
(David Berger) Seit Jahren verhindert die Stadt Wien, dass auf dem Kahlenberg ein bereits geschaffenes Denkmal für Jan III. Sobieski aufgestellt wird – jenen polnischen König, der 1683 das christliche Entsatzheer zur Befreiung Wiens führte. Am Jahrestag der Schlacht nahmen Teilnehmer einer patriotischen Gedenkveranstaltung die Sache selbst in die Hand und stellten eine Sobieski-Statue dort auf, wo bis heute nur ein leerer Sockel an den Befreier Wiens erinnert.
Am Wiener Kahlenberg ist am Samstag geschehen, was die rot regierte Stadt seit Jahren verhindern will: Jan III. Sobieski bekam eine Statue. Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung stellten am 12. September eine mitgebrachte Skulptur des polnischen Königs an jenem historischen Ort auf, von dem aus 1683 die Entscheidungsschlacht zur Befreiung Wiens ihren Ausgang nahm. An der Veranstaltung nahmen auch polnische Patrioten teil. Martin Sellner hielt eine Rede und erklärte anschließend, man habe Sobieski „genau an dem Ort aufgestellt, wo sie hingehört“. Man werde nicht aufhören, bis Wien das Andenken an den polnischen König angemessen ehre.
Die Aktion hatte einen ebenso einfachen wie provokanten Hintergrund: Dort, wo Sobieski am Kahlenberg längst mit einem großen Reiterdenkmal geehrt werden sollte, befindet sich bis heute nur ein Sockel. Das eigentliche Denkmal existiert. Die Stadt Wien will es jedoch nicht aufstellen lassen. Sellner warf der Stadt vor, eine bereits mit der polnischen Seite getroffene Vereinbarung gebrochen zu haben. Seine Botschaft: Wenn die Stadtverwaltung Sobieski nicht an seinen historischen Platz stellt, werde man selbst an ihn erinnern.
Damit stehen die Identitären mit ihrer Forderung keineswegs allein. Bereits im August hatte die Wiener ÖVP gemeinsam mit dem polnischen Botschafter Zenon Kosiniak-Kamysz eine ähnliche Aktion durchgeführt und einen mehr als zwei Meter hohen Sobieski-Aufsteller aus Karton am Kahlenberg präsentiert. ÖVP-Klubobmann Harald Zierfuß brachte den Zustand auf den Punkt: Der Befreier Wiens habe eine Statue verdient und keinen leeren Sockel.
Ein Denkmal, das längst fertig ist
Dass ausgerechnet Jan III. Sobieski in Wien zum Gegenstand eines erinnerungspolitischen Streits werden konnte, gehört zu den bezeichnenden Kapiteln im Umgang der österreichischen Hauptstadt mit ihrer eigenen Geschichte. Im Sommer 1683 belagerte ein großes osmanisches Heer unter Großwesir Kara Mustafa Wien. Die Stadt befand sich nach wochenlanger Belagerung in höchster Gefahr. Ein christliches Entsatzheer aus verschiedenen Teilen Europas eilte ihr zu Hilfe. Den Oberbefehl führte der polnische König Jan III. Sobieski.
Am 12. September 1683 kam es zur entscheidenden Schlacht. Die verbündeten Truppen griffen die Osmanen an. Berühmt wurde insbesondere der gewaltige Angriff der polnischen Husaren. Das osmanische Heer wurde geschlagen, die Belagerung Wiens war beendet. Sobieski ging damit als einer der entscheidenden Protagonisten der Befreiung Wiens in die europäische Geschichte ein. Die polnische Botschaft in Wien erinnert daran, dass die europäischen Armeen unter seinem Kommando gegen die osmanischen Truppen kämpften und die Schlacht von 1683 zu den bedeutenden Ereignissen der europäischen Geschichte gehört.
2013 ergriff ein polnischer Verein aus Krakau die Initiative für ein Sobieski-Denkmal auf dem Kahlenberg. Das Vorhaben kam zunächst weit voran. Ein Sockel wurde errichtet, und auch das eigentliche Reiterstandbild wurde in Polen geschaffen. Das Monument ist rund acht Meter lang und wiegt etwa drei Tonnen. Seine für 2018 geplante Aufstellung in Wien kam jedoch nicht zustande. Das Resultat ist bis heute am Kahlenberg zu sehen: Der Sockel steht, der König fehlt. Anstelle des ursprünglich vorgesehenen Reiterstandbildes erhielt der Granitblock eine Inschrift, die an die Ereignisse von 1683 erinnert und den Akzent auf Frieden und Zusammenleben legt. Die Stadt Wien betrachtet diese Lösung inzwischen als ausreichende Form des Gedenkens. Die polnische Seite hat sich damit nicht abgefunden. Noch im September 2024 erklärte die polnische Botschaft offiziell, die Initiative zur Errichtung eines Sobieski-Denkmals sei „leider gescheitert“. Zugleich äußerte sie die Hoffnung, dass König Jan III. Sobieski und der Schlacht am Kahlenberg in Wien künftig ein „würdiges Gedenken“ zuteilwerde.
