„Die Kirche ist keine Echokammer des Ich“: Gertrud von Le Forts „Hymnen an die Kirche“ neu entdeckt

(David Berger) Zum 150. Geburtstag Gertrud von Le Forts erscheint eines der bedeutendsten Werke katholischer Dichtung des 20. Jahrhunderts in einer neuen Ausgabe. Die „Hymnen an die Kirche“ erzählen von einem Weg, der dem modernen Menschen fremd geworden ist: aus der Gefangenschaft des eigenen Ich zur objektiven Wahrheit des Glaubens – und zur Kirche als Heimat.

Am 11. Oktober 2026 jährt sich der Geburtstag Gertrud von Le Forts zum 150. Mal. Pünktlich zu diesem Jubiläum legt der Würzburger Echter Verlag ihre berühmten Hymnen an die Kirche neu auf. Es ist eine glückliche Entscheidung. Denn dieses 1924 erstmals erschienene Werk gehört nicht nur zu den Höhepunkten katholischer Literatur deutscher Sprache. Hundert Jahre später liest es sich stellenweise wie die dichterische Antwort auf eine Krise, die inzwischen nicht mehr nur die moderne Gesellschaft, sondern längst auch weite Teile der Kirche selbst erfasst hat.

Gertrud von Le Fort (1876–1971) schrieb ihre Hymnen zwei Jahre vor ihrer Aufnahme in die katholische Kirche. Das ist wichtig. Sie sind nicht die nachträgliche poetische Ausschmückung einer vollzogenen Konversion, sondern Zeugnis eines geistigen Weges, an dessen Ende die Kirche immer deutlicher als Antwort auf die religiöse Sehnsucht des Menschen hervortritt. Die von Gundula Harand herausgegebene Neuausgabe macht diesen Weg in besonderer Weise sichtbar. Harand hat den Text nicht nur mit einer kurzen Vorbemerkung versehen, sondern mit einem ausführlichen theologischen Nachwort, das die philosophischen, theologischen und sprachlichen Voraussetzungen der Hymnen erschließt. Ihr Ausgangspunkt ist treffend: Le Forts Dichtung weise dem modernen Menschen einen Weg „von der subjektiven Verschlossenheit in eine Heimat bei Gott, deren geistige Wirklichkeit durch das Geheimnis der Kirche vermittelt wird“. Damit ist bereits ausgesprochen, weshalb sich die erneute Lektüre lohnt.

Im Gefängnis des eigenen Ich

Le Forts geistige Entwicklung vollzog sich zunächst in einem Milieu, das stark vom liberalen Protestantismus geprägt war. Eine herausragende Rolle spielte Ernst Troeltsch, bei dem sie in Heidelberg studierte. Gundula Harand zeigt in ihrem Nachwort eindrucksvoll, wie stark dessen Denken zunächst den geistigen Horizont Le Forts bestimmte – und wie die Dichterin ihn schließlich überwand. Im Hintergrund steht eine der Grundfragen der Moderne: Wie gelangt der Mensch aus seinem eigenen Bewusstsein zur Wirklichkeit? Und wie gelangt er zu Gott, wenn sein religiöses Erleben am Ende immer wieder auf das eigene Ich zurückgeworfen wird?

Im Prolog der Hymnen begegnet uns eine solche in sich eingeschlossene Seele. Sie sucht Gott und trägt doch immer die Gefahr in sich, statt Gottes nur die eigenen Vorstellungen von Gott zu finden. Harand spricht vom „subjektiv geschlossenen Seelenraum“ und zeigt, wie eng dieser Ausgangspunkt noch mit dem geistigen Milieu Troeltschs verbunden ist. Genau an dieser Stelle vollzieht Le Fort die entscheidende Wendung. Die Antwort auf die religiöse Sehnsucht des Menschen steigt nicht aus den Tiefen seines eigenen Bewusstseins empor. Sie kommt ihm entgegen. Sie spricht. Und diese Stimme ist die Stimme der Kirche.

Le Fort hat ihren Lesern selbst eine Anleitung zum Verständnis der Hymnen gegeben. Sie bezeichnet das Werk als ein Zwiegespräch zwischen der nach Gott verlangenden Seele und Gott, der ihr durch die Kirche antwortet. Gundula Harand fasst den Grundgedanken in einem Satz zusammen, der geradezu als Schlüssel des ganzen Werkes dienen kann: „Gott selbst antwortet der Seele, die nach ihm verlangt, durch die Stimme der Kirche.“

