Papst Leo will das Klima retten – wer rettet die Seelen?

(David Berger) Papst Leo XIV. fordert eine „authentische ökologische Bekehrung“ und setzt damit einen zentralen Schwerpunkt seines Vorgängers Franziskus fort. Doch das Evangelium kennt zuerst und vor allem eine andere Bekehrung: weg von der Sünde, hin zu Christus und zum ewigen Leben. Während Rom immer eindringlicher von der Rettung der Schöpfung spricht, gerät der übernatürliche Auftrag der Kirche zunehmend aus dem Blick.

Es gibt Begriffe, die so sehr zum innersten Bestand des Christentums gehören, dass man mit ihrer Übertragung auf andere Bereiche vorsichtig sein sollte. „Bekehrung“ ist ein solcher Begriff. Als Christus sein öffentliches Wirken beginnt, lautet seine Botschaft: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Metanoeite – kehrt um! Gemeint ist die Abkehr von der Sünde und die Hinwendung zu Gott. Der Mensch soll glauben, sich taufen lassen und aus der Gnade leben. Denn über seinem gesamten irdischen Dasein steht eine Wahrheit, die in der heutigen kirchlichen Verkündigung erstaunlich leise geworden ist: Er wird sterben, vor Gott treten und gerichtet werden. Sein letztes Ziel liegt nicht in dieser Welt, sondern im ewigen Leben.

Umso befremdlicher ist eine Verschiebung, die unter Papst Franziskus geradezu programmatisch wurde und offenbar auch unter Leo XIV. fortgesetzt wird. Bei der Messe zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung am 1. September in Castel Gandolfo forderte Leo eine „echte ökologische Umkehr“. Zugleich gab er als „Gebetsmeinung des Heiligen Vaters“ für den Monat September „für Sorgfalt beim Umgang mit Wasser“ aus: Katholiken sollen jetzt dafür beten, dass „die Menschheit lernt, Wasser dankbar und sparsam zu nutzen, sowie gerecht und verantwortungsvoll und es als ein Recht ohne Grenzen, das allen zusteht, anzuerkennen“. Zuvor hatte eines seiner Kommissionen das heilige Messopfer zur „ökologischen Schule im Klimawandel“ erklärt. Man muss ihm zugutehalten, dass er diese durchaus christlich versteht: Diese Neuausrichtung soll aus der Begegnung mit dem Schöpfer hervorgehen und sich im Umgang mit seiner Schöpfung bewähren. Daran ist für sich genommen wenig auszusetzen. Die Kirche hat nie gelehrt, der Mensch dürfe die ihm anvertraute Natur nach Belieben ausbeuten und zerstören. Aber wir bleiben hier noch auf der rein natürlich-philosophischen Ebene.

Das eigentliche Problem liegt vielmehr in der Verschiebung der Gewichte. Während die „ökologische Bekehrung“ sowie Klimafasten u.a. woke Edelwörter inzwischen ganz selbstverständlich zum kirchlichen Vokabular gehören, ist die Bekehrung zum katholischen Glauben beinahe zu einem peinlichen Thema geworden. Wer Nichtchristen für Christus und seine Kirche gewinnen möchte, sieht sich schnell mit dem Vorwurf des „Proselitismus“ konfrontiert. Aus Mission wurde Dialog, aus Dialog Begegnung und aus Begegnung immer häufiger die Zusammenarbeit für Frieden, Migration, Klima und das „gemeinsame Haus“. Johannes Paul II. hatte in Redemptoris missio noch ausdrücklich davor gewarnt, aus Angst vor dem Vorwurf des Proselitismus den Aufruf zur Bekehrung zu verschweigen. Und auch für Benedikt XVI. war selbstverständlich, dass die Evangelisierung zum Wesen der Kirche gehört. Christus ist nicht lediglich ein religiöser Lehrer, dessen Botschaft einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten kann, in der Klimafasten und die mRNA-Impfung zu den neuen Sakramenten werden, sondern der Erlöser des Menschen.

Was ist aus dem übernatürlichen Ziel des Menschen geworden?

Das Problem zeigte sich bereits in Magnifica humanitas. Dort ist ausführlich von Menschenwürde, Frieden, sozialen und politischen Problemen und der Verantwortung des Menschen für die Welt die Rede. Auffällig schwach bleibt dagegen jene Dimension, ohne die eine katholische Anthropologie letztlich nicht katholisch sein kann: die Berufung des Menschen zum übernatürlichen Leben. Der Mensch besitzt nicht nur eine natürliche Würde und ist auch nicht lediglich dazu bestimmt, innerhalb einer gerechten, friedlichen und ökologisch intakten Welt ein möglichst gelungenes Leben zu führen. Er ist zur Gemeinschaft mit Gott berufen. Durch die heiligmachende Gnade wird er in einer Weise erhöht, die alle natürlichen Güter übersteigt. Sein höchstes Gut besteht deshalb weder in Gesundheit noch in Wohlstand, Frieden, sozialer Teilhabe oder einer intakten Umwelt, so wichtig all dies auf seiner jeweiligen Ebene sein mag. Sein höchstes Gut ist Gott, sein letztes Ziel die visio beatifica, die selige Anschauung Gottes. Wie weit diese Perspektive von manchen heutigen kirchlichen Prioritäten entfernt ist, zeigt ein berühmter Satz des heiligen Thomas von Aquin. Bei der Behandlung der Rechtfertigung schreibt er: Bonum gratiae unius maius est quam bonum naturae totius universi – „Das Gut der Gnade eines einzigen Menschen ist größer als das natürliche Gut des gesamten Universums“ (S. th. I–II, q. 113, a. 9 ad 2).