Wien fürchtet „antitürkische Ressentiments“
Im November 2024 erteilte die Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) dem ursprünglichen Denkmal endgültig eine Absage. Ihre Begründung zeigt, dass es längst nicht mehr allein um ästhetische oder denkmalpflegerische Fragen geht. Die Stadt werde keine Bühne errichten, die zur „ausländerfeindlichen Hetze“ oder zum Schüren „islamfeindlicher und antitürkischer Ressentiments“ instrumentalisiert werden könne.
Die von der Stadt herangezogene wissenschaftliche Untersuchung empfahl ebenfalls, von einem heroisierenden Sobieski-Denkmal Abstand zu nehmen. Ein klassisches Heldendenkmal passe nicht zu einem Europa, das sich als Friedensprojekt verstehe. Statt der Erinnerung an Sieg und Niederlage sollten Frieden, Bündnisse und Völkerverständigung stärker in den Mittelpunkt rücken. Damit wird allerdings ausgerechnet der entscheidende historische Sachverhalt zunehmend in den Hintergrund gedrängt: Wien wurde 1683 von einem osmanischen Heer belagert. Ein europäisches Entsatzheer unter dem Oberbefehl Sobieskis kam der bedrängten Stadt zu Hilfe, schlug die Belagerer und bewahrte Wien vor der Eroberung.
Aus dieser historischen Tatsache folgt keinerlei Feindschaft gegenüber heute in Österreich lebenden Türken oder Muslimen. Aber Geschichte verliert ihren Sinn, wenn man sie so lange den Empfindlichkeiten der Gegenwart anpasst, bis aus der erfolgreichen Abwehr eines Eroberungsheeres vor allem eine Lektion über Völkerverständigung geworden ist.
Dass die Forderung nach dem Denkmal keineswegs ein Anliegen der Identitären allein ist, zeigte sich erst vor wenigen Wochen. Im August stellte die Wiener ÖVP gemeinsam mit dem polnischen Botschafter demonstrativ einen über zwei Meter hohen Sobieski aus Karton am Kahlenberg auf. Der Botschafter erinnerte daran, dass die Befreiung Wiens nicht nur für Österreich, sondern für ganz Europa von Bedeutung gewesen sei. Auch politisch reicht die Unterstützung für ein Sobieski-Denkmal weiter. Im Bezirksparlament von Döbling fand ein entsprechender Antrag bereits 2024 eine Mehrheit. Die Wiener Kulturstadträtin hielt dennoch an der Ablehnung des ursprünglichen Reiterdenkmals fest. Damit bekommt der Konflikt eine zusätzliche Pointe: Ausgerechnet die Weigerung der Stadt, einem historisch unbestreitbar zentralen Akteur der Befreiung Wiens das geplante Denkmal zuzugestehen, hat den Kahlenberg zu einem politischen Symbol gemacht.
Der leere Sockel als Symbol

Am 12. September 2026 stand nun erneut eine Sobieski-Statue auf dem Kahlenberg – diesmal aufgestellt von Patrioten aus Österreich und Polen. Die Aktion war nicht nur eine Erinnerung an ein Ereignis vor 343 Jahren. Sie richtete sich zugleich gegen eine Geschichtspolitik, die mit den Kategorien der Gegenwart darüber entscheidet, welche Gestalten der eigenen Vergangenheit noch öffentlich als Helden geehrt werden dürfen. Dabei wäre die historische Aussage eines Sobieski-Denkmals denkbar einfach. Ein fremdes Heer belagerte Wien. Die Stadt drohte zu fallen. Ein polnischer König eilte mit seinen Verbündeten zu Hilfe. Die Belagerer wurden geschlagen. Wien war frei.
Dass man diese Geschichte im Wien des Jahres 2026 kaum noch erzählen kann, ohne zuerst über mögliche „islamfeindliche und antitürkische Ressentiments“ zu diskutieren, sagt weniger über das Jahr 1683 als über unsere Gegenwart. Man mag über Martin Sellner und die Identitäre Bewegung denken, was man will. Dass eine solche Aktion überhaupt eine derartige politische Sprengkraft entfalten kann, hat die Wiener Stadtpolitik selbst ermöglicht. Sie hat aus einem Denkmal, das an einen historischen Befreier der Stadt erinnern sollte, einen Kulturkampf gemacht. So ist der leere Sockel auf dem Kahlenberg längst selbst zum Denkmal geworden: nicht für Jan III. Sobieski, sondern für ein Europa, das sich immer schwerer damit tut, die eigene Geschichte als seine eigene anzunehmen.
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