechten Feind passt. Wer Minderheiten schützen will, sollte Gefahren nach ihrer Realität beurteilen und nicht danach, ob ihre Urheber ins eigene politische Weltbild passen. Genau darin liegt das Ärgernis dieses Auftritts. Kerkeling hätte über konkrete Aussagen von AfD-Politikern sprechen können. Er hätte erklären können, welche davon er für verfassungsfeindlich hält. Juristen taten bei derselben Anhörung genau das und kamen dabei zu unterschiedlichen Bewertungen: Einige hielten die Voraussetzungen für ein Verbotsverfahren für gegeben oder jedenfalls prüfenswert, andere widersprachen. Das wäre eine politische und juristische Auseinandersetzung gewesen. Stattdessen: Buchenwald.

Solche immer wieder hergebetete Maßlosigkeit verrät mehr über den Zustand der AfD-Gegner als über die AfD. Millionen Menschen wählen diese Partei. Man könnte sie fragen, weshalb. Man könnte über Migration, innere Sicherheit, Energiepolitik, Wirtschaft oder das schwindende Vertrauen in staatliche Institutionen streiten. Man könnte ihre Argumente widerlegen und um ihre Stimmen kämpfen. Oder man holt Hape Kerkeling in den Landtag und lässt ihnen erklären, dass sie wissentlich die Zukunft ihrer Kinder ruinieren und am Ende womöglich Buchenwald steht. Kerkeling war einmal ein Meister darin, die Selbstgefälligkeit und unfreiwillige Komik anderer Menschen sichtbar zu machen. Als Königin Beatrix, Horst Schlämmer oder mit „Hurz!“ hielt er Deutschland einen Spiegel vor. Vielleicht hätte er vor seinem Auftritt in Erfurt selbst noch einmal hineinsehen sollen. Das Geniale an „Hurz!“ war nämlich, dass Kerkeling damals wusste, dass es Unsinn war.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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