Das klingt heute beinahe anstößig. Denn inzwischen sind wir daran gewöhnt, die umgekehrte Frage zu stellen: Wie muss sich die Kirche verändern, damit der moderne Mensch sie noch versteht? Welche ihrer Forderungen sind ihm noch zuzumuten? Welche Lehren müssen neu interpretiert, welche Gebote abgeschwächt, welche Traditionen aufgegeben werden, damit sie mit dem Bewusstsein der Gegenwart kompatibel bleiben? Le Fort stellt die Frage andersherum. Nicht die Kirche muss in das Bewusstsein des modernen Menschen eingepasst werden. Der Mensch muss aus der Gefangenschaft seines eigenen Bewusstseins herausgeführt werden, damit er eine Wahrheit vernehmen kann, die nicht von ihm selbst stammt. Deshalb ist die Kirche bei Le Fort niemals bloße religiöse Organisation. Sie ist auch keine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die sich auf bestimmte Werte verständigt hat. Sie begegnet der suchenden Seele als eine ihr vorausliegende Wirklichkeit: „Aber du bist eine Stimme mitten in der Seele“, heißt es in Corpus Christi Mysticum. Die Kirche besitzt Autorität gerade deshalb, weil sie nicht ihr eigenes Wort verkündet. Durch ihre Stimme antwortet ein anderer.

Eine Dichtung aus Psalmen und katholischer Tradition

Zu den großen Verdiensten des Nachworts gehört es, die Hymnen wieder stärker in jenen geistlichen und liturgischen Raum hineinzustellen, aus dem sie hervorgegangen sind. Harand weist auf Le Forts intensive Beschäftigung mit den Psalmen hin. Luther bleibt dabei als Übersetzer und Dichter von Bedeutung; zugleich öffnet sich Le Fort immer stärker der katholischen Tradition, insbesondere der spanischen und deutschen Mystik. Johannes vom Kreuz, Meister Eckhart, Dionysius Areopagita und Nikolaus von Kues gehören zu diesem geistigen Hintergrund. Hinzu treten Thomas von Aquin und die katholische Lehre von der Kirche. Das erklärt die eigentümliche Sprache der Hymnen. Le Fort schreibt moderne Dichtung und steht zugleich in einem Sprachraum, der von Psalmen, Hymnen und kirchlichem Gebet geprägt ist.

Harand erinnert in diesem Zusammenhang an einen heute beinahe vergessenen Gedanken: In der Psalmentradition betet die Stimme der Kirche, die ecclesia vox. Le Forts Hymnen schließen sich an diese Tradition an. Sie wollen nicht bloß private religiöse Empfindungen einer Dichterin ausdrücken. In ihnen soll etwas von jener größeren Stimme hörbar werden, die durch die Jahrhunderte hindurch im Gebet der Kirche erklingt. Damit erklärt sich auch die überwältigende Bildsprache des Werkes: Schleier und Licht, Nacht und Feuer, Abgrund und Flügel, Mutter und Braut. Diese Bilder sollen das Geheimnis nicht beseitigen. Sie führen an seine Grenze. Gerade darin unterscheidet sich Le Forts Sprache von jener erschreckenden theologischen und liturgischen Spracharmut, die heute vielerorts herrscht. Das Geheimnis wird nicht banalisiert, um es „verständlich“ zu machen. Seine Größe wird gerade dadurch sichtbar, dass menschliche Sprache an ihm an ihre Grenzen gelangt.

Heimkehr zur Kirche

Noch tiefer reicht eine zweite Bewegung, die Harand herausarbeitet. Der Weg der Hymnen ist nicht nur ein Weg vom Protestantismus zum Katholizismus. Er ist auch ein Weg von einer modernen, subjektzentrierten Religiosität zu einem katholischen Verständnis von Natur und Gnade. Der Mensch muss aus sich herausgeführt werden. Aber er wird dabei nicht vernichtet. Das ist entscheidend. Die Vernunft wird durch den Glauben nicht abgeschafft, sondern zu ihrer Vollendung geführt. Die Natur wird durch die Gnade nicht zerstört, sondern geheilt und erhoben. In der Hymne Corpus Christi Mysticum verdichtet Le Fort diesen Gedanken in dem Bild:

„Du bist wie ein Aufblühn unsrer Heimat.
Du bist wie ein Lichtwerden unsrer dunklen Vernunft.“

Harand sieht darin ausdrücklich das katholische Prinzip, dass die Gnade die Natur voraussetzt. Auch deshalb kann man die Hymnen als Dichtung eines katholischen Realismus lesen. Der Mensch findet seine Freiheit nicht dadurch, dass er alle Bindungen abschüttelt und sich selbst zum Maßstab der Wirklichkeit erklärt. Er findet sich, indem er sich einer Wirklichkeit öffnet, die größer ist als er selbst.

