(David Berger) Die Kommunalwahl in Niedersachsen hat einen eindeutigen Gewinner: die AfD. Nach den ersten landesweiten Ergebnissen steigt sie von 4,6 auf 16,5 Prozent und zieht flächendeckend in die kommunalen Vertretungen ein. In Salzgitter wird sie stärkste Kraft im Stadtrat, ihre Oberbürgermeisterkandidatin Patricia Mair erreicht die Stichwahl.
Es ist ein Ergebnis, das weit über Niedersachsen hinaus Beachtung finden dürfte. Die CDU bleibt mit 27,7 Prozent stärkste Kraft, die SPD erreicht nur noch 24,5 Prozent. Dahinter folgt bereits die AfD mit 16,5 Prozent. Die Linke erreicht 5,9 Prozent, die FDP 3,6 Prozent. Damit hat die AfD ihr Ergebnis gegenüber der Kommunalwahl 2021 mehr als verdreifacht: Damals waren es lediglich 4,6 Prozent. Ein Zugewinn von 11,9 Prozentpunkten macht sie zum mit Abstand größten Gewinner dieser Wahl.
Entscheidend ist jedoch nicht allein die Prozentzahl. Kommunalwahlen zeigen, ob eine Partei tatsächlich im politischen Alltag eines Landes verwurzelt ist: in Kreistagen, Stadt- und Gemeinderäten, dort also, wo über Schulen, Straßen, kommunale Finanzen, Bauvorhaben, Migration und öffentliche Sicherheit entschieden wird. Genau hier vollzieht die AfD nun einen großen Schritt nach vorn.
Schledde: „Die AfD ist seit heute Kommunalpartei“
Der niedersächsische AfD-Landesvorsitzende Ansgar Schledde spricht von einem historischen Erfolg. Seine Partei sei mit einem Zugewinn von 11,9 Prozentpunkten „der eindeutige Gewinner des Abends“: „Flächendeckend sind wir nun in allen Kreistagen und Stadträten der kreisfreien Städte vertreten. Zusätzlich in Hunderten Gemeinde- und Stadträten. Die AfD ist seit heute Kommunalpartei.“
Schledde verbindet das Ergebnis ausdrücklich mit der Landtagswahl 2027. Die große Zahl neuer Mandatsträger verschafft der Partei etwas, das für ihren weiteren Aufstieg wichtiger sein könnte als kurzfristige Umfragerekorde: Personal, kommunalpolitische Erfahrung und dauerhafte Präsenz vor Ort. Nach Angaben des Landesverbandes ist die AfD auf dem Weg, die Zahl ihrer kommunalen Mandate zu verfünffachen. Besonders deutlich zeigt sich die Verschiebung in Salzgitter. Dort ist die AfD bei der Stadtratswahl stärkste Kraft geworden. Gleichzeitig erreichte ihre Oberbürgermeisterkandidatin Patricia Mair mit 25,67 Prozent die Stichwahl gegen den amtierenden CDU-Oberbürgermeister Frank Klingebiel, der auf 45,61 Prozent kam.
Dass eine AfD-Kandidatin in einer westdeutschen Großstadt in die Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt gelangt und ihre Partei zugleich stärkste Kraft im Stadtrat wird, weist über den Einzelfall hinaus. Der lange gepflegte Eindruck, die großen AfD-Erfolge seien im Wesentlichen ein ostdeutsches Phänomen, lässt sich immer schwerer aufrechterhalten.
Vier AfD-Kandidaten durften nicht antreten
Zusätzliche politische Brisanz erhält das Ergebnis durch die Auseinandersetzungen um die Zulassung von AfD-Bewerbern. Vier Kandidaten der Partei durften bei kommunalen Direktwahlen nicht antreten: Stephan Bothe im Landkreis Lüneburg, Martin Sichert im Landkreis Friesland, Justin Vogel in Herzberg am Harz und Thorsten Moriße in Wilhelmshaven. Schledde sieht darin einen zusätzlichen Mobilisierungsfaktor. Die Nichtzulassungen hätten bei vielen Bürgern das Bewusstsein geschärft, dass aus ihrer Sicht ein politisches Korrektiv auch auf kommunaler Ebene notwendig sei. Fest steht jedenfalls: Der Ausschluss einzelner Kandidaten hat den Aufstieg der Partei nicht gebremst. Das Wahlergebnis spricht eine klare Sprache.
Für die SPD ist das Ergebnis dagegen eine schwere Niederlage. Sie verliert 5,5 Prozentpunkte und fällt auf 24,5 Prozent. Auch CDU, Grüne und FDP müssen Verluste hinnehmen. Während die bisherigen großen Parteien Stimmen abgeben, gewinnt die AfD zweistellig hinzu. Damit erreicht eine Entwicklung die kommunale Ebene, die sich bei Landtags- und Bundestagswahlen längst abgezeichnet hat. Der Aufstieg der AfD beschränkt sich nicht mehr auf hohe Umfragewerte und spektakuläre Ergebnisse im Osten. Die Partei beginnt, sich auch im Westen dauerhaft in den politischen Strukturen vor Ort festzusetzen.
Gerade deshalb könnte der 13. September 2026 für die niedersächsische AfD langfristig wichtiger sein als mancher Rekordwert in einer Sonntagsfrage. Eine Partei wird erst dann dauerhaft zur politischen Macht, wenn sie über Strukturen, erfahrene Mandatsträger und kommunale Verankerung verfügt. Mit Hunderten neuen Mandaten baut die AfD genau diese Infrastruktur auf. Schleddes Satz, die AfD sei „seit heute Kommunalpartei“, ist daher mehr als die übliche Siegesrhetorik eines Wahlabends. Er beschreibt den eigentlichen Einschnitt dieser Wahl. Für die etablierten Parteien dürfte darin die unangenehmste Nachricht dieses Wahlsonntags liegen.
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