Lassen wir diesen Satz einen Augenblick auf uns wirken. Thomas spricht nicht davon, dass die sichtbare Schöpfung bedeutungslos sei. Im Gegenteil: Für ihn legt ihre Ordnung Zeugnis von der Weisheit und Güte ihres Schöpfers ab. Aber alle natürlichen Güter zusammen stehen auf einer anderen Ebene als die übernatürliche Gnade. Eine einzige Seele im Stand der heiligmachenden Gnade besitzt deshalb ein Gut, das höher steht als das natürliche Gut des gesamten Kosmos. Eine katholische Kirche, die ihre eigene Tradition noch ernst nimmt, müsste aus dieser Rangordnung auch ihre Prioritäten ableiten.

Stattdessen wird nun sogar die Eucharistie in einen ökologischen Zusammenhang gestellt. Das am 2. September veröffentlichte Dokument der Internationalen Theologischen Kommission zur Sorge für das „gemeinsame Haus“ spricht erneut von der notwendigen „ökologischen Bekehrung“ und trägt an einer Stelle die bemerkenswerte Überschrift „Die Eucharistie als ökologische Schule“. Natürlich kann man auch hierfür theologische Anknüpfungspunkte finden. Brot und Wein sind Gaben der Schöpfung und zugleich Früchte menschlicher Arbeit. Niemand muss deshalb gleich Häresie wittern. Aber die Frage ist doch eine andere: Ist dies wirklich das, was eine weitgehend entchristlichte Welt heute mit besonderem Nachdruck über die Eucharistie hören muss? In Deutschland weiß ein erheblicher Teil selbst der Katholiken kaum noch, was die Kirche über das Messopfer und die Realpräsenz lehrt. Die Eucharistie ist die sakramentale Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi, sein wahrer Leib und sein wahres Blut, das Allerheiligste Sakrament des Altares und Speise zum ewigen Leben. Vor diesem Sakrament kniet der Katholik nieder, weil hier nicht ein Symbol für die Verbundenheit von Mensch und Schöpfung liegt, sondern Christus selbst gegenwärtig ist. In einer solchen Situation ausgerechnet von der Eucharistie als „ökologischer Schule“ zu sprechen, sagt zumindest einiges darüber aus, wohin sich die kirchliche Aufmerksamkeit verschoben hat.

„Himmel und Erde werden vergehen“

Der entscheidende Satz für eine wirklich christliche Einordnung der Ökologie stammt von Christus selbst: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24,35). Darin liegt keinerlei Rechtfertigung für einen verantwortungslosen Umgang mit der Natur. Der Katholik achtet die Schöpfung gerade deshalb, weil sie Schöpfung Gottes ist. Aber er weiß zugleich, dass sie nicht Gott ist und dass sie nicht das letzte Ziel des Menschen sein kann. Das Christentum ist keine Religion zur Bestandssicherung der gegenwärtigen Welt. Sein Horizont ist eschatologisch. Es verkündet Tod und Gericht, Auferstehung und ewiges Leben und schließlich den „neuen Himmel und eine neue Erde“ (Offb 21,1). Gerade deshalb wirkt es so merkwürdig, wenn die Kirche unserer Tage den Begriff der Bekehrung mit besonderer Begeisterung dort verwendet, wo es um Ökologie geht, während sie bei der Bekehrung von Menschen zu Christus und seiner Kirche auffallend zurückhaltend geworden ist.

Christus hat seinen Aposteln keinen Auftrag zur ökologischen Bekehrung der Menschheit hinterlassen. Sein Auftrag lautete: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Gerade ein Europa, dessen Kirchen sich leeren und in dem Millionen Getaufte den Glauben ihrer Väter verloren haben, braucht diese Bekehrung dringender denn je: die Bekehrung von der Sünde zur Gnade, vom Unglauben zum Glauben, von der Gottvergessenheit zu Christus. Um die Schöpfung dürfen und sollen sich Christen sorgen. Aber die Kirche ist nicht gegründet worden, um die Erde zu retten. Ihr wurden die Sakramente, die Verkündigung und die Mission anvertraut, damit Menschen das ewige Leben erlangen. Thomas von Aquin wusste noch, warum diese Rangordnung entscheidend ist: Das Gut der Gnade einer einzigen Seele übersteigt das natürliche Gut des ganzen Universums.

Und am Ende steht über allen ökologischen Zukunftsszenarien noch immer das Wort Christi: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Daher gilt: „Suchet zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch dazugegeben“ (Mt 6,33). Das eigentlich Erschütternde ist dabei nicht, dass das die „Welt“ vergessen hat, sondern dass man einen Papst daran erinnern muss.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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