(David Berger) Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat mit ungewöhnlicher Klarheit über die Zukunft des christlichen Abendlandes gesprochen. Europa werde nicht allein von außen bedroht, sondern vor allem durch eine „innere Apostasie“ ausgehöhlt. Zugleich warnt der frühere Präfekt der Glaubenskongregation davor, ausgerechnet im Islam die Antwort auf den westlichen Nihilismus zu suchen. Sein Gegenentwurf ist ebenso eindeutig wie im heutigen kirchlichen Betrieb unbequem: Christus, Mission und Bekehrung.
In seinem Grußwort an die „Tavola di Assisi 2026“ beschreibt Müller das christliche Abendland zwischen zwei Herausforderungen: Auf der einen Seite steht ein posthumanistischer Westen, der sich von Gott und schließlich vom Menschen selbst verabschiedet; auf der anderen ein selbstbewusst expandierender Islam. Die tiefere Ursache der europäischen Krise liegt für den Kardinal allerdings nicht außerhalb Europas: „Das christliche Abendland wird nicht mehr einfach nur von äußeren Kräften bedroht, sondern durch eine innere Apostasie zermürbt.“
Der Westen schafft den Menschen ab
Diese Apostasie erkennt Müller im Siegeszug des Posthumanismus. Unter dem Versprechen, den Menschen von Gott und den Grenzen seiner Natur zu befreien, werde am Ende der Mensch selbst zur „manipulierbaren Materie“, zum „Algorithmus unter Algorithmen“. Seine Würde als Ebenbild Gottes gehe verloren. Der moderne Mensch beanspruche inzwischen, die menschliche Natur, die Ehe sowie die Grenzen von Leben und Tod nach eigenem Willen neu zu definieren. Müllers Diagnose ist bemerkenswert knapp: „Der Westen hat den Glauben verloren, weil er die Vernunft verloren hat.“
Damit stellt er eine verbreitete Erzählung der Moderne auf den Kopf. Nicht das Christentum erscheint als Feind der Vernunft. Vielmehr führt gerade die Abkehr von Schöpfungsordnung und Logos zu einem Denken, das selbst die anthropologische Wirklichkeit der Verfügungsgewalt des Menschen unterwirft.
Der Islam als scheinbare Alternative
Vor diesem Hintergrund erklärt sich für Müller auch die Attraktivität, die der Islam auf manche Menschen im erschöpften Westen ausübt. Anders als das säkularisierte Europa schäme er sich weder Gottes noch der Transzendenz. Wo das Christentum seine eigenen Symbole und Wahrheitsansprüche versteckt, wirkt eine Religion mit ungebrochenem Selbstbewusstsein zwangsläufig stark. Doch der Islam könne nicht die Antwort auf den westlichen Nihilismus sein. Seine Anthropologie und sein Offenbarungsverständnis unterschieden sich grundlegend vom Christentum. Müllers Alternative lautet deshalb: „Die Antwort auf den Nihilismus ist nicht der Fundamentalismus, sondern Christus, der fleischgewordene Logos.“ Europa steht demnach nicht vor der Wahl zwischen einer gottlosen Postmoderne und einer religiösen Unterwerfung. Es besitzt eine dritte Möglichkeit – seine eigene christliche Identität wiederzuentdecken.
Besonders brisant wird Müllers Rede, als er auf den heiligen Franziskus von Assisi zu sprechen kommt. Dessen Begegnung mit Sultan al-Malik al-Kamil im Jahr 1219 wird heute gerne als frühes Muster eines interreligiösen Dialogs dargestellt, bei dem Mission und Wahrheitsanspruch möglichst in den Hintergrund treten. Für Müller ist das eine „historische und theologische Verfälschung“. Franziskus sei nicht nach Ägypten gegangen, „um einen diplomatischen Salon zu eröffnen“ oder den Sultan in seinem Glauben zu bestätigen. Er sei von der Liebe zu den Seelen und von der Gewissheit getrieben gewesen, „dass Jesus Christus der einzige Retter aller Menschen ist“.
Daraus zieht Müller eine Konsequenz, die mit dem heute vorherrschenden Verständnis des interreligiösen Dialogs schwer vereinbar ist: „Die Einladung zur Bekehrung ist kein Akt der Feindseligkeit und auch kein Überbleibsel mittelalterlicher Intoleranz. Im Gegenteil: Sie ist der höchste Akt der Liebe.“ Wer Christus tatsächlich für „den Weg, die Wahrheit und das Leben“ hält, kann Mission nicht grundsätzlich als Respektlosigkeit gegenüber Andersgläubigen betrachten. Der Wahrheitsanspruch des Christentums verpflichtet vielmehr zur Verkündigung.