Gertrud von Le Fort wurde 1926 in die katholische Kirche aufgenommen. Aber auch ihre Konversion verstand sie nicht als simplen Bruch mit ihrer protestantischen Herkunft. Harand zitiert einen Brief Le Forts aus demselben Jahr. Darin schreibt die Dichterin: „Ich habe die katholische Kirche zwar nicht als Gegensätzliches zur evangelischen Kirche erlebt, wohl aber als deren Heimat.“ Und dann folgt der entscheidende Satz: „Wo dieses Bekenntnis am stärksten lebt, da muss auch der Herzschlag der Kirche sein.“

Hier begegnet uns ein Verständnis christlicher Einheit, das vom heutigen ökumenischen Minimalismus denkbar weit entfernt ist. Einheit entsteht nicht dadurch, dass man die Unterschiede zwischen den Konfessionen für nebensächlich erklärt. Sie entsteht durch die Bewegung zur Fülle. Deshalb konnte Le Fort die katholische Kirche als Heimat erkennen, ohne das Gute ihrer evangelischen Herkunft verleugnen zu müssen. Die Einheit der Christen ist für sie letztlich in Christus begründet. Doch diese Einheit bleibt nicht unsichtbar und unverbindlich. Die Kirche Christi besitzt eine konkrete, sakramentale Gestalt. Harand verfolgt diesen Gedanken bis zur späteren katholischen Ekklesiologie und zeigt zugleich, wie stark bei Le Fort das Motiv des Corpus Christi Mysticum ist. Die Kirche ist Leib Christi. Ihre Einheit ist daher keine organisatorische Zweckgemeinschaft. Sie gründet in der göttlichen Liebe, die ihre Glieder durchströmt.

Mutter, nicht Spiegel

Hier liegt ganz wesentlich ein Punkt, der die Aktualität der Hymnen an die Kirche zeigt: Eine Kirche, die dem Menschen nur noch bestätigt, was er ohnehin denkt, fühlt und begehrt, hätte Gertrud von Le Fort wenig zu sagen gehabt. Ihre Kirche ist keine Echokammer des Zeitgeistes. Sie ist Mutter, weil sie den Menschen nicht bei sich selbst belässt. Sie ist Lehrerin, weil sie eine Wahrheit verkündet, die sie nicht selbst erfunden hat. Sie ist Heimat, weil sie den Menschen aus der Einsamkeit seines Ich in eine Wirklichkeit hineinführt, die ihm vorausliegt.

Dabei verschweigt Le Fort keineswegs die menschliche Gebrechlichkeit der Kirche. Gerade die Bildwelt von Schleier und Verhüllung erlaubt es ihr, Heiligkeit und geschichtliche Unvollkommenheit zusammenzudenken. Die Wahrheit der Kirche hängt nicht von der moralischen Vollkommenheit ihrer jeweiligen Repräsentanten ab. Harand zeigt, wie Le Fort die Kirche trotz der „Gebrechlichkeit und Schwäche des Menschen“ als Trägerin einer Wahrheit versteht, die ihr nicht zur beliebigen Verfügung steht. Das ist eine Vorstellung von Kirche, die unserer Gegenwart geradezu diametral entgegensteht. Wo heute ständig gefragt wird, wie die Kirche „anschlussfähig“ bleiben könne, fragt Le Fort, wie der Mensch wieder anschlussfähig für die Wahrheit werden kann. Wo kirchliche Funktionäre von Dialogprozessen, Beteiligungsformaten und strukturellen Reformen sprechen, führt Le Fort in einen ganz anderen Raum: in den Raum von Geheimnis, Gnade, Opfer, Heiligkeit, Offenbarung und Anbetung. Und wo die Kirche Gefahr läuft, selbst nur noch mit der Stimme ihrer jeweiligen Epoche zu sprechen, erinnert diese Dichterin daran, dass ihre eigentliche Würde gerade darin besteht, nicht ihre eigene Stimme zu sein.

Ein Buch für unsere Zeit

Dass der Echter Verlag die Hymnen an die Kirche zum 150. Geburtstag Gertrud von Le Forts wieder zugänglich macht, ist deshalb mehr als literarische Denkmalpflege. Gundula Harands ausführliches Nachwort erschließt einen Text, dessen theologische Voraussetzungen vielen heutigen Lesern nicht mehr selbstverständlich sein dürften. Gerade dadurch lässt sich entdecken, dass die Hymnen nicht einer versunkenen Epoche katholischer Hochkultur angehören. Vermutlich brauchen wir sie heute dringender als die Leser von 1924.

Denn die eigentliche Krise, auf die Gertrud von Le Fort antwortet, ist geblieben und hat sich verschärft: der in sich selbst eingeschlossene Mensch, der schließlich nur noch die eigenen Vorstellungen, Wünsche und Empfindungen für wirklich hält.

Le Fort weist einen anderen Weg. Er führt aus dem Ich heraus, durch das Dunkel des Glaubens, unter den Flügeln einer Wirklichkeit, die der Mensch nicht selbst geschaffen hat. Es ist der Heimweg zur Kirche: Der Mensch findet seine Heimat nicht in einer Kirche, die ihm immer ähnlicher wird. Er findet sie in einer Kirche, die ihn daran erinnert, dass über ihm eine Wahrheit steht, die größer ist als er selbst – und dass Gott ihm durch ihre Stimme antwortet.

Gertrud von le Fort: Hymnen an die Kirche. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gundula Harand. 2. Auflage, Echter Verlag, Würzburg 2026, 144 Seiten, Klappenbroschur, 19,90 Euro. ISBN 978-3-429-03741-3.


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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