Die katholischen Bischöfe warnten, mahnten und zogen vor der Wahl in Sachsen-Anhalt rote Linien gegen die AfD. Das Ergebnis: Die Partei wurde mit riesigem Abstand stärkste Kraft. Ein katholischer AfD-Wähler bedankt sich deshalb bei Bischof Wilmer, Erzbischof Koch und Bischof Feige für eine Wahlkampfhilfe der ganz besonderen Art – und bittet sie augenzwinkernd, vor den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern unbedingt genauso weiterzumachen. Wir dokumentieren hier das Schreiben:
Offener Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, den Berliner Erzbischof Heiner Koch und den Magdeburger Bischof Gerhard Feige
Sehr geehrter Herr Bischof Wilmer,
sehr geehrter Herr Erzbischof Koch,
sehr geehrter Herr Bischof Feige,
als Katholik und AfD-Wähler möchte ich Ihnen nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt einfach einmal von Herzen Danke sagen. Man soll schließlich nicht undankbar sein. Sie haben sich vor dieser Wahl mit einer Intensität politisch engagiert, die man sich von deutschen Bischöfen bei manchen anderen Fragen durchaus wünschen würde. Bischof Wilmer warnte, die AfD attackiere die Grundwerte und „hintergehe den demokratischen Staat“. Erzbischof Koch erklärte, die Kirche müsse sogar das Risiko eingehen, AfD-Wähler in ihren Gemeinden zu verlieren. Und Bischof Feige nutzte noch den Wahlsonntag, um vor „nationalistischem und fremdenfeindlichem Gedankengut“ zu warnen.
Das Ergebnis dieser eindrucksvollen kirchlichen Mobilisierung ist bekannt: Die AfD wurde mit gewaltigem Abstand stärkste Kraft in Sachsen-Anhalt. Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis erreichte sie 44,3 Prozent der Zweitstimmen, die CDU 24,0 Prozent.
Man könnte also sagen: Die Schäfchen haben die Hirten gehört – und anschließend ganz bewusst anders gewählt. Natürlich wäre es unseriös zu behaupten, Ihre Interventionen hätten dieses Ergebnis verursacht. Aber vielleicht ist Ihnen wenigstens ein leiser Zweifel gekommen, ob Ihre politische Autorität noch ganz derjenigen entspricht, die Sie offenbar voraussetzen. Denn das Phänomen reicht über Sachsen-Anhalt hinaus. Seit Jahren erleben wir eine nahezu ununterbrochene Kampagne gegen die AfD: Leitartikel, Talkshows, Demonstrationen, NGOs, „Demokratie“-Initiativen, kirchliche Erklärungen und moralische Appelle. Der Ton wird schärfer, die Warnungen dramatischer – und die AfD wird stärker. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang, den man in den Ordinariaten zwischen dem Workshop gegen rechts und dem für queere Priesterinnen in einer synodalen Kirche einmal untersuchen könnte.
Was geschieht, wenn Institutionen, deren gesellschaftliches Vertrauen – freundlich gesagt – überschaubar geworden ist, den Bürgern mit immer größerem moralischem Nachdruck erklären, welche Partei sie auf keinen Fall wählen dürfen? Vermutlich ist Ihnen das in ihrer linksklerikalen Blase entgangen. Aber auch die Katholiken denken schon lange nicht mehr: „Der Bischof hat gesprochen, also weiß ich, was zu tun ist.“ Vielleicht denken sie inzwischen: „Wenn die, die in der Coronazeit das Weihwasser gegen Desinfektionsmittel und die Kommunion gegen die mRNA-Impfung ausgetauscht haben, so dringend davor warnen, sollte ich mir diese Partei einmal genauer ansehen.“
Besonders bemerkenswert ist dabei die kirchliche Selektivität. Parteien, die eine weitere Liberalisierung der Abtreibung fordern, das traditionelle christliche Verständnis von Ehe und Familie bekämpfen, schon im Kindergarten Frühsexualisierung einführen oder zentrale Voraussetzungen des christlichen Menschenbildes infrage stellen, werden kaum einmal unmittelbar vor einer Wahl mit vergleichbarer bischöflicher Dramatik zum Gegenstand einer faktischen Nichtwahlempfehlung. Kein Hirtenwort: „Ein Katholik kann keine Partei wählen, die das Lebensrecht ungeborener Kinder weiter aushöhlen will.“ Kein bischöflicher Aufruf, man müsse notfalls auch Wähler verlieren, die für Parteien stimmen, deren Familien- und Gesellschaftspolitik der katholischen Lehre diametral widerspricht.
Bei der AfD dagegen entdecken deutsche Kirchenvertreter plötzlich eine geradezu barocke Freude an der Eindeutigkeit und Pfarrherrentum. Als Katholik, der sonntags weiterhin das Credo spricht und anschließend dennoch AfD wählt, bin ich Ihnen deshalb für Ihre Bemühungen dankbar. Sie haben ungewollt etwas sichtbar gemacht: den wachsenden Abstand zwischen einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung und jenen Institutionen, die immer noch meinen, ihm politische und moralische Zeugnisse ausstellen zu müssen. Deshalb habe ich eine Bitte: Machen Sie weiter!
Am besten schon bei den bevorstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Herr Erzbischof Koch, Sie sind bereits auf einem ausgezeichneten Weg. Ihre Erklärung, die Kirche müsse das Risiko eingehen, AfD-Wähler zu verlieren, besitzt geradezu programmatische Klarheit. Auch die Berliner Kampagne „Mit Herz und Haltung für Demokratie und Nächstenliebe“ läuft bereits. Bitte bleiben Sie konsequent. Warnen Sie. Ermahnen Sie. Ziehen Sie rote Linien. Erklären Sie katholischen AfD-Wählern noch ausführlicher, weshalb ihre Wahlentscheidung aus Ihrer Sicht kaum mit ihrem Glauben vereinbar ist. Und am besten wieder möglichst kurz vor dem Wahltag.Nach Sachsen-Anhalt könnte man fast auf die Idee kommen, die AfD müsse Ihnen dafür eigentlich Wahlkampfkosten erstatten. Aber ich will das nicht zu laut sagen, das dürfte nämlich derzeit der einziige Punkt sein, bei dem sie auf einmal bereit wären, mit der AfD zusammenzuarbeiten.
Vielleicht wäre allerdings noch etwas anderes denkbar: dass Bischöfe wieder stärker das tun, wozu sie geweiht wurden – das Evangelium verkünden, die Sakramente schützen, den Glauben unverkürzt lehren und Menschen zu Christus führen – und den mündigen Bürgern zutrauen, ihre Wahlentscheidung selbst zu treffen.
Bis es so weit ist, bleibt mir nur ein herzliches katholisches: Vergelt’s Gott für Ihre Wahlkampfhilfe.
Ein Katholik,
der trotz aller bischöflichen Warnungen – oder vielleicht inzwischen auch wegen ihrer bemerkenswerten politischen Treffsicherheit – weiterhin AfD wählt.
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