„Muslime respektieren kein schwaches Christentum“
Noch deutlicher wird Müller mit Blick auf die europäischen Kirchen: „Muslime respektieren kein schwaches Christentum, das sich des Kreuzes schämt und sich auf eine Wohltätigkeitsorganisation oder auf Umweltschutz reduziert.“ Sie respektierten Menschen, „die glauben“. Der Satz trifft einen empfindlichen Punkt. Ein selbstbewusst auftretender Islam trifft in Europa vielerorts auf ein institutionelles Christentum, das über Klimapolitik, Sozialprogramme und gesellschaftliche Transformation oft entschiedener spricht als über Sünde, Erlösung und ewiges Leben.
Müllers Gegenmodell ist Franziskus. Respekt vor dem Muslim bedeutet gerade nicht, den eigenen Glauben zu verstecken. Christen sollten Muslimen, die nach Europa kommen, deshalb nicht nur materielle Hilfe und Dialog anbieten, sondern das, was sie selbst als ihren größten Schatz bekennen: „die Bekehrung zum Glauben an den einen wahren Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist“.
Eine indirekte Kritik an Leo XIV.?
Müller nennt Papst Leo XIV. nicht. Dennoch fällt auf, wie deutlich seine Akzentsetzung von jener Sprache abweicht, die Rom im Verhältnis zum Islam zuletzt bevorzugte. Leo XIV. hat wiederholt Gemeinsamkeiten von Christen und Muslimen, interreligiöse Zusammenarbeit, Frieden und Geschwisterlichkeit hervorgehoben. Im Mai 2026 sprach er vor Teilnehmern eines christlich-muslimischen Kolloquiums sogar von einer „gemeinsamen Mission“ von Christen und Muslimen, einer erkalteten Welt wieder Menschlichkeit zu geben. Noch aufschlussreicher war seine Antwort auf dem Rückflug von der Türkei- und Libanonreise im Dezember 2025. Auf die Frage, ob der Islam die christliche Identität Europas bedrohe, stellte Leo vor allem Frieden, Dialog und Freundschaft mit Muslimen heraus. Ängste vor dem Islam würden in Europa häufig von Menschen geschürt, die gegen Einwanderung seien.
Vor diesem Hintergrund kann man Müllers Rede durchaus als Gegenakzent zu einem vatikanischen Islam-Appeasement lesen. Ausdrücklich behaupten lässt sich das nicht – dafür fehlt jeder direkte Bezug auf den Papst. Der theologische Gegensatz in der Schwerpunktsetzung ist dennoch schwer zu übersehen. Das zeigt sich ausgerechnet am heiligen Franziskus. Während der „Geist von Assisi“ in Rom seit Jahrzehnten vor allem mit interreligiöser Begegnung verbunden wird, erinnert Müller daran, was beim historischen Franziskus leicht unterschlagen wird: Er ging zum Sultan nicht nur, um ihm zu begegnen, sondern um ihm Christus zu verkünden. Damit stellt sich eine Frage, die weit über diese Rede hinausreicht: Ist interreligiöser Dialog für die Kirche ein Ziel an sich – oder muss er mit dem Missionsauftrag verbunden bleiben, den Christus seiner Kirche gegeben hat?
Europa braucht wieder den Mut zur Mission
Am Ende führt Müller die beiden Linien seiner Rede zusammen. Ein Europa, das Christus aufgegeben hat, kann dem Posthumanismus ebenso wenig entgegensetzen wie einer selbstbewusst auftretenden konkurrierenden Religion: „Das Abendland wird sich vor dem Posthumanismus retten und nicht von anderen Religionen assimiliert werden, wenn es den Mut zur Mission wiederfindet.“
Deshalb dürfe man auch keine Angst haben, die „soziale Königsherrschaft Christi“ zu verkünden. Schließlich fällt der Satz, der in der gegenwärtigen kirchlichen Dialogsprache fast wie ein Donnerschlag wirkt: „Außerhalb Christi gibt es kein Heil.“ Dabei richtet Müller seinen Bekehrungsruf keineswegs nur an Muslime. Er richtet ihn zuerst an die Christen selbst und an „ein Europa, das seine Wurzeln verleugnet hat“.
Genau darin liegt die eigentliche Pointe seiner Rede, die an eine Mahnung von Peter Scholl-Latour vor vielen Jahren erinnert: Europas entscheidende Niederlage beginnt nicht mit der Stärke des Islam, sondern mit der Schwäche eines Christentums, das nicht mehr an seinen eigenen Wahrheitsanspruch glaubt. Müllers Alternative lautet daher nicht Abschottung, sondern Rückkehr zum Ursprung: „Nur wenn das Abendland Gott wieder in den Mittelpunkt stellt, wird der Mensch wieder wahrhaft menschlich sein.“ Europa kann dem Islam nicht dadurch begegnen, dass es weniger christlich wird. Es müsste wieder christlicher werden.
Quelle